seemannsgarn und seglergeschichten
  
english
zur Kaffeekasse...

Seglergeschichten und Seemannsgarn

Fahrtensegeln

Bunte Hunde

Feinsäuberlich vertäut liegen drei Yachten in dem kleinen Hafen von Valdivia. Alle drei sind weit entfernt von ihrem Heimathafen, man könnte fast sagen, am anderen Ende ihrer Welt. Drei Yachten, die sich einen Platz teilen, und dennoch nicht unterschiedlicher sein könnten. Unterschiedlicher in ihrem Alter, ihrem Design, ihren Riggs, ihrer Ausstattung, aber auch unterschiedlich in ihrem Charakter, wenn man so will. Die eine Yachten ist ein topmoderner, neuer und großer Katamaran mit Masten aus Carbon. Masten, auf denen Tragflächen anstelle von Segel montiert sind. Ein Katamaran, dessen Kajüte für maximalen Komfort der Eigner konzipiert ist. Mit Klimaanlage, großen Kühl- und Gefrierschränken, und elektronische Überwachung aller Bordsysteme.

Die zweite Yacht ist eine hübsche, traditionelle Gaffelketsch, mit langem Kiel, gespleißten Wanten und traditionell gefertigten Segeln. Ihr Inneres ist so traditionell wie sie selbst, mit engen Kojen anstelle von Betten, einer winzigen Pantry, dunklen Teak soweit das Auge reicht und winzigen Bullaugen.

Die dritte im Bunde ist unsere alte Stahllady, die sich mehr und mehr zu einer Art Expeditions-Fahrtenyacht zusammengewachsen hat. Eine Yacht, die neben vierfach reffbaren Großsegel ein Trysegel für extremes Wetter am Mast fährt, die einen Fallschirmanker fertig zum Ausbringen angeschlagen hat und deren Bug eisverstärkt ist. Deren Inneres so konzipiert ist, dass sie auch bei Überschlag möglichst trocken und sicher für ihre Crew bleibt.

So unterschiedlich wie die Yachten sind, sind auch die Menschen, die diese Yachten segeln.

Susan und Bill haben ihren Katamaran soeben von der Werft übernommen. Immer noch werden letzte Kundenwünsche eingebaut, während die beiden versuchen, ihr neues, millionenteures Schmuckstück bewohnen und verstehen zu lernen. Topmodern, mit allen Systemen ausgestattet, die der Markt heute hergibt, ist der Kat eine kleine Herausforderung des Kennenlernens. Eine Herausforderung und vielleicht eine leichte Überforderung. Alles wird getestet: die Elektronik, die Funkanlage, die Klimaanlage und die Heizung, der Wassermacher, die Heißwasseranlage. Die elektronisch gesteuerten Batterien und ihre diversen Ladegeräte. Die elektrischen Winden der Tragflächenflügel, die elektrischen Rollanlagen der Vorsegel. Die Überforderung lässt ein paar Spannungen an Bord entstehen, aber Susan und Bill leben mit der Einstellung, dass im Leben alles Gut wird. Muss es ja. "We will manage" gehört zu ihren liebsten Aussprüchen. Immerhin haben sie es ja bis hierher geschafft, da werden sie auch diese neue Herausforderung schaffen. Die beiden sind gute, geradlinige Menschen. Sie sind überzeugt vom Westen und ihre Welt ist, wie die Presse sie ihnen beschreibt. Susan glaubt fest an Gott und unterstützt einige Hilfsorganisationen. Am liebsten wäre sie zuhause, aber als gute Ehefrau versucht sie tapfer, ihrem Mann bei zu stehen. Bill sieht sich selbst als Realist. Vielleicht träumt er sich selbst als kleinen Abenteurer. Auf jeden Fall ist es gut, dass er es geschafft hat, sich diese Yacht zu ermöglichen. Und mit etwas Einsatz wird es schon gutgehen. Man muss eben noch ein wenig investieren, sich einen guten Skipper leisten und ordentliche Pläne verfolgen. So ist Bill erfolgreich.

Phil nebenan ist ebenfalls Amerikaner, doch das scheint alles zu sein, was er mit seinen Stegnachbarn gemein hat. Ein Alt-Hibbie mit wirrem Haar und langem Vollbart, der als jugendlicher Soldat in Vietnam die hässlichste Seite der Menschheit kennen gelernt hat und sich dabei dennoch in die Welt verliebt hat. Paradoxerweise glaubt gerade er fest an das Gute im Menschen und lebt in der Hoffnung, irgendwann durch eine Welt des Friedens zu segeln. Aber er hat seinen Glauben in Systeme oder politische Gesellschaften verloren und für sich sieht er nur eine Rettung: Frei zu leben. Geld und Besitz ist für Phil nicht von Bedeutung, aber er ist auch überzeugt, immer genügend Glück im Leben gehabt zu haben, sodass er sich nie wirklich Sorgen um Geld oder der Befriedigung der Grundbedürfnisse machen musste. Er ist ein Weltenbummler, der unzählige Geschichten erzählen kann. Geschichten von der Seefahrt, als er mit einem kleinen 23 Fuß langen Boot die Welt umsegelte oder wie eine schöne Ketsch ihm durch Mast- und Ruderbruch eine Lektion lernte. Geschichten vom kleinen Häuschen, dass er sich selbst gebaut hat und von seinem großen Outdoor-Backofen, in dem er kiloweise Kuchen gebacken hat. Davon, wie er auf der Straße in Seattle selbst genähte Taschen aus Segeltuch für sein Auskommen verkauft hat und auch davon, wie er als Seemann zu Topgehälter auf einem Versorgungsschiff der Ölplattformen in Singapur gefahren ist.

Und dann sind da noch wir selbst. Fahrtensegler von Jugendjahren an, die sich hier lieber nicht selbst zu beschreiben versuchen.

Wir verbringen Abende gemeinsam in einer der Kajüten. Tratschen über die Welt und übers Segeln. Alleine an Bord mache ich mir Gedanken über diese ungleiche Gruppe. Wie kann es sein, dass wir alle das Gleiche träumen? Von Segelreisen träumen? Oder besser gefragt, wovon träumen wir alle eigentlich? Woher kommt das Bedürfnis von Menschen, etwas Besonderes zu erleben, eine Freiheit oder ein Abenteuer zu spüren?

Ist es nicht eigentlich kompletter Blödsinn, unsere Träume als die Gleichen abzustempeln? Sind nicht unsere Träume genauso verschieden wie unsere Boote, oder wie wir selbst? Nur weil wir über Meere segeln wollen, träumen wir nicht das Gleiche. Ich bin mir bewusst, dass meine Erwartungen und Vorstellungen von Segelreisen sich sehr viel von denen von Bill oder Phil unterscheiden. Und für Susan scheint die Segelei mehr Albtraum als Traum zu sein.

Ich hätte keinen Spaß daran, Monate lang alleine, ohne Wetterinformation und in einer kleinen Zehn-Meter-Yacht über einen Ozean zu gleiten, so wie Phil das genießt. Sicherlich hätte ich relativ bald die Nase voll von der Einsamkeit des Einhandseglers, gut schlafen könnte ich auch nicht. Und würde ich wie Bill mit fremder Crew, Zeitstress und Überforderung durch die Welt in seinem neuen Katamaran segeln, würde ich vermutlich das Segeln sogar bleiben lassen. Meine Route nach der Erreichbarkeit von Flughäfen für Crew zu planen und nach Termin zu segeln, scheint mir persönlich noch schlimmer als alleine unterwegs zu sein. Und das in einem Boot, das mich nicht reizt und einige interessante Reviere für mich ausschließt.

Im Gegenzug bin ich davon überzeugt, dass auch weder Phil noch Bill mit uns tauschen möchte. Für Phil wäre LA BELLE EPOQUE vermutlich zu groß und die Elektronik würde ihm Kopfschmerzen bereiten. Für Bill wäre sie zu altmodisch, zu strapaziös und zu minimal ausgestattet. Ganz zu schweigen von unserer Route und unseren langen Aufenthalten in den bereisten Ländern. Wie wir selbst, wie unsere Boote und unsere Segelträume, sind auch unsere Erlebnisse unter Segel und entlang von fremder Küsten mehr als unterschiedlich.

Diese drei Boote, die sich am Steg in Valdivia getroffen haben, sind nur ein kleiner Auszug aus der bunten Welt der Fahrtensegler. Es treibt Menschen aus allen Ecken und Enden der Welt auf die Weite der Meere. Menschen mit den unterschiedlichsten Vorstellungen und den eigenwilligsten Motivationen. Wie man es auch dreht und wendet, unter uns Fahrtensegler gibt es keine einheitlichen Träume und keine gleichen Beweggründe. Und genauso gibt es auch keine einheitliche Anleitung, wie man das Fahrtensegeln eigentlich angehen muss, wie man seine Träume zur Realität werden lässt und was man benötigt und was nicht. Was richtig ist und was falsch.

Aber es gibt etwas, das sich jeder Fahrtensegler zu Herzen nehmen sollte. Die Tatsache, dass sich das anfängliche Fahrtensegeln vielleicht ganz gravierend von den einstigen Träumen unterscheiden wird. Und dass es auch am Meer unzählige Kreuzungen gibt, die eine Entscheidung verlangen. Am Meer kann man am aller wenigsten vor sich selbst davonlaufen.

Auch wenn tausende Segler gleichzeitig das Meerwasser unter ihren Kielen teilen, so wird die eigene Weltbesegelung doch nicht der Reise aller anderen gleichen. Wenn man nur will. Und vielleicht ist gerade das der Reiz am Fahrtensegeln.

 

[zum seitenanfang]

 

 

 

Segeln im Paradies

Segeln im Paradies

Der warme Passatwind füllt die Segel und lässt die Yacht über den tiefblauen Ozean gleiten, während im Cockpit die Bananen in der Sonne reifen und die Crew im Schatten des Bimini den Blick über den Horizont wandern lässt. Sanft hebt und senkt die lange Woge des Pazifiks das Segelboot, voller Lebensfreude spielen Delfine in der Bugwelle. Vorerst kaum zu erkennen, dann mehr und mehr Form annehmend, taucht eine sattgrüne Insel am Horizont auf. Immer deutlicher werden die Palmkronen, die sich leicht im Wind wiegen, bald kommt der helle, weiße Sandstrand in Sicht, der die tropische Insel umgibt. Vorsichtig segelt die Yacht durch den Pass im Riff in die blaugrüne Lagune, zieht einen Kreis dicht unter der sandigen Küste und lässt den Anker ausrauschen. Still und friedlich liegt die Yacht in der hellen Bucht, zur Feier der Ankunft wird mit einem kühlen Cocktail angestoßen. Leise rauscht der leichte Wind in den Palmwedeln und die Brandung der See am Aussenriff schlägt den Tackt während sich ein erstes Auslegerkanu vom Strand löst in dem Insulaner lachend Trinknüsse und Blumen zur Begrüssung der segelnden Besucher bringen. Segeln in der Südsee eben…

So oder ähnlich stellen sich die meisten Menschen wohl das Segeln im Südpazifik vor. Und was für ein verlockendes Bild das wohl sein muss, wenn man mitten im grauen Alltag zwischen Arbeit und Verantwortung steckt. Zugegeben, hin und wieder, wenn auch selten, kommt es der Wirklichkeit sogar nahe. Dann wundert man sich sogar fast darüber, weshalb mindestens zwei Drittel der Yachtcrews, die wir bisher in der Südsee getroffen haben, davon träumen, ihre Yacht spätestens in Neuseeland oder Australien zu verkaufen und zurück nach Hause fliegen zu können. Zurück zur Familie, zum Job und zum Leben im Alltagstrott. Dann erstaunt es einen, weshalb so viele Yachten an den einsamen und schönen Buchten vorbei ziehen, um möglichst schnell den nächst größten Hafen zu erreichen um dort so lange wie möglich am Steg eines kleinen Yachthafen zu liegen. Um dort ihre Wunden zu lecken und ihre Ersatzteile zu empfangen. Um bei Pizza und WiFi den letzten Segelschlag zu vergessen und die nächste Inseltour zu organisieren, während der Regen aufs Deck trommelt.

Denn hier im Südpazifik ist der Passat nur eine der gängigen Wettererscheinungen und bald schon hat man über eine ganze Menge weiterer Begriffe vom lokalen Wetter gelernt, die allesamt wenig beliebt bei Yachtcrews sind: Da gibt es die "Intertropical Convergence Zone" und die "South Pacific Convergence Zone" , da gibt es "Trough", "Reach" und "Shear Line". Da ist das "Frontal Band" mit seinem ausgedehnten Regen, die "Quasi-stationary Front", die gefährliche "Squash Zone" zwischen den im Süden unaufhaltsam dahin marschierenden Tiefs und Hochs und nicht zu vergessen die großen Gespenster von "El Niño", "Tropical Depressions" und "Tropical Zyclones". Letztere zwei hoffen die meisten Segler wenigstens durch das schnelle Weitersegeln innerhalb der richtigen Saison zu entgehen. Und über die "Maximum Cloudiness" und die fast ständigen "Rough Seas" wollen wir Paradiessegler erst garnicht sprechen.

Bald schon lernt die Crew, trotz schwüler Hitze mit geschlossenen Luken zu segeln, um die überkommende See oder den nächsten Regenguss draußen zu halten. Man gewöhnt sich daran, die dahinziehenden Wolkenwalzen misstrauisch im Auge zu behalten, um nicht wieder mit voller Segelfläche von der nächsten Starkwindböe erwischt zu werden. Und bald schon wird es zur angenehmen Überraschung, sollte man auf der nächsten Etappen einmal nicht von einer rauen Kreuzsee empfangen werden.

Vielleicht ist es ja Zufall, vielleicht aber auch nur Segler-Alltag, dass im verregneten Bora-Bora nur noch selten eine Yachtcrew von der "Barfuß-Route", dem "Coconut Milk Run" spricht. Viel mehr kreisen nun die Gespräche um die einzelnen Etappen, die vorm Bug liegen. Da gibt es die "Gefährliche Mitte" - die sich zwischen Französisch Polynesien und Tonga streckt. Und auch wenn der Name der Etappe gar übertrieben ist, ungemütlich sind die über tausendzweihundert Seemeilen wohl allemal. Denn hier darf zwischen unzähligen Regen- und Windböen auf der nördlichen Route und wechselhafteren Winden, schwereren Kreuzseen und denkbar schlechten Ankerplätzen an den paar Inseln auf der südlicheren Route gewählt werden.

Und was kommt nach der "gefährlichen Mitte"? Für viele Blauwassercrews liegt dann die bisher anspruchsvollste Etappe ihrer Segellaufbahn vor dem Bug: Die Neuseeland-Etappe. Schon seit Französisch Polynesien geistert das große Gespenst der Neuseeland-Etappe unter den Seglern herum, sofern es sich nicht um Yachten handelt, die rasch weiterziehen und anstelle Neuseelands und einem eventuell zweiten Jahr in der Südsee den Weg weiter in den Westen wählen. Ende Oktober, rechtzeitig vor Beginn der Zyklonsaison in der Südsee, muss der Törn ins wechselhafte Frühlingswetter Neuseelands unternommen werden und es heißt, dass jede Yacht mindestens mit einem Frühlingssturm entlang ihrer Reise in den Süden rechnen sollte. Kein Wunder, dass da viele Crews nervös werden, nachdem sie bereits entlang den bisher einfachen Etappen ihrer Blauwasserlaufbahn Bruch und Pannen erlebt haben.

Richtig. Bruch und Pannen. Denn mittlerweile sind wohl die meisten Yachten weit genug gereist, um herauszufinden, dass viele Teile ihrer Yacht und ihrer Ausrüstung eigentlich für den Wochenende- und Urlaubssegler gefertigt wurden. Löchrig gescheuerte Segel, Ankerwinden mit sich auflösenden Kunststoffteilen, gebrochene T-Terminals im Rigg, kaputte Wassermacher, warme Kühlschränke und natürlich Autopiloten, die ihren Dienst verweigern. Und nach all den gesegelten Meilen zeigt die eine oder andere Kunststoffyacht ihre ersten Überbelastungen: neue, knackende oder krachende Geräusche verursachen dem einen oder anderen Bootseigner ein Unbehagen, während andere ihr Rigg nicht mehr durchsetzen können. Und wenn die Laune auf dem Tiefpunkt ist, ist auch noch die Luft aus dem Dingi raus und der Aussenborder will nicht laufen.

Aber gut, die wenigsten "Yachties" sind nur zum Segeln und Reparieren hier her gekommen. Immerhin gibt es ja paradiesische Inseln, die zwischen den Segeletappen liegen. Paradiesische Inseln, die allerdings nur wenige vorgefertigte Highlights für geborene Konsumenten bieten. Und so werden die Ankerplätze bei den Resort-Cocktailbars als die schönsten erkoren. So wird im Versuch die Natur zu konsumieren den Delfinen mit den Dingis nachgejagt, bis sie sich mit ihren frisch geborenen Jungen nicht mehr in die Bucht wagen. Während zweitägigen Stops werden die Inseln via "Inseltour" im Schnellverlauf erkundet und leichte Endtäuschung wird laut, dass die Urbevölkerung mit Handis herumläuft, anstelle mit Einbaum-Auslegerkanus durch die Buchten zu segeln.

Halt… Stop! Soll dass den plötzlich heissen, dass die Südsee nicht mehr das ist, was sie verspricht? Keine Sorge. Dieses riesige Ozeanien zu besegeln füllt sicherlich jeden Kopf mit Eindrücken. Das Leben in der Südsee geht immer noch seinen ruhigen Gang. Noch heißen die Einheimischen uns Segler herzlich willkommen, laden uns in ihre Hütten und zum Essen ein und zeigen stolz ihre Art zu leben, solange wir uns auch die Zeit dafür nehmen.

Wer die Freiheit der Einfachheit sucht wird auch heute auf vielen Inseln sein kleines Paradies auf Erden finden. Doch wer hat den Seglern vorgegaukelt, dass es dieses Paradies umsonst zu finden gibt? Warum glauben intelligente Menschen, sich auf den größten aller Ozeane ohne Anstrengung und Risiko bewegen zu können? Wie kommt es, dass in der Südsee Segler unterwegs sind, die vor dem Bruch des Autopiloten ihre Yacht noch niemals von Hand gesteuert haben? Dass wir Segelcrews treffen, die zu faul sind, um Nachtwachen zu fahren und lieber die Yacht sich selbst überlassen, während sie acht Stunden durchschlafen? Das manche Bordfrauen tausende Seemeilen zurücklegen, ohne den blassesten Schimmer zu bekommen, wie Segel getrimmt werden? Das wir Skipper in der Südsee treffen, die noch niemals eine Wetterkarte studiert haben?

