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Einfach Leben

Niuatoputapu, Tonga

Eintausendreihundert und neunundzwanzig Meter, die elektronische Seekarte springt auf ein neues Bild, auf einen neuen Kartenmaßstab. Fünfhunderteinundfünfzig Meter, das kleine Boot am Laptop-Bildschirm bewegt sich langsam über die nächste Tiefenlinie, während LA BELLE EPOQUE mit gefüllten Segel über die dunkle Wasserfläche gleitet. Wieder haben wir das tiefe Wasser des Südpazifiks im Kielwasser gelassen. Und wie erwartet grüßt uns reges Leben im nun kaum noch einhundert Meter tiefen Wasser zwischen den beiden Inseln von Niuatoputapu, der nördlichsten Inselgruppe des Königreichs Tonga.

Bald schon sehen wir den ersten "Blas" - den feinen Wasserstaub eines Luft ausblasenden Wales. Unzählige Buckewale kommen jährlich ins warme und fischreiche Wasser um diese Inselgruppe, um ihre Jungen zu gebären und sie für die lange Reise ins Eismeer vorzubereiten. Wir bergen das Vorsegel, den Besan und lassen uns noch einige Zeit unter Groß alleine treiben, um die Wale bei ihrem Spiel im tropisch warmen Wasser zu beobachten. Geräuschlos treibend scheint die grüne Yacht keine Gefahr zu vermitteln und die sonst scheuen Tiere kommen neugierig näher. Ein junger, noch kleinerer Buckelwal taucht knapp vor unserem Bug unter, wir blicken gespannt über die glatte Wasseroberfläche. Plötzlich wird ein dunkler Schatten unter LA BELLE EPOQUE sichtbar, langsam taucht der Wal unterm Boot durch, dreht sich und zeigt seinen weißen Bauch, während er die Yacht genau beäugelt. Keine drei Meter neben uns taucht der Buckelwal dicht unter die Wasseroberfläche auf und zieht langsam zurück zu seiner wartenden Familie. Sanft und friedlich wirken seine Bewegungen, wir halten die Luft an, genießen den magischen Moment der gegenseitigen Bewunderung.

Steuerbord voraus hebt sich der perfekte Vulkankegel der Insel Tafahi in den tiefblauen Himmel. Nur an seinem Gipfel hängt ein kleines, weißes Wölkchen im strahlenden Sonnenschein. Eine kleine Vulkaninsel, die noch kein eigenes Korallenriff hat und somit auch über keinen sichern Ankerplatz oder Anleger verfügt. Dennoch leben zwanzig Menschen auf Tafahi´s Hängen. Sie ziehen Schweine und bauen Kavawurzeln an, welche sie mit etwas Profit an die südlicheren Inselgruppen verkaufen können, wenn alle paar Monate das kleine Handelsschiff Tongas auf Niuatoputapu halt macht.

Auch wir steuern die Einfahrt zur größeren Insel südlich von Tafahi an: Niuatoputapu. Am ausgedehnten Aussenriff schäumt die brechende See und bald kommen die rostigen und teilweise halbversunkenen Seezeichen in Sicht, welche die kleine, seichte Einfahrt in die Lagune zwischen den Korallen markieren. Ich starte den Motor während Jürgen zur besseren Sicht seinen Platz am Bug einnimmt. Die Zahlen am Echolot fallen, bis er kaum noch fünf Meter unterm Kiel zeigt, während die Wellen das Boot heben und senken und sich wenige Meter an Backbord zu gefährlichen Brechern aufstellen. Längst ist der Meeresboden deutlich zu sehen und Jürgen gibt Handzeichen, sodass ich das Boot sicher um die dunklen Korallenköpfe in dem schmalen Pass steuern kann. Die leichte Strömung gegen uns ist kaum zu spüren. Ruhig und glatt umgibt uns das türkise Wasser der Lagune, während der Anker neben der einzigen bereits ankernden Yacht ausrauscht. Es ist bereits später Nachmittag und wir verschieben unsere offizielle Ankunft in Tonga auf morgen.

Ankern in Tonga

Drei Dörfer gibt es entlang der einzigen asphaltierten Strasse entlang des Nordufers von Niuatoputapu. Seit der großen Tzunami, die 2009 die Insel erreichte und alle Dörfer dem Erdboden gleich machte, leben die Menschen in kleinen, weiß-blauen Holzhäuschen. Sie wurden als Caritas-Hilfsprojekt gespendet und lösen die traditionellen Fales - offenen Palmhütten - ab. Viele besuchende Yachtcrews schlossen sich den Hilfsarbeiten an und brachten den Einheimischen nötige Güter von größeren Inseln Tongas und von Samoa. So heißen bis heute die Menschen von Niuatoputapu einlaufende Yachtcrews herzlich willkommen und freuen sich über Besuch.

Obwohl die meisten Familienväter halbjährlich nach Neuseeland oder Australien gehen, um dort als Erntehelfer oder Maschinisten etwas Geld zu verdienen, fehlt es den Familien auf der Insel immer noch an vielen. Angelzeug und Schnorchel-Ausrüstung, Stoffe für Kleidung und Bettwäsche, selbst Essgeschirr und Trinkgläser stehen hoch auf der Wunschliste. Der Arzt des kleinen Krankenhauses fragt nach Verbandsmaterial und übrige Medikamente und wir suchen einige Dinge an Bord zusammen, die wir abgeben können.

Zuerst wirkt dieses Fehlen an Gebrauchsgegenständen eigenartig auf uns. Immerhin ist die Katastrophe bereits sechs Jahre her. Warum hat keiner der Männer bei seinem jährlichen Heimflug von Australien ein paar Teller und Tassen in seinen Koffer gepackt? Wahrscheinlich haben die Familien hier ein höheres Einkommen als wir selbst - da kann es doch nicht sein, dass sich die Menschen hier nicht ein paar simple Gebrauchsgegenstände beschaffen können. Doch bald schon verstehen wir, dass Inselleben eben nicht so läuft.

In Wahrheit fehlt es den Menschen doch an nichts Wichtigem! Die Gärten und Plantagen sind voll Früchte und Wurzelgemüse, um die Hütten laufen Schweine, Hühner und Hunde herum. Kokos versorgt die Menschen mit Milch und Öl. Was macht es schon, wenn große Bananenblätter zu Teller gefaltet werden. Gegessen wird ohnehin am liebsten mit den Fingern und nur wir "Palangi" (Weiße) benötigen Essbesteck. Fischen kann man eben auch mit einer Leine auf einem Holzstab und nachdem niemand eine Harpune hat, ist es auch egal, wenn keine Flossen zu finden sind.

Leben in Niuatoputapu

Generell gilt auf Niuatoputapu, dass geteilt wird, was man besitzt. Geht einem Haushalt das Mehl oder Öl aus, bevor das Versorgungsschiff neuen Proviant bringt, wird eben zum Nachbarn um Nachschub gegangen. Hat einer der Männer beim Fischfang Glück, finden sich meist bald ein paar Hungrige ein, um die Beute gemeinsam am Strand zu grillen. So geht es allen gut und das Gemeinschaftsgefühl in den Dörfern ist stark. Allerdings beobachten wir schnell, dass dieses offene Teilen doch nicht ganz problemlos ist. Denn es bleibt nicht nur bei Lebensmittel und obwohl es hier keine Kriminalität, keinen Diebstahl gibt, verschwinden Dinge früher oder später. So machen die beiden Angelrouten, die wir einer Familie schenken, bald ihre Runden, bis sie niemanden mehr gehören und keiner weiß, wo sie eigentlich sind. Bald lernen wir, dass einer der Fischer zwar Tauchbrille und Schnorchel hat, aber jemand hat sich seine Flossen ausgeborgt und nicht mehr zurückgebracht. Nachdem Jürgen einer Familie den Stromgenerator repariert, bekommt er bald eine kaputte Motorsäge zu sehen. Helfen können wir allerdings nicht: Ein Nachbar konnte wohl den Vergaser der Motorsäge brauchen und hat in einfach ausgebaut. Es macht keinen Sinn, sein Geld für Gebrauchsgegenstände auszugeben, die dann ohnehin in der Dorfgemeinschaft ihre Runden machen und so lebt man lieber in aller Einfachheit und hofft auf das eine oder andere Geschenk einer vorbeikommenden Yacht. Einseitig bleibt dieses Schenken zwischen Besucher und Einheimische nicht, wird man doch zum Familientisch geladen und mit Früchte beschenkt.

Es dauert nicht lange, freunden wir uns mit Sia und Nico an. Die beiden haben es sich zur Aufgabe gemacht, den wenigen Yachtcrews die hier jährlich vorbeikommen das Inselleben zu zeigen und sie willkommen zu heißen. Jeden Freitag gibts Potluck (ein gemeinsames Essen, zu dem jeder eine Speise bringt) im Haus der beiden, während Sonntags Reisende zum traditionellen Festessen nach der Kirche eingeladen werden. Zur Zeit liegen nur zwei Yachten vor Anker, LA BELLE EPOQUE und GOOD NEWS aus Ohio. Und damit sind wir auch recht zufrieden. Wir suchen nicht den Trubel großer "Yachtie-Runden", wir wollen mehr übers Leben auf der Insel erfahren.

Freitag Abend wird zur gemütlichen Runde. Während sich die beiden Jungs der Familie mit ihren Freunden ins Nebenhaus verziehen und nur ab und zu vorbeischauen, um mehr Essen nach zu laden, schmatzt "Little Sia", die kleine dreijährige Tochter am "Palangi-Nudeleintopf". Nico hat den Nachmittag damit verbracht, lokale Speisen im "Umo" - den Erdofen - zu kochen und so gibts gekochte Yam-Wurzeln und gebackene Brotfrucht, Casavablätter mit Schaffleisch, Fisch in Kokosmilch und Kokospuding. Dazu Risotto, Nudeleintopf und Bananenkuchen von den Bordpantries. Aufgeweckt und mit lauter Stimme erzählt Sia kleine Familienanektoten, berichtet, wie einmal ein deutscher Palangi über ein halbes Jahr in der Familie gelebt hat. Nico berichtet von einem Wrack vor dem kleinen Motu, das uns interessieren könnte.

Am nächsten Tag suchen wir das von Nico gezeigte Gebiet auf das Wrack ab. Zuerst entdecken wir nur Korallenriffe und fühlen uns wie Schatzsucher, als endlich der halb im Sand versunkene Rumpf des Schoners sichtbar wird. Vor knapp dreißig Jahren ist das anscheinend einhundert Fuss lange Segelschiff gesunken, nachdem er in der Einfahrt von Niuatpoutapu auf einen Korallenkopf aufgelaufen und leckgeschlagen war. Zum Glück für die Insulaner konnte der Skipper das schöne Stahlschiff noch aus der Einfahrt manövrieren und hinter dem Motu verankern. Doch gelang es der Crew nicht, das Leck zu stopfen und den steigenden Wasserstand zu bekämpfen. Noch am selben Abend versank der Schoner und legte sich auf fünfzehn Meter Wassertiefe zur letzten Ruhe. Niemand auf der Insel verfügte über eine Taucherausrüstung und so konnte kaum etwas vom Wrack abgeborgen werden. Heute ist es natürlich zu spät, nützliches vom Wrack zu bergen, doch das Wasser ist klar, nur ein Hai ist zu sehen und der Tauchgang verspricht, recht einfach zu werden.

Wracktauchen in Niuatoputapu

Beinahe schwerelos lasse ich mich um den Rumpf treiben, der auf seiner Backbordseite zum Liegen gekommen ist. Die Leckage ist nirgends zu finden, sie muss im Sand vergraben sein. Erstaunt betrachte ich den Unterwasserbereich des Wracks: der Kupferbeschlag hat sich unglaublich gut gehalten und nur wenige Korallen und Muscheln konnten sich darauf ansiedeln. Mein Blick folgt Jürgens Handzeichen und ich beobachte, wie eine große Meeresschildgröte gemächlich ihren Weg an uns vorüber zieht.

Was für ein schönes Schiff es mal gewesen sein muss! Mit Decksprung und traditionellen Linien. Immer noch ragt der Bugsprit weit über den Sand ins Wasser. Mittlerweile sind hübsche Korallenköpfe an ihm gewachsen und unzählige bunte Fische schwirren im blassblauen Licht um die Korallen. Ganz anders als beim Schnorcheln lassen sich Fische selten von Taucher vertreiben und bestaunen mich neugierig durch meine Tauchbrille. Deckseitig ist der Schoner wie leergefegt. Selbst die Masten sind nirgends zu finden. Nur eine kleine Öffnung im Deck ist auszumachen und mit Handzeichen verständigen wir uns, dass es zu riskant ist, durch sie ins Innere des Wracks zu tauchen. Schade, aber einen Tauchunfall hier vor Niuatoputapu wollen wir wirklich nicht riskieren!

Zurück an Bord kommt Lonny von GOOD NEWS mit einigen Fragen an uns. Seine Funkanlage will nicht recht funktionieren und bisher konnte er keine Datenverbindung über Winlink schaffen. Wir lassen uns seine Anlage zeigen und bald schon wird mir klar, dass wir einige Verbesserungen an der Antenne und ihrem Gegengewicht vornehmen müssen. So wird uns auch die nächsten Tage nicht langweilig.

Allerdings gilt am Sonntag striktes "Arbeitsverbot" in Niuatoputapu und wir verlegen die Antennenversuche auf die kommenden Tage. Ich muss über uns selbst schmunzeln. Nicht einmal meine Mutter hatte es letztes Weihnachten geschafft, uns beide zum Kirchgang zu bewegen und siehe da, nun sitzen wir brav und in unseren besten Kleidern auf den harten Kirchenbänken und hören andächtig dem kraftvollen Gesang der Tonganerinnen und Tonganer zu. Aber so ist das nun mal eben, wenn man in einem so abgelegenen Teil der Welt zu Besuch ist und das Festessen danach mit Ferkel und Tarowurzeln ist schon etwas besonderes.

Sonntagsbraten in Tonga

Wir bleiben ganze zwei Wochen in Niuatoputapu, ohne einen langweiligen Tag zu erleben. Gemeinsam mit Nico schnorcheln wir am Aussenriff um Muscheln zu sammeln, während uns die Gesänge der Wale zwischen den Inseln begleiten. Spaziergänge über die Insel, Arbeiten an Lonnys Funkanlage, Zusehen beim Weben der lokalen Palmmatten stehen am Programm. Sia zeigt uns ihre Plantage und ein paar Männer laden Jürgen zum rituellen Kavatrinken ein. Zwischendurch gehen wir ankerauf um vor den Inseln zu fischen und die vielen Wale zu beobachten.

Dann plötzlich taucht ein Masten am Horizont auf. Und noch einer. Und noch einer. Kaum zu glauben, aber den nächsten Freitag liegen acht Yachten in der Bucht vor Anker und vorbei ist es mit der angenehmen Ruhe. Dingis zischen zwischen den Yachten herum und es wird gegenseitig Eingeladen. Alle Yachties legen etwas Geld zusammen und Nico schlachtet die dafür erhaltenen zwei kleine Ferkel für den abendlichen Potluck. Da es auf dem kleinen Motu keine Stechmücken gibt, entscheiden wir, dort unser Spanferkel-Essen zu veranstalten, packen Nico und das Essen ins Dingi, düsen rüber und grillen für Stunden am offenen Feuer. Erst am späten Nachmittag kommen alle restlichen Yachtcrews zum Motu und bringen ihre gute Stimmung mit dem lauen Abend.

Spanferkelgrillen in Tonga

Dennoch wissen wir, dass wir den nächsten Ostwind nutzen werden, um weiter zu ziehen. Wir waren lange genug auf Niuatoputapu und wollen die ruhige Erinnerung, die wir mit uns mitnehmen werden nicht mit dem Trubel der durchziehenden Yachtgruppen verderben. So laden wir noch ein paar Bananen und Mandarinen an Bord, reffen die Segel und hieven den Anker an Deck. Auf nach Vava´u, dem Herzstück von Tonga!

Niuatoputapu

Blick von Niuatpoutapu auf die Vulkaninsel Tafahi: 20 Menschen leben heute noch auf dem Vulkan

Niuatoputapu

Blick vom Ankerplatz

Tonganerin beim Mattenflechten

Haupteinkommen der Tonganerinnen in Niuatoputapu: Palmblättermatten weben

Kirche in Niuatoputapu

Die Kirche bestimmt das Leben in Tonga: auf Niuatoputapu gibt es sieben verschiedene Glaubensrichtungen und insgesamt knapp 20 Kirchen für die rund 750 Einheimischen

Rugbyplatz in Niuatoputapu

Lieblingssport fast im ganzen Südpazfik: Rugby

Schnorchelausflug mit dem Dingi

Auf zum Harpunenfischen!

Motu

Am kleinen Motu von Niuatoputapu gibt es keine Mosquitos, so wird es zum beliebten Pausenort.

wracktauchen

Wracktauchen

Kinder in Tonga

Kaum an Land, begleiten uns immer ein paar Kinder

Plantage

Eine Plantage in Niuatoputapu: mit Kape-Taro Blätter im Vordergrund, dahinter Casava, Talo Tonga Taro und Bananenstauden

Kava

Kavawurzeln

Seglerhilfe

Seglerhilfe: Jürgen repariert einen Stromgenerator

Bordbesuch

Besuch an Bord

Whale Watching

Walbeobachtung und Fischen, im Hintergrund zwei Buckelwale

Sonntag wird gebetet

Kirchgang

Ankern in Niuatpoutapu

Ankern in Niuatoputapu

Little Sia

Spaß mit "Little Sia" beim Sonntagsmahl

Handel am Steg

Warten aufs Versorgungsschiff: lokale Produkte werden in die Hauptstadt geschickt, während die Kinder sich schon auf gefrorene Eiskreme von den Kühltruhen des Schiffes freuen!

Schweinchentransport

"Schweinchentransport" auf zum Grillen am Motu

Spanferkelgrillen

Drei Stunden muss gedreht werden, bis die Spanferkel überm Feuer gegrillt sind

Herstellen von Palmgeflecht

Nico fertigt frisches Palmgeflecht, worauf die Spanferkel serviert werden.

Festessen

Spanferkelessen

 

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