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Kalt!

Die kalte, trockene Luft sticht auf den Wangen und der Nase. Denn er ist endlich da! Er, der hier über Nacht auf uns eingefallen ist, dessen kalter, weißer Atem die letzten Plusgrade endlich weggehaucht hat. Fast alle haben auf ihn gewartet: der nördliche Winter ist eingetroffen!

Die Luft glitzert bei kalten zwanzig Grad unter Null im Zwielicht des Vormittages, das Wasser raucht und dampft. Selbst im Fjord und im Hafen ist noch kein Eis zu finden, der warme Golfstrom sorgt dafür, dass das Salzwasser gerade noch eisfrei bleibt. Fantastische Formen zeichnen die Eisrosen an die Luken und der Ankerkasten kann endlich als Gefrierfach verwendet werden.

Wir haben ein ruhiges nördliches Weihnachtsfest hinter uns, im gemütlichen Holzhaus von Ulf und seinem Sohn Tim, geladen bei gedeckten Tisch mit vielen nördlichen Leckereien, Wein und Aquavit verging die Nacht wie im Flug, während La Belle Epoque wieder einmal in der Bucht an ihren Trossen zerrte. Und bald schon sollte es wieder zurück nach Alta gehen, der Stadt, an deren Ufer wir Silvester feiern würden.

Nur langsam segeln wir in den dunklen Fjord hinein, am Bug mit den beiden kleinen Focksegeln angeschlagen, trödelt La Belle Epoque herum. Egal, wir haben Zeit, der Ofen bullert angenehm dahin und keiner von uns beiden fühlt sich danach, ein Vorsegel gegen die große Genua auszutauschen. Nein, dann doch lieber langsames dahingleiten! Schon längst hat die Polarnacht wieder ihre Dunkelheit über uns gebreitet und so ist es ohnehin besser, langsam zwischen den schroffen Felswenden des Fjordufers zu segeln. Denn heute leuchtet uns nicht einmal das Nordlicht, nur die Sterne glitzern über dem Horizont. Kaum im Hafen von Alta festgemacht, gibt's auch schon eine fröhliche Begrüßung unter Fahrtensegler. Rune und Guro leben hier auf ihren Booten und das Abenteuer unserer Überwinterung ist für die beiden Norweger wohl eine ziemlich normale Sache! Mit Wein aus dem Pappkarton wird unser Wiedersehen gefeiert und schon schmieden wir Pläne für die Silvesternacht. Währ doch toll, die Nacht am Wasser zu verbringen und bald steht fest, dass La Belle Epoque das Partyboot für die Silvesternacht wird. Die Idee steht und es folgt eine kleine Einladung an alle via facebook, mal sehen, wie spontan die Freunde um uns so sind...

Was für eine Nacht! La Belle Epoque treibt gemütlich im ruhigen Wetter vor dem Ufer der Stadt, in der überall die Feuerwerksraketen krachen, während an Bord Glühwein serviert wird und das Nordlicht sein wirres Fantasiespiel über uns zeichnet. Das Wetter hat es gut mit uns gemeint, denn die Nacht ist nicht sehr kalt, kein Windhauch rührt sich! An Deck tanzt ein bunt gemischtes Partyvolk, zusammengewürfelt aus Norwegern, Tschechen, Schweizer und natürlich uns Österreicher. Die Stimmung ist ausgelassen, während Jürgen und ich La Belle Epoque wieder langsam zurück an ihren Hafenplatz bringen.

Das neue Jahr beginnt mit bunten Erlebnissen: Heidi packt uns in ihr Auto und fährt uns nach Kautokeino, der Stadt der Samen, weit im Innland und mitten auf Finnmarks Hochebene. Hier sind die Flüsse zugefroren, sie dienen nun als Pisten für die Motorschlitten. Alles ist weiß um uns. Kaum zu glauben, die Menschen hier in Kautokeino leben acht Monate mit Schnee und Eis und sind doch jedes Mal wieder froh, wenn der unwahrscheinlich kurze Sommer verschwunden ist und das Land unter der Schneedecke schläft. Was für eine verrückte Welt!

Wir besuchen Juls Silbergallerie und auch wenn wir beide herzlich wenig Interesse an Schmuck, Gold und Silber hegen, so ist der Platz doch trotzdem etwas besonderes. Denn die Menschen, die an diesem Ort leben, hier her gewandert sind und dieses wundersame Geschäft aus dem Boden gestampft haben – sie sind etwas besonderes. Die ehemalige Großdeutsche und Vertriebene, auf der Suche nach einer neuen Heimat, verliebte sich ins Nomadenleben und hütete, gemeinsam mit ihrem dänischen Mann, einige Rentiere, um in dieser harschen Natur des Nordens ein Auskommen zu finden. Doch die Menschen um sie herum, das Nomadenfolk des hohen Nordens, benötigten mehr als nur Rentiere, vor allem benötigten sie jemanden, der mit Metall umzugehen wusste. Mehr und mehr erfuhren die beiden Zugewanderten, dass das lappische Volk einen ausgeprägten Sinn für schönen Schmuck hatte, ein Bedürfnis, etwas schönes und wertvolles zu tragen. Dem Bedürfnis folgte die Tat: die beiden Einwanderer absolvierten eine Ausbildung zum Juwelier, bauten eine kleine Hütte auf den Hügeln über der Samistadt und verbesserten und vergrößerten nach und nach ihr Lebenswerk. Sie verschrieben sich den Nomadenvölkern und halfen bedrängten Völkern mit hohen persönlichen Einsatz und lebten die Geschichte ihrer Zeit. Fast, als wollten sie im Sinne ihrer Möglichkeiten in Nansens Fußstapfen treten, halfen sie Menschen, wo sie nur konnten. Flugzeuge voll Medizin und Hilfsgüter organisierten die Beiden, als in den Achtzigerjahren die Nomadenvölker von Afghanistan in Bedrängnis und Not durch Krieg kamen. Und so wurde ihre Schmuckstätte nicht nur Freude der Samen, Kreativwerkstatt im Hohen Norden und Ausbildungsstätte zukünftiger Silberschmiede, sondern auch ein kleiner Hoffnungsbringer für Menschen, die wenig Glück im Leben hatten. Denn die vertriebene Preußin hat ihre Geschichte nie vergessen und weiß, was es heißt, aus der Heimat flüchten zu müssen, weil andere Menschen Krieg wollen.

Die Fahrt zurück nach Alta ist anstrengend, die Strassen sind Eispisten und der Wind treibt Pulverschnee über die Hochebene. Kein Wunder, dass die Norweger so gerne Kaffeepause in der heimeligen Fellstube von Britt machen. Doch wir müssen weiter und irgendwann sind wir zurück im gemütlichen Salon der Segelyacht Opportune. Kaum noch verbringen wir die Abende an Bord unserer La Belle Epoque! Ann-Bjørns Grinsen erscheint im Niedergang ”Uff...ihr seid einfach zu schwer zu erreichen!” lacht sie. „Kommendes Wochenende ist ein Rennwochenende. Was haltet ihr davon, wollt ihr mal einen Tag beim Hunderennen dabei sein?“ Na klar, und hej, kein Problem wenn du dort arbeitest, vielleicht können die Organisatoren auch unsere Hilfe gebrauchen. Ein Telefongespräch und schon ist alles ausgemacht: wir werden Freitag und Samstag mithelfen.

Und damit das Rennen auch richtig original Nordnorwegisch wird, haben auch die Wettergötter ihren Spaß daran, uns knirschenden Schnee und ordentliche Minusgrade zu bringen. Bin ich froh um die dicken Handschuhe aus Kanada, dem Weihnachtsgeschenk meiner Eltern! Eingepackt in zwei langen Unterhosen, drei Shirts, dicken Pullover, gestrickten Wollsocken, Skihosen und Winterjacken hüpfen wir zwischen den aufgeregten Hunden herum. Sechzig Hundeteams sind gekommen und der Lärmpegel vor dem Start wird zum Erlebnis für sich. Die Teams starten um neun Uhr abends, hier im winterlichen Finnmark ist es ja ohnehin egal, zu welcher Tageszeit das Rennen startet, die 160 Kilometer mit einem Zwischenstopp sind nicht während der wenigen Stunden Zwielicht zu bewältigen.

Bald am folgenden Morgen starten wir erneut hoch in die Berge. Mit dem Snowmobil düsen wir hoch auf die Gipfel von Gargia, um das durchgefrorene Team an der Ziellinie abzulösen. Ein kleines Zelt mit Rentierfellen und Holzofen, ein paar im Schnee steckende Stöcke und wir vier Mädls mit der Stopuhr – Jürgen ist heute mal nicht dabei – markieren das Ziel, in das ein Hundeteam nach dem anderen einläuft. Doch nicht alle Hunde freuen sich, schon im Ziel zu sein und so wird an dem einen oder anderen Schlitten noch ordentlich gezerrt und am Geschirr gerissen. Einige Schlittenfahrer und Fahrerinnen haben alle Hände voll zu Tun, ihre Meute zu stoppen und zwei flitzen einfach durch, im Vorbeifahren ihre Startnummer rufend, damit wir auch sicher wissen, welches Team wir vor uns haben.

Noch schnell ein paar Tassen Kaffee in der Fellstube, ein paar frische Waffel und lachend und schnatternd geht's über die eisige Straße wieder zurück nach Alta. Rune und Jürgen haben in der Zwischenzeit den neuen Dieselofen an Bord Opportunes eingebaut und Hühnchen gekocht.

Und ein Dinner folgt dem nächsten, zuhause bei Heidi werden wir mit delikatem Rentiersteak verwöhnt, Runes Mutter lädt zum Lammbraten. Ein lustiger Abend in fröhlicher Gesellschaft nach dem anderen und es wird schon fast schwer, Tageszeit, Wochentag und Datum zu behalten. Die Zeit jagt dahin, die ruhigen Stunden um Weihnachten scheinen endgültig verflogen zu sein. Die Tage werden bereits wieder länger, langsam und schüchtern zeigt sich etwas Farbe am Himmel mit dem Versprechen, dass die Sonne nicht mehr weit sein kann. Zwar haben wir noch keinen Sonnenaufgang, doch gegen halb zwei Uhr Nachmittags färbt sich der Himmel in dezenten Rosatönen und erzählt von dem Farbenspiel, das wohl südlich von uns am Himmel gemalt sein muss. Ja, in wenigen Wochen werden wir den ersten Sonnenaufgang nach der eintönigen Polarnacht erleben und darüber staunen, wenn das Licht sein verrücktes Spiel über die weiß-grauen Schneeberge um uns beginnt.

 

 

 

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