Und wie kommt es, dass Menschen erwarten, einen Blick ins Paradies werfen zu können, indem sie jene Liste an Touren abarbeiten, die ihnen der letzte Cruising Guide und der neueste Lonley Planet vorgegeben haben? Bis zu einem Ausmaß, dass eine gewisse Bar in Bora-Bora oder der Besuch eines Perlengeschäfts zu den unvergesslichen Highlights des Südsee-Segelns gekoren werden! Müssen wir denn wirklich erst auf einer geführten Schnorchel-Tour Schildkröten füttern, um die Tierwelt hier erlebt zu haben? Sind wir denn wirklich schon so effizient von Werbung und Konsumwelt erzogen worden, dass wir die Ironie an dem Versuch, die Südsee zu konsumieren nicht mehr sehen können?

 

[zum seitenanfang]

 

Suwarrow

Eine Insel für einen selbst

Gemächlich schlendern Jürgen und ich die wenigen Schritte über den weißen Sand zum Aussenriff von Anchorage Insel, dem größeren Motu von Suwarrow Atoll. Einen winzigen Flecken Land mitten in dem tiefen Blau des Pazifiks. Wobei die Bezeichnung "Land" fast ein bisschen zu viel scheint. Immerhin handelt es sich blos um einen Sandhaufen aus klein gemahlenen Korallenkörnchen, auf dem sich einige Palmen und Stauden angesiedelt haben. Es gibt hier keine Erde, keine Steine, keine Hügeln. Nicht einmal der Geruch von Land steigt uns in die Nasen, der salzige Duft vom Meer liegt in der Luft. Außer Kokosnüsse und einem kleinen Brotfruchtbaum wächst hier nichts, was den Menschen ernähren könnte. Im salzigen Korallensand kann kein Gemüse gezügelt werden und Mangobäume schaffen es nicht, hier Wurzeln zu schlagen. Es gibt keine Quelle mit frischem Trinkwasser, will man hier nicht verdursten, muss Regenwasser aufgefangen werden.

Ja nicht einmal Jahreszeiten gibt es hier. Das ganze Jahr durch fegt der Passat über die Insel, lässt die Palmblätter rauschen und erfüllt die Luft mit dem salzigen Atem des Ozeans. Er treibt Regenwolken über das Motu, die so schnell wieder abziehen wie sie kommen. Und auch wenn es weder Frühling, Herbst noch Winter gibt und sich das Atoll im ewigen Sommer sonnt, so gibt es doch eine Saison, deren Namen alleine ein leichtes Unbehagen aufkommen lässt: die Zyklon-Saison. Nicht, dass Suwarrow jährlich von unzähligen tropischen Zyklonen heimgesucht wird, das passiert nur hin und wieder. Doch bieten die Motus nichts, was einem vor einem anziehenden Wirbelsturm schützen könnte. Es gibt keine Erhöhung, die einem vor der aufgepeitschten See und einer Flut rettet, oder stabile Bauten, die sicherstellen, dass einem keine entwurzelten Palmen auf den Kopf fallen. Ja, es gibt nicht einmal eine gut geschützte Lagune, die einem ankernden Boot auch nur ein wenig Sicherheit bieten könnte.

Das Motu - ja das ganze Atoll - scheint nicht für den Menschen geschaffen zu sein. Seine Bewohner sind andere: Hunderte von Seevögel, die ihre Eier einfach am warmen Sand brüten, Kokosnusskrabben, die Nachts über die Insel wandern und sich tagsüber vor der Sonne unter Palmblätter verstecken. Die unzähligen und bunten Bewohner der Lagune. Korallen, Fische in jeder Form und Größe, Muscheln, Schnecken, Langusten, Seeigel, Krebse. Und dann gibt es da noch die kleinsten Bewohner der Insel, die schon alleine wegen ihrer Anzahl nicht vergessen werden können: die Stechmücken und Sandflöhe.

Und dennoch wirken die Atolle der Südsee wie kleine Paradiese auf uns Menschen aus den kälteren Regionen der Welt. Die cremeweißen Strände der Motus betören mit ihrer Reinheit, das türkise Wasser der Lagunen verführt mit seiner Schönheit das tiefgrüne Dach aus Palmblätter verwöhnt mit seiner Pracht. Wie viele Menschen träumen wohl davon, Inseln wie Suwarrow für sich zu entdecken. Einzutauchen in die sonnige Leichtigkeit der Südsee und zumindest für eine kurze Weile zu treiben in der stressfreien Monotonie des ewigen Sommers. Und doch frage ich mich, während ich mich auf einen umgefallenen Stamm einer Palme setze und die kleinen Riffhaie im seichten Wasser vor meinen Füßen bei ihrer Patrouille beobachte, wie lange es wohl dauern würde bis der paradiesische Traum zum realen Alptraum werden würde.

Mich persönlich - und ich gehöre schon von Natur aus zu jenen Menschen, die erst garnicht von einem Paradies in der Südsee träumen - würde die weniger glückliche Realität hier wohl sehr schnell einhohlen. Immerhin staune ich über nichts mehr als über abwechslungsreiche Natur, ich liebe die Jahreszeiten mit all ihren Facetten und könnte mir ein Leben ohne Kultur und hin und wieder menschlichen Kontakt kaum vorstellen. Doch Menschen sind verschieden und des einen Alptraum ist des anderen Traum, wie mir das Atoll von Suwarrow wieder einmal sehr deutlich zeigt.

Denn hier war es, wo sich in den 50ger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Neuseeländer freiwillig niedergelassen hat, um das Leben eines Einsiedlers zu leben und einen Sandhaufen im Pazifik zur Wahlheimat zu machen. Tom Neale packte 1952 seine Habe und wenige Kilo Ausrüstung und Proviant zusammen um auf das unbewohnte Atoll, das zu den Cook Inseln gehört, zu ziehen. Ich stelle mir vor, wie er täglich zu einem der Korallenköpfe im Riff tauchte, um sich einen frischen Fisch zu fangen. Wie er Trinknüsse erntete und seine Zeit damit verbrachte, das kleine Häuschen auf der Insel zu pflegen. Wie jeder Sonnenuntergang das Ende seines Tages beschloss und wie die wenigen Segler, die zu jener Zeit im Südpazifik unterwegs waren, die einzige Abwechslung in Form von etwas Gesellschaft brachten.

Sein selbstgewählter Rückzug in die Einsamkeit währte vorerst allerdings nicht lange. Schon zwei Jahre nach seiner Ankunft in Suwarrow fand ihn eine vorbeikommende Segelcrew niedergebrochen mit einem Bandscheibenvorfall und Tom Neale musste zurück in die Zivilisation. Allerdings blieb es für Neale nicht bei den wenigen Jahren auf Suwarrow. Er kehrte zurück und lebte, aufgeteilt auf zwei spätere Aufenthalte, weitere 13 Jahre alleine auf Anchorage Insel.

Unvorstellbar, denke ich mir. 15 Jahre auf einem Atoll. 15 Jahre ohne Familie, ohne Freunde. 15 Jahre ohne Erde, ohne Wiesen, ohne Wälder. Jahre der Einsamkeit und der Einfachheit. Wie muss man wohl "gestrickt" sein, um so einen Lebensweg zu wählen?! Sollte mir jemals sein Buch "An island to oneself" über sein Leben als Robinson in die Hände fallen, werde ich es mit Neugierde lesen!

 

[zum seitenanfang]

 

Panama, 1999

Memory Lane

Nun bin ich also wieder hier. Hier, wo doch alles einmal angefangen hat. Bin da zurück, wo meine ersten großen Abenteuer ihre Anfänge nahmen. Jahre sind vergangen, seit Jürgen und ich zum ersten mal nach Kalifornien reisten, um uns hier in ein freies und unbekümmertes Leben voller Reiselust zu stürzen. Und nach all dieser Zeit bereitet es mir wahres Vergnügen, auf diesen verblassten Spuren meines Lebenswegs noch einmal zu wandeln.

Wie oft sind wir wohl die Strandpromenade von Santa Monica bis Venice Beach abgelaufen? Sogar das Bistro gibts noch! Aber war Venice wirklich immer so touristisch? Habe ich das früher einfach nur nicht bemerkt? Bei meinen ersten Schritten in der großen Welt. Nicht, das mich der Tourismus stört, wer währe ich denn. Ich bin ja selber hier, um alles in mir aufzunehmen.

Und der große Buchladen an der 3rd Street. Abende haben wir auf den einladenden Sofas mit Stapeln an Büchern breit gemacht. Haben alles, was es hier übers Segeln zu lesen gab, regelrecht gebüffelt. Dabei waren wir noch mit dem Wohnmobil unterwegs. Waren gerade von der halbjährigen Reise von hier bis Alaska und quer durch Kanada zurück nach Kalifornien gekommen. Wie fasziniert wir doch von dem Gedanken waren, dass die Boote da draußen noch viel weitere Strecken zurücklegen könnten. Kann man den freier als frei sein? Doch, sie mussten noch freier sein. Sie waren nicht an Straßen gebunden, mussten sich nicht an einen Kontinent halten. Reisen, so weit einen der Wind bläst, das musste genau unsere Kragenweite sein.

Die Grundlagen des Segelns waren schnell in LA gelernt. Alles weitere war ohnehin eine Frage der Erfahrung. Und die kann man bekanntlich ja nur sammeln. Doch konnten wir auch in dieser Zeit des Lernens und Verändern nicht still stehen. Eine kleine Reise durch den Mittelwesten sollte unsere Zeit in Los Angeles unterbrechen. Und dabei stoppten wir auch in San Diego, wo wir unser neues Zuhause und Reisemobil fanden: IRISH MIST. Und schon waren wir "umgezogen". Neue Adresse: Mission Bay, San Diego.

Ist es nicht erstaunlich, woran man sich noch erinnert? Schau doch, dort ist der Gebrauchtteile Händler, bei dem wir dieses Mistding von einem Windgenerator gekauft haben! Was der für Lärm gemacht hat. Und erst wie er den ersten Tölpel beim Landeanflug aufs Boot das Genick gebrochen hat. Was für ein scheußliches Ding das doch war. Aber wir haben es eben nicht besser gewusst und erst Jahre später in Florida auf Solarpaneelen umgerüstet.

Eigentlich haben wir dazumal schon einen großen Schritt gemacht, ohne es so zu empfinden. "In einen neuen Hafen einzulaufen ist wie der Beginn eines neuen Lebens" hat doch James Wharram einmal geschrieben. Wie spannend doch die Zeit des Umbruchs ist. Wie traurig, dass so viele Menschen angst und bange bei dem Gedanken des neuen Durchstarten wird, wo es doch so vieles zu erleben gibt! Auch neue Wege einzuschlagen ist auch wie der Beginn eines neuen Lebens! Voller heimlicher Versprechen auf neue Eindrücke und Erfahrungen.

Und wir stürmten in unseren neuen Lebensweg! Wir hatten nur noch zwei Monate Zeit, mit IRISH MIST umgehen zu lernen, sie auszurüsten und die Leinen zu lösen. So wenig wir doch auf Regeln und Grenzen gaben, dass wir uns nicht mit Behörden anlegen konnten, dass war selbst uns klar. So war das Auslaufen unseres Touristenvisums der vorgegebene Termin zum Reisestart ins Segel-Leben.

Ist es vielleicht unklug, so ungebremst in einen neuen Lebensweg zu stürmen? Verantwortungslos und halsbrecherisch? Aber warum denn? Wozu erst seriös werden, dem Kopf die Phantasie austreiben und die Leichtigkeit des Seins vergessen? Geht es im Leben nicht darum, glücklich zu sein? Weshalb aufs Glück warten und riskieren, es dabei durch die Finger schlüpfen lassen!

Und glücklich waren wir. Ja, IRISH MIST war kaum das richtige Boot für ausgedehnte Blauwasserreisen. Und wir mussten uns schon ziemlich am Riemen nehmen, um mit zwei bis dreihundert Dollar im Monat klar zu kommen. Zu zweit, wohlgemerkt. Aber was hat das schon zu bedeuten. Deshalb hatten wir doch nicht weniger Spaß am Leben. Ganz im Gegenteil!

Natürlich konnten wir nicht immer so weiter machen, wie wir dazumal hier angefangen haben. Trotzdem sind die ersten Schritte die wichtigsten. Immerhin muss man doch zuerst einmal herausfinden, was man überhaupt im Leben will. Was man dafür leisten muss, dass zeigt sich dann ohnehin von selbst. "Wir zeigen dir, wie man träumt. Willkommen in der Maschine!" singen Pink Floyd. Nein, so konnte das für mich nicht funktionieren. Es ist zu gefährlich, sich zeigen zu lassen, wie das Leben läuft. Man könnte dabei viel zu leicht übersehen, wovon man wirklich träumt!

Und nun bin ich also wieder hier. Einiges hat sich geändert. Ich bin etwas älter geworden. Das Boot ist größer, stabiler und komfortabler geworden. Mein finanzieller Hintergrund hat sich etwas geändert - ein kleines Einkommen ist da. Obwohl, wer weiß, Besitz kann auch trügerisch sein. Auf jeden Fall kostet er ganz schön was an Nerven und belastet das freie Sein. Meine Erfahrungen sind gewachsen und viele Seereviere liegen in meinem Kielwasser. Doch es geht ja garnicht um Seemeilen in meinem Leben. Viel mehr kann ich sagen, dass mich der Blick in verschiedene Lebensweisen und Kulturen weiter geformt hat. Freundschaften sind gekommen und gegangen, manche sind geblieben. Meine Zeit der kreativen Suche liegt hinter mir: Heute weiß ich, dass mein Talent in Worten zu finden ist und ich Musik und bildende Kunst besser anderen Talentierten überlasse, die mehr davon verstehen. Auch weiß ich heute, dass ich im Grunde des Herzens Europäerin bin und die Kulturen dieses alten Kontinents liebe.

Einiges ist gleich geblieben. Meine Partnerschaft war und ist immer noch die wichtigste Konstante in meinem Leben. Meine Lust, neues zu erleben ist nicht verflogen, ganz im Gegenteil: Auch heute noch hoffe ich, noch viele andere Arten zu Leben ausprobieren zu können. Auch heute noch träume ich davon, einmal eine lange Reise durch eine Wüste zu machen oder mit einem Kanu den Yukon River über Monate zu folgen. Auf einem kleine Stückchen fruchtbaren Boden eine Zeit so einfach als möglich zu leben, oder mit einem Zughund und Wagen zu Fuß über eine weite Strecke zu wandern. Und als kleiner Widerspruch: Europäerin hin oder her, ich fühle immer noch, dass ich mich an vielen Plätzen dieser Welt glücklich niederlassen könnte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und ganz egal, was sich in meinem Leben alles getan und geändert hat. Über eines bin ich mir deutlich klar geworden, seit ich hier entlang der Häfen meiner ersten Segeltage spaziere: Im alten Wohnmobil, oder an Bord von IRISH MIST, war ich nicht weniger glücklich als heute an Bord von LA BELLE EPOQUE. Es braucht wirklich nicht viel, um glücklich zu sein.

 

[zum seitenanfang]

 

Kritische Zeiten

Kritische Zeiten

Nicht alles, was ich mache, ist professionell. Zugegeben, vielleicht übertreibe ich da noch, vielleicht ist das meiste, was ich mache, amateurhaft. Vielleicht nehme ich mir ja manchmal auch ein bisschen zu viel vor und übe mich in einem Feld, dass die Profis eindeutig besser bestreiten.

Aber im Grunde genommen bin ich mit einem gesunden Selbstvertrauen ausgestattet und hatte so bisher auch nie wirklich einen Zweifel, dass es vielleicht dumm ist, die Profession von anderen als eigenes Hobby zu betreiben. War ich doch immer der tapferen Ansicht, dass der Wille zu lernen, etwas Selbstkritik und der Spaß am Hobby Grund genug ist, nicht alles nur den Profis zu überlassen.

Als wir noch an Land wohnten, hat es mir zum Beispiel Spaß gemacht, mit unserem alten 02er bei kleinen Bergrennen anzutreten. Ich bin die Hänge hinauf geflitzt und habe die Sekunden gezählt. Habe meine Gegner genau beobachtet und gelernt, wie sie die Kurven fahren. Nach den meisten Rennen habe ich meine eigene Leistung noch mal im Kopf abspielen lasse. Versucht, meine Fehler zu erkennen und mich über meine geglückten Leistungen gefreut.

Obwohl ich wusste, dass ich nie professionelle Rennfahrerin werden würde. Dazu fehlte mir zweierlei: Zum Einen die Schneit, wollte ich doch nie meine Gesundheit fürs Hobby riskieren. Zum Anderen aber auch der Wille, Rennfahren zu meiner Lebensaufgabe zu machen. Jeder Rennfahrer kann aber bestätigen: will man Profi werden, muss man alles andere zurückstellen und fürs Rennen leben. Ich würde aber segeln gehen. Sowohl das Budget fürs Rennfahren blieb begrenzt, wie auch die Zeit.

Nun hat sich mein Leben weiter entwickelt. Ich habe kein Bedürfnis mehr, ein Hobby auszuüben, indem ich Stress durch Nervenkitzel abbauen kann. Stress hab ich nicht, Nervenkitzel dafür manchmal mehr als erwünscht.

Und so ist es dazu gekommen, dass nun Schreiben, also meine Bücher und schließlich auch meine Homepage zu meiner "liebsten Nebenbeschäftigung" gewachsen sind. Eine Beschäftigung, die es allerdings wirklich in sich hat. Denn hatte ich erst die unglaublich viele Arbeit ins Buch-Manuskript gesteckt, wollte ich nicht alles in eine Schublade stecken und verstauben lassen. Plötzlich stand ich also mit einem Hobby da, dass mit der Ausübung des Hobbys selbst nicht abgeschlossen ist.

Doch lernte ich bald, dass Schreiben sich in einem nicht vom Rennfahren unterscheidet: will man darin was erreichen, muss man alles andere zurück stellen und dafür leben. Wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang wie beim Rennfahren. Denn hier geht es plötzlich darum, dass man sein eigenes Leben in die Öffentlichkeit kehrt. Doch auch das genügt nicht, um wirklich gut zu werden, muss man seinen Lebensplan umkrempeln und sich ein Konzept zusammen stellen. Man muss das Schreiben, oder besser gesagt, das Veröffentlichen, zum Beruf machen.

Zu Deutsch: Um in der Welt der Publizierenden wirklich mitmischen zu können, muss man nach Hause fliegen, Vorträge anbieten und durchs Land tingeln. Man muss alle Vereine und Zeitungen kennen lernen. Man muss sich verkaufen, für sich werben, sich anbieten. Und man muss von den Verlagen erfahren, wie man in ihr derzeitiges Konzept passt. Verkauft man sich erst einmal auf Multimedia-Shows gut, kann man schließlich auch mit professioneller Unterstützung und dem Interesse eines Verlages rechnen.
Das dumme ist nur, dass man dann eigentlich schon längst den Spaß an der ganzen Sache verloren hat, nimmt es doch plötzlich Zeit und Energie wie ein Beruf in Anspruch. Wenn auch ein sehr schlecht bezahlter.

Wie auch beim Rennfahren habe ich mich aber dagegen entschieden, mein Leben nach dieser neuen Beschäftigung zu drehen. Gemeinsam mit Jürgen habe ich besprochen, dass das Schreiben mein gerne betriebenes Hobby bleibt. So hatte ich also mein erstes Manuskript geschrieben, es "Fortgeblasen und angeschwemmt" benannt und mich darüber gefreut, dass einige Freunde und Bekannte Lust hatten, es zu lesen und mir sogar versicherten, dass es ihnen gefallen hat. Dann hab ich es für zwei Jahre in meine Schublade gelegt.

Bis ich mich schließlich entschied, in das Hobby "Schreiben" auch etwas Geld zu investieren und meine Texte in eine Homepage zu packen. Mit Programm und Lehrbuch ausgestattet, feilte ich nun an dieser neuen Homepage herum und schloss einen Vertrag mit einem bezahlbaren Provider. Auch wollte ich immer noch mein erstes Buch in der Hand halten können. Die mehreren tausend Euro, die allerdings ein professioneller Lektor für seine Arbeit nehmen würde, waren in unserem Reisebudget nicht locker zu machen. Darum entschied ich mich für die weniger teure Version eines Eigenverlags. Gleichzeitig gab ich das Manuskript auch als kostenloses PDF-Download auf die Homepage, wusste ich doch, dass kein Lektor das Buch überarbeitet hatte. Das mag alles unprofessionell sein, aber zumindest war es nun nicht mehr umsonst geschrieben.

Die Rechtschreibung gehört zu meinen größten Schwächen, egal, wie ich es wende und drehe. Seit Kindesalter lief ich in Nachhilfe und schummelte mich durch den Deutschunterricht. Selbst meine Mutter hat sich über die Lehrbücher gestürzt, im Versuch, mich aus der Rechtschreib-Krise zu reißen. Vergebens. Mein Glück, weshalb ich nicht während meiner Schulzeit in Deutschunterricht mit Pauken und Trompeten untergegangen bin, lag daran, dass ich immer Spaß am Schreiben und Lesen hatte und mir so eine löchrige Rettungsweste aus Ausdruck und Form schreiben konnte. Geändert hat sich daran offensichtlich nichts, da hilft auch der Rechtschreibduden und das Lehrbuch an Bord nicht viel.

Damit war mir natürlich auch klar, das erste Kritiken bezüglich Rechtschreibung und Grammatik eintrudeln würden. Mehr, als zu versprechen, dass ich auch weiterhin versuche, an meiner Schwäche zu arbeiten, kann ich dazu leider nicht bieten.

Doch ich freute mich, viele positive Rückmeldungen zu bekommen und die ersten sehr schönen Kritiken waren das Buch allemal wert. Dass manche professionellen Kritiker mein Buch nicht in ihren Medien vorstellen wollten, empfand ich als sehr professionell und als nett. Immerhin können sie nicht großzügig über Fehler hinweg sehen und es war mir lieber, keine Kritik zu bekommen als durch den Kakao gezogen zu werden für eine Schwäche, gegen die ich nicht ankomme und deren professionelle Abhilfe ich mir ganz einfach nicht leisten kann.

Damit war also wieder genug Wind in den Segeln und ich arbeitete an meinen nächsten Streich. Nach dem kleinen Büchlein "Blau", das ich selbst einfach liebe und zusammenstellen wollte, formte sich die neue Reise mit LA BELLE EPOQUE zum Manuskript: "Im Reich der Eissturmvögel". Wieder war schnell klar, dass ich mich nicht genug "selbst verkaufe", um professionelle Hilfe zu erhalten, doch erhielt ich Hilfe von einem meiner Leser, worüber ich mich doppelt freute. Und so kämpfte sich Wolfgang erst einmal durch meine gröbsten Rechtschreibfehler.

Und mit der Möglichkeit, nun über Internet direkt selbst zu publizieren, ging nun mein drittes Werk ins Rennen. Diesmal entschied ich mich gegen eine Gratis-PDF. Die Reise wahr ohnehin im Internet nach zu verfolgen. Außerdem ist ein Manuskript mit unzähligen Arbeitsstunden verbunden und ich möchte, dass sich meine Veröffentlichungen selbst finanzieren. Ich habe versucht, das Buch so professionell zu gestallten, wie ein Amateur es eben schaffen kann.

Natürlich trudelten auch hier die ersten Kritiken ein und speziell auf neue Bewertungen auf Amazon.de brannte ich: Freude über die ersten Bewertungen. Klar, ist es ja auch leicht, Lob entgegen zu nehmen.

Dann kam die erste schlechte Bewertung. Eine Leserin war enttäuscht, weil ich für ihren Geschmack zu sehr vom Segeln erzähle. Sie selbst sei kein Segler, aber Norwegen-Fan und hätte sich mehr Reisebericht und weniger Segelerzählung gewünscht. Das tut mir leid. Denn eigentlich dachte ich, mit dem Segelboot am Cover, den Eissturmvögel im Titel und mit der Beschreibung unserer Reise entlang der Wikinger-Route im Klapp-Text seien solche Fehlkäufe auszuschließen. Ich nahm mir aber vor, im nächsten Werk noch besser darauf zu achten, dass Buch als Segelbuch zu deklarieren. Kritik muss gehört werden.

Und dann kam die erste öffentliche "böse" Kritik. Niemals zuvor hatte ich wissentlich durch mein Hobby in jemanden "Wut" ausgelöst. Und natürlich hatte ich auch wirklich nicht beabsichtigt, jemanden so zu ärgern. Damit kann ich aber jetzt auch sagen, dass es sich nicht besonders gut anfühlt, wenn einem jemand diese unerwartete Wut zurückschickt. So fühlte ich mich nach dem ersten Durchlesen erst einmal verletzt.

Eine natürliche Reaktion. Denn es ist immer leichter, Kritik nicht zu nehmen und sich lieber in Mitleid zu drehen. Aber auch wenn ich immer Amateur-Autor bleiben werde, so habe ich mir doch das hohe Ziel gesteckt, stetig besser zu werden und vor allem aus Fehlern zu lernen.

Bei zweiter Betrachtung hat mich die schlechte Kritik auf Amazon nicht mehr verletzt, aber dafür ordentlich erschrocken. Ich hätte den Eindruck vermittelt, sehr einsam gewesen zu sein. Weil ich von alkoholschwangeren Abende mit anderen Seglern geschrieben hätte, anstelle von interessanten Details aus den diversen Seegebieten. Diese Aussage hat mich erschrocken, denn was könnte weiter von der Wahrheit liegen. Seit wir unterwegs sind, trinken wir höchst selten Alkohol, schon alleine deshalb, weil er in den Hohen Breiten viel zu teuer ist und uns viel zu unwichtig, um unser Budget damit zu belasten. Und einsam fühle ich mich nun wirklich nicht. Hatte ich uns unbeabsichtigt im Buch als einsame Alkoholiker gezeichnet und damit Leser gelangweilt, nur weil Alkohol und Gesellschaft für uns so selten vorkommt, dass ich den einen oder anderen Anlass erwähnte?

Damit habe ich mir natürlich noch einmal das eigene Buch zur Hand genommen. Um zu versuchen, es mit anderen Augen zu lesen. Beim Durchblättern habe ich einige Stellen gefunden, an denen ich beschreibe, wie wir mit anderen Seglern Abende verbringen. Für einen Reisebericht, der sich über drei Jahre streckt, scheint mir das zwar nicht als zu viel, aber ich werde in Zukunft darauf achten, solche Details nicht zu sehr zu erwähnen.

Die weitere Kritik des enttäuschten Lesers ist für mich etwas schwieriger. Denn mit dem Vorwurf, zu wenig von Stürmen berichtet zu haben, habe ich mein ehrliches Problem. Ehrlich, weil wir eben nicht mehr Stürme erlebt haben als ich beschrieben habe. Ehrlich, weil man als Fahrtensegler darauf achtet, nicht in die paar Stürme zu geraten, die schwer sind. Und weil ich mir den Grundsatz gestellt habe, keinen Seemannsgarn zu spinnen. Muss es denn wirklich sein, dass jeder, der ein Buch übers Segeln schreibt, die ewig alten Geschichten von Orkane und Monsterwellen wiederholt? Ist es denn wirklich spannender für einen Leser, übertriebene Schauermärchen zu erfahren, die sich in den Büchern abklatschen? Fällt es denn garnicht auf, dass die wenigsten Fahrtensegler von wahrhaft grauenvollen Übersetzer berichten können?

Als Leser habe ich es bisher immer als eher negativ empfunden, wenn segelnde Autoren die "Horrorstorys" eines Seegebietes auspacken. Hat es zum Beispiel wirklich das Buch "Over the Top" eines segelnden Briten besser gemacht: er erzählt, dass die Barents See in Norwegen Monsterwellen bis 30 Meter Höhe aufwerfen kann. Und diese Geschichte schreibt er nur, weil er sein Boot einen Winter lang an einer Boje im sicheren Hafen hoch im Norden alleine lässt. Er wäre ja auch eigentlich ein Selbstmörder gewesen, an dieser Küste, wo es genug gute Häfen und Ankerplätze gibt, in derartig horrenden Bedingungen aufs Meer zu fahren.

Ich bin nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Ist die Wahrheit langweilig? Ist unser Leben als Fahrtensegler zu normal für die Vorstellung der Leser, dass es solche übertriebenen Geschichten braucht? Fokussiere ich auf die falschen Erlebnisse? Ist die Kritik gerechtfertigt, oder nehme ich sie zu ernst? Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich nun einen positiven Lerneffekt aus dieser Kritik ziehen soll. Aber ich werde versuchen, an meinem Schreibstiel weiter zu verbessern. Und ich werde die beiden Manuskripte, die zur Zeit fertig in "meiner Schublade" liegen, noch einmal durcharbeiten. Was ich allerdings nicht machen werde, ist Geschichten dazu erfinden. Denn nein, bisher hatten wir noch keine Piraten-Überfälle, keine Monsterwellen. LA BELLE ist noch nicht gekentert und kein Bär ist im Cockpit herumgesprungen. Und ich hoffe, das bleibt auch so.

 

[zum seitenanfang]

 

 

mut zum freien leben

Mut zum freien Leben

Nach all den Jahren Fahrtensegeln und einigen ungewöhnlichen und schwierigen Gewässern in unserem Kielwasser, stelle ich manchmal mit Erstaunen fest, welchen Eindruck wir heute auf den einen oder anderen Segler, den einen oder anderen Menschen, den wir begegnen, oder den einen oder anderen Leser dieser Homepage hinterlassen. Den Eindruck, waghalsige Abenteurer zu sein, die schon immer vor Mut gestrotzt habe und keine Gefahr kennen.

"Ich bin ja nicht so mutig wie ihr, aber..." ist ein Satz, den ich mittlerweile wiederholt gehört habe und der mich immer wieder ins nachdenken bringt. Nachdenken, wie es denn dazu gekommen ist, dass ich plötzlich als mutig gelte, dass ich zur abenteuerlustigen Seglerin geworden bin und dass mir mehr zugetraut wird, als sich manche Menschen selber zutrauen. Nie zuvor habe ich mich selbst als mutig empfunden, nie habe ich meinen Lebensweg als halsbrecherisch gesehen und bis heute bin ich überzeugt, dass ich genau so normale Grenzen und Ängste habe wie andere Menschen auch. Dennoch kann ich nicht bestreiten, dass ich Lust dazu habe, mich in neue Abenteuer zu stürzen, mich wiederholt selbst heraus zu fordern und mir in vielen Dingen selber mehr zutraue als so manche Bürger einer westlichen Zivilisationsgesellschaft das so macht.

So frage ich mich manchmal, wo liegt wirklich der Unterschied, welche Fähigkeiten habe ich, die für unsere Reisen so bedeutend sind und was hat mich so mutig gemacht, ohne dass ich mich selbst als besonders mutigen Menschen betrachte. Weshalb plagen mich die kleinen Sorgen, die jeder so hat, weniger stark, weshalb kann ich Ängste ignorieren und fühle eine Vorfreude in mir, wenn ich mich selbst herausfordere? Und vor allem, wie ist es dazu gekommen, dass ich mir selbst so viel zutraue? Ist es wirklich nur eine Überdosis Mut, mit der ich ausgestattet wurde, oder gibt es da noch eine andere Erklärung, weshalb ich mein Leben auch in den rauen Gewässern und den unwirtlichen Ecken dieser Erde erleben kann?

Und desto mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ich nicht überdurchschnittlich mutig bin, dass einige andere Fähigkeiten und Begebenheiten nachhelfen, weshalb ich Spaß daran habe, durch die Arktis zu streichen, oder es wage, auf einem Meer zu segeln, das seit jeher berüchtigt und gefürchtet ist. Und diese Fähigkeiten sind eine Unerschrockenheit gegenüber Neuem, der Wille, durchbeissen zu können, die Lust am Lernen, die Selbstsicherheit, mich in schwierigen Situationen auf mein Gefühl verlassen zu können und meine grundlegend positive Einstellung.

Eine Eigenschaft, über die ich froh bin sie zu verfügen, ist die Unerschrockenheit, mit der ich mich nicht durch übertriebene Erzählungen anderer davor abschrecken lasse, etwas selbst zu versuchen. Zum Glück, denn meine ersten Segelversuche während einer Schulsport-Woche an einem österreichischen See hätten mir für immer die Lust am Segeln nehmen können. Schon dazumal habe ich begriffen, dass so mancher Segler selbst unsicher in seinem Können ist und Angst davor hat, sich blos zu stellen. Und obwohl ich dem Segellehrer ohne weiteres seine übertriebenen Erzählungen von möglichen Kenterungen, schweren Hafenmanövern und gefährlichen Überbordgehen glaubte, konnte ich nicht abgeschreckt werden.

Jahre später, als Jürgen und ich das Segeln als Lebens- und Reiseform für uns entdeckten, dachte ich zwar noch hin und wieder an die Übertreibungen meines ersten Segellehrers, doch konnte ich maximal darüber lachen. Wir brachen auf, segelten in den Süden und genossen in vollen Zügen, langsam nötiges zu lernen. Natürlich bin ich heute überzeugt, dass es mir gut getan hat, langsam in ein Revier vorgedrungen zu sein, das eigentlich als sehr einfach und genussvoll beschrieben werden kann. Doch auch unsere ersten Erfahrungen mit Schlechtwetter, unsere ersten Grundberührungen oder unsere ersten Probleme mit dem Boot konnten mich nicht abschrecken.

Mit den zurückgelegten Seemeilen und den gesammelten Erfahrungen kamen neue Träume und die Gedanken flogen weiter. Bis heute bin ich froh, niemals den (für mich) Fehler gemacht zu haben, zu viel auf einmal zu planen und uns selbst so in konstante Stressbelastung gebracht zu haben. Damit konnten wir uns praktisch nicht selbst überschätzen und uns das Leben unter Segel so selber sauer machen.

Desto länger man aus dem herkömmlichen Leben der ersten Welt entfernt lebt, desto mehr verliert und vergisst man auch die "Verweichlichung", die man im Welt des Luxus automatisch erfährt. Ich begann, Anstrengungen als normal zu empfinden, Dinge anders zu sehen. Manche Freunde von mir schaudern heute noch, wenn ich davon erzähle, dass ich mir meinen gebrochenen Fuß selbst eingerichtet habe und Jürgen mir einen Gibsverband baute. Doch für mich schien das dazumal weder besonders hart noch mutig, sondern einfach als das logische Verhalten in einer dummen Situation. Nicht mehr, nicht weniger.

Dann kam der Tag, an dem wir in richtige Schwierigkeiten gerieten. Unser großer Sturm, in dem wir schließlich auch unser wassernehmendes Boot aufgeben mussten und von der Küstenwache mit einem Hubschrauber gerettet wurden. Bis heute werde ich hin und wieder gefragt, ob ich nicht unglaubliche Ängste ausgestanden habe. Doch war dafür weder Zeit noch Anlass. Meine einzige Angst lag in der Möglichkeit, Jürgen auf schreckliche Weise zu verlieren. Doch sobald er im Hubschrauber saß und ich den Funkspruch bekam, dass nun meine Rettung ansteht und ich in den tobenden Nordatlantik springen sollte, gab es für mich keinen Anlass zur Sorge. In meiner Gedankenwelt war die Möglichkeit, diese Nacht zu sterben, einfach nicht vorhanden. Und wenn doch, hätte ich keinen Grund gefunden, weshalb ich davor Angst haben sollte.

Dann kam unsere Zeit zurück im bürgerlichen Leben. Eine Zeit, die anfänglich sehr anstrengend für mich wurde. Denn ich versuchte, nicht mehr auf mein Gefühl zu achten und viel mehr zumindest vorübergehend in die Gesellschaft zu passen. Doch ich war schon viel zu viele Schritte in eine andere Richtung gegangen, ich fand den Weg nicht zurück, konnte Denkensmuster nicht verstehen, die weiche Watte aus Langeweile und Ignoranz um mich nicht ertragen. Wenn ich morgens mit dem Auto in die Arbeit pendelte, wunderte ich mich, dass niemand in den Dosen um mich die Schönheit des Sonnenaufgang zu sehen schien.

Es kam der Tag, an dem ich bemerkte, dass ich im Sturm mehr Lebenslust verspürte als in meiner momentanen Situation. Plötzlich wusste ich, dass es nicht viel Mut von mir braucht, wieder aufzubrechen, sondern dass es eine große Portion Selbstaufgabe braucht, wenn ich versuche, mein Leben in geregelten Bahnen zu bestreiten. Ich lernte, dass eine meiner grundlegenden Fähigkeiten darin bestand, Spaß zu verspüren, sobald ich mich selbst herausfordere. Es gibt Menschen, die Angst haben, aus ihrer Routine gerissen zu werden, neues erleben zu müssen. Ich allerdings hatte plötzlich Angst, vor keiner neuen Herausforderung zu stehen und in Routine zu versinken. Vor dem Versagen, die neue Herausforderung nicht stand zu halten, hatte ich allerdings noch nie Angst.

Und so schaffte ich es, mein bürgerliches Leben in Österreich nach meiner Persönlichkeit einzurichten und nicht umgekehrt.

Dann kam der neue Aufbruch. Nervosität weckte die Lebensgeister und die Reiseroute wuchs mit der Erfahrung. Als wir in Österreich aufbrachen, schien der Norden von Norwegen noch eine richtig große Herausforderung. Doch wieder wuchsen wir beide mit unseren Erfahrungen und nach einem Winter in dem Hohen Norden kamen schwerere Reiserouten dazu. Die Entscheidung, über den Nordatlantik zu segeln, Grönland zu bereisen und dort einen Winter zu verbringen kamen nach und nach und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht hin und wieder Bauchweh bei der Entscheidung hatte, vor einem Sturmtief auszulaufen. Doch bin ich mit jeder Seemeile, mit jeder Erfahrung weiter gewachsen, habe neues gelernt und meinen Willen, durch zu beissen gestärkt. Und wurde dafür mit unglaublichen Eindrücken belohnt.

Gegenseitig trieben sich Jürgen und ich immer weiter, bremsten, wenn sich einer von uns nicht recht wohl mit der getroffenen Entscheidung oder Route fühlte oder trieben, wenn mehr zu erreichen war. Nun liegt auch die Nordwest Passage in unserem Kielwasser und hat uns gezeigt, wie viel wir erreichen können, wenn wir den Aufbruch wagen. Der weite Pazifik voller neuer Abenteuer liegt vor uns und wir wissen, dass wir uns auch über etwas waghalsigere Pläne und Routen stürzen können, wenn wir wollen.

Und so bin ich heute überzeugt, dass ich nicht grundlegend mutiger oder belastbarer bin wie viele andere Menschen auch. Der einzige Unterschied zwischen mir und Menschen, die behaupten nicht so mutig zu sein wie wir, liegt nur darin, dass ich den Mut zum ersten Schritt hatte: Den Mut zum freien Leben. Alles weitere kommt von selbst!

 

[zum seitenanfang]

 

treibholz

Best Blog Award

Oder, ein virtuelles Stöckchenschießen für den Versuch, meine Realität einer vernetzten Welt zu erzählen

Hin und wieder bekommen wir eine mail von Menschen, die uns für unsere Homepage und meine Texte, unsere Reise und unsere Lebensphilosophie loben. Immer wieder freue ich mich über diese kleinen Bestätigungen, die wie eine Frische Briese in den Segeln antreiben, Erlebtes zu berichten und Gedanken zu fangen.

Und neuerdings sind wir dafür sogar unter "Beschuss" gekommen. Uns wurde das "Blogstöckchen" - auch "Best Blog Award" genannt, zugeworfen. Aber keine Sorge, Klaus von Fahrtenseglers Glück gehört wohl nicht zu den Menschen, die achtlos um sich schmeißen und hat uns die Auszeichnung viel lieber ganz ehrenvoll überreicht!

Im Best Blog Award zeichnen also Blogger andere virtuelle Schreiberlinge für ihre Arbeit aus, indem sie ihnen 11 Fragen zuwerfen. Weitergereicht wird der Preis in Form von 11 neuen Fragen an maximal 11 andere Blogs. Das Interessante daran? Verfolgt doch einfach mal die verlinkten Blogs nach und findet so einen ganzen Berg von tollen Homepages!

Aber jetzt zu Klaus Fragen an mich (ich, Claudia, bin bei uns der Schreiberling, die Antworten stammen damit also aus meiner Feder):

1. Wie bist zu zum Segeln gekommen?

Übers Reisen. Unterwegs im alten Wohnmobil entlang der Nordamerikanischen Westküste wurde schnell klar, dass "die da draußen mit ihren Segeln" viel weiter kommen als wir auf Rädern.

2. Welche Rolle spielt in Deinem Leben das Wort Aufbruch?

Aufbruch ist ein Moment, den Staub der vergangenen Tage und die Langeweile des Altbekannte hinter mir zu lassen. Das Versprechen für Neues. Jeder Aufbruch ist der erste Schritt, um Grenzen zu sprengen, sich selbst und seine Fähigkeiten neu zu definieren und neue Horizonte, neue Fähigkeiten und neue Leidenschaften zu entdecken. Ich liebe es ganz einfach, auf zu brechen und hoffe, nie stehen zu bleiben.

3. Warum ausgerechnet Fahrtensegeln? Was fasziniert Dich daran?

Ich mag es, in der weiten Welt und doch zuhause zu sein. Fahrtensegeln ermöglicht mir, die Welt zu erleben, da ich nicht glaube, dass ich ohne mein kleines Zuhause jahrelanges Reisen durchhalten könnte. Und, Hand aufs Herz, welche schönere, intensivere und gleichzeitig strapaziösere, abenteuerlichere Art zu Reisen gibt es schon?

4. Worauf kannst Du verzichten?

Ich könnte auf so Manches verzichten: Grenzen und Immigrationen, Regierungen, Militär und Polizei, Kirchen, Stars und Würdenträger, Arbeit und Vorgesetzte, Werbung und Meinungsmacher

5. Welches Buch sollte Deiner Meinung nach jeder einmal gelesen haben?

Natürlich "Im Reich der Eissturmvögel" von Claudia Kirchberger ... *lach*... Nein, aber mal im Ernst: ich liebe Bücher von B.Traven und würde jedem "Das Totenschiff" oder "Die Weiße Rose" empfehlen.

6. Was war dein größter Fehler beim Segeln?

Ziemlich eindeutig: Der Schiffbruch von IRISH MIST

7. Dein Leben wird verfilmt: Wie lautet der Titel?

"Mei potschert´s Lebm"
(Übersetzung: Mein tollpatschiges Leben)
Verwundert? Na ja, Leute die mich und meine Unfall-Historie kennen, können mit dem Titel wohl eher was anfangen ;-) (entspringt übrigens Jürgens Kreativität)

8. Was war Dein größtes Abenteuer bis jetzt?

Ich hadere... Unsere Rettung per Hubschrauber? Die Nordwest Passage? Grönland? Oder einfach nur der Versuch, mein ganzes Leben ein einziges großes Abenteuer sein zu lassen.

9. Was würdest Du einem Anfänger raten, der nach Lektüre Deines Blogs auch segeln möchte?

Mach einen Schritt nach dem Anderen. Plane nicht von Anfang an eine riesige Tour und lass dir die Zeit für Umwege offen. Hör zu, was andere Segler erfahren haben, aber denke nicht, dass ihre Umsetzung auch für dich der richtige Weg sein muss. Lass dir Zeit, bleib dabei aber nicht stehen. Und so ungemütlich das auch ist: ein bisschen Pragmatismus muss wohl sein, Träumen alleine bringt dich nicht weiter und bis du auf den Weltmeeren unterwegs bist, musst du schon einiges an Energie reinstecken.

10. Auf dem Boot leben und unterwegs Geld verdienen: Geht das? Kannst Du es Dir für Dich vorstellen? Oder, wenn Du es machst: Welches sind Deine Erfahrungen?

Keine Ahnung, ob das geht. Ich hab zwar auf unserer ersten Segelreise gelernt, dass ich wenn nötig immer wieder bei Null anfangen kann, aber mir das Leben mit einem kleinen steten Einkommen doch lieber ist.

 

11. Was ist Glück für Dich?

Mein größtes Glück ist, Jürgen an meiner Seite zu haben.

 

Wie ja schon eingangs beschrieben, liegt es nun an mir, den Best Blog Award an meine Favoriten weiter zu reichen. Das werde ich auch die kommenden Tage machen und ihre Antworten hier anschließend verlinken.

Und was will ich von meinen liebsten Bloggern wissen? Hier kommen meine Fragen:

1. Was ist deine Motivation für diesen Blog?
2. Auf was freust du dich kommendes Jahr am meisten?
3. Welche Erfindung würdest du dir wünschen?
4. Worauf kannst du verzichten?
5. Reisen: Camping oder Hotel?
6. Transport: Muskelkraft, Dieselkraft (oder Benzin...) oder Windkraft?
7. Was möchtest du schon immer mal lernen?
8. Was würdest du tun, wenn du vor nichts Angst hättest?
9. Welche Sportart würdest du gerne mal ausprobieren?
10. Welches Buch sollte jeder mal gelesen haben?
11. Was inspiriert dich?

 

[zum seitenanfang]

 

Geisterstadt in Grönland

Die Geisterstädte Grönlands

Eine Reise nach Grönland führt ins Eismeer und zu Gletscher, aber auch in die Vergangenheit. Eine Vergangenheit zwischen nomadischer Jagdkultur und der europäischen Suche nach einer neuen Heimat, zwischen zügelloser Lebenslust und Gier der alten Walfänger und dem christlichen Versuch, die Menschen mit Ordnung und Hierarchie zu erziehen. In einem Land, dessen Klima und Einsamkeit die übrigen Spuren wohl besser und authentischer als jedes Museum hütet.

Denn auch wenn die Winterstürme an den Fenster der verlassenen Hütten rütteln, bis das letzte Stück Glas zersprungen ist und der Schnee die Eingangstüren der Holzgebäude versperrt, so sorgt das kalte, trockene Klima der Arktis doch dafür, dass die Holzwände nicht einstürzen und der viele Eisenschrott nicht zu Staub zerfällt. Nachdem Land und Meer ausgebeutet waren, die Seelen der Menschen dem ewigen Heiland gehörten, war es zu teuer, die alten Gerätschaften wieder abzutransportieren. Und so sollten von da an verlassene und windzerzauste Geisterstädte die Küsten Grönlands zieren und uns ein wundersames Reiseziel bieten.

Während von den alten Siedlungen der Wikinger kaum noch Anzeichen übrig geblieben sind, so finden wir doch viele verlassene Hütten der Seefahrer entlang der Küste. Gerade eine Siedlung - der Hafen der Færøer - hat es uns angetan. Denn Færingerhavn - von den Inuits als Kangerluarsoruseq benannt, besteht aus Häusern, Anlagen zur Fischverarbeitung und Wracks, Theater und Krankenhaus.

Die Fischer der Færø Inseln fischten immer schon mit kleinen, offenen Booten und setzten lange Leinen, um den vielen Dorsch entlang ihrer Küste zu ernten. Und so kam die Zeit, in der englische und deutsche Fischer ihre Fanggebiete nach reicher Beute abfuhren und die Existenz der Færøer bedrohten. Neue Reviere mussten ergründet werden, der Fischreichtum Grönlands war in aller Munde. Doch die Færøer Fischer schafften es in ihren kleinen Fangbooten nicht, die Grönländische Küste zu erreichen, den Fisch zu fangen und zurück auf ihre Inseln zu segeln. Um die Fischbestände der Davis Straße nützten zu können, musste eine Landbasis in Grönland her. Eine Idee, die jedoch in Grönland auf Wiederspruch stieß. Weder wollten die Dänen ihr Handelsmonopol abgeben, noch wollten die Grönländer mehr Menschen, die ihre Meere leerten. Ihnen half alles nichts, die Færøer beriefen sich auf ihre Zugehörigkeit zum dänischen Reich und schafften im Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts auch, ihre Forderung auf grönländisches Land durchzusetzen.

Wir erreichen die Geisterstadt, verzurren unser Beiboot an einem Eisbrocken und kämpfen uns über Uferböschung und metertiefen Schnee auf der alten Bootsrampe zu den ersten Holzgebäuden. Das hier muss wohl ein altes Seemannsheim sein, denn wir schreiten durch die Rezeption in große Aufenthaltsräume, betrachten die kleinen Zimmer im ersten Stock und staunen über die Druckerpresse in einem Raum. 1927 wurde diese Siedlung gegründet. Ganz wie die Grönländer und Dänen befürchtet hatten, dachten die Færinger auch garnicht lange daran, den Fischfang in dänischer Hand zu behalten und so öffneten sie ihren Hafen bereits zehn Jahre später für Fischerboote aus aller Herren Länder.

Spuren von Füchsen bedecken die Schneedecke zwischen den Gebäuden, gerne wäre ich jetzt auch so leichtfüßig unterwegs wie diese kleinen Gesellen, denn wir brechen durch die Schneedecke, versinken bis zu den Oberschenkel im weißen Pulver und schaffen es nur mühsam, die nächste Hütte zu erreichen. Das Geschäft boomte, die kleine Siedlung wuchs, Lagerhallen zum Salzen und Verarbeiten von Fisch entstanden, die Infrastruktur von Færingerhavn wuchs. Vor dem heruntergekommenen Krankenhaus beobachtet uns scheu und aufmerksam ein Schneehase im verfallenen Theater entdecken wir ein kaputtes Klavier, das Gerippe eines Diaprojektors und die letzten Reste der Bühnenkulisse.

Die Siedlung schaffte es durch die mageren Kriegsjahre und erfuhr neuen Aufschwung zu Beginn der Fünfziger: denn nun übernahm das Unternehmen Nordafar die Siedlung. Unglaubliche Mengen an riesigen Generatoren wurden herangeschleppt, Hallen und Kühllager gebaut, Werkstätten, Anlagen und eine Stromversorgung waren neuer Standard.

Der Fortschritt war auch am Wasser nicht aufzuhalten: größeren Fangbooten folgten Fabriksschiffe. Bis der Tag kam, an dem die großen Landfabriken nicht mehr gebraucht wurden. 1989 musste Nordafar ihren Konkurs melden, die Tore der Fischfabrik wurden endgültig geschlossen, es gab keine Arbeit mehr und die Menschen verließen den Platz, um in ihre Heimat zurück zu kehren. Niemand hatte das Geld, den kahlen Flecken grönländischer Erde von den Überresten der Siedlung zu befreien und alles blieb liegen und stehen. Nur wenige Menschen blieben zurück und knapp 20 Jahre später verließen auch die letzten 8 Einwohner den verfallenen Ort.

Nun ist es ruhig hier. Einzelne Fensterläden knarren im Wind, nur unsere Stimmen brechen hin und wieder die Stille. Immer wieder wundere ich mich: ist dies alles hier blos Müll, der eigentlich richtig entsorgt gehörte, oder ist dies hier ein Denkmal unserer Vergangenheit, das geschützt und in Ehren gehalten werden sollte?

 

[zum seitenanfang]

 

wertigkeiten

Wertigkeiten


Es waren einmal ein paar junge Männer, die um die Welt reisen wollten. Sie waren voller Leben, abenteuerlustig, und kein Ziel schien ihnen zu groß. Sie waren so jung, dass sie sich soeben vermählt hatten. Und so zogen sie fort. Sie teilten sich auf. Eine Hälfte ging den einen Weg, die andere Hälfte den anderen Weg über das Land, damit sie sich wieder trafen, wenn sie um die Welt zogen.

Sie reisten und reisten - im Sommer in Lederbooten, im Winter mit Hundeschlitten. Die Jahre vergingen, sie bekamen Kinder, wurden aber nicht müde zu reisen, denn sie wollten nicht das Ziel aufgeben, dass sie sich gesetzt hatten. Schließlich wurden sie alt, und ihre Kinder bekamen wiederum Kinder.

Man erzählt sich, dass sie, als sie aufbrachen, große und schöne Kellen aus Moschusochsenhorn hatten. Aber sie waren so lange gereist und hatten so oft Trinkwasser aus Seen und Flüssen geschöpft, dass am Schluss von den Kellen nur mehr Griffe übrig blieben.

Eines Tages trafen sie sich, als jede Hälfte den halben Weg rund um die Erde gereist war. Aber sie waren jetzt Greise, die von ihren Enkeln geführt werden mussten.

"Die Welt ist groß!", sagten sie, als sie sich trafen. "Und wir sind inzwischen alt geworden. Aber wir haben richtig gelebt. Und dadurch, dass wir unser Ziel erreicht haben, haben wir Wissen und Weisheit für kommende Geschlechter erworben!"

Ich klappe das Buch zu und wärme mich an dieser schönen Geschichte der Inuit. Eine Geschichte, die das Leben liebt, die Jugendträume bejaht und die in ihrer Einfachheit davon erzählt, wie erfüllend ein Leben sein kann, wenn man wagt, seinen jugendlichen Unternehmungsgeist mit beiden Händen zu packen und für seine Ziele zu leben.

Eine Geschichte, die mich nicht nur in ihrer Einfachheit berührt, sondern die mich mit ihrem Ausgang überrascht!

Denn noch nicht allzu lange ist es her, saßen wir gemeinsam mit Freunden an einem Tisch und unterhielten uns über unsere Reisen, über unser Leben. Wir saßen bei Freunden, die weit gereist waren, die sich ebenfalls für ein Leben abseits des gewohnten Alltages entschieden haben und die versuchen, ihren Träumen treu zu bleiben. Und so erzählten unsere Freunde, dass sie einige bittere mails von fremden Menschen erhalten hatten. Briefe, deren Inhalt die beiden anprangern, dass sie keinen Wert für die Gesellschaft zuhause schaffen würden. Denn sie arbeiten nicht im System, versuchen nicht, so viel Geld wie menschenmöglich zu erwirtschaften. Sie versuchen nicht, das Einkommen zu steigern und den wirtschaftlichen Wachstum zu unterstützten. Sie würden nicht dazu beitragen, dass die Pensionskassen möglichst viel Geld erwirtschaften und sich das System mästen kann.

Klar, andere Wege zu gehen, den eigenen Träumen zu folgen und dabei die Welt zu entdecken, kann wohl kaum geradliniges Wirtschaftswachstum hervorrufen, kann keine alteingesessenen Systeme mit ihren löblichen Grundlagen und schändlichen Wasserköpfen füttern und kann wahrscheinlich auch nur gering dazu beitragen, die Finanzmärkte mit Kaufkraft und billig gespendeten Versicherungsgeldern aufzublasen. Klar, reiselustigen Jugendträumen zu folgen bringt eben mit sich, dass die Zeit fehlt, um die eigene Arbeitskraft zur Gänze dem gesellschaftlichen System zu widmen und aufs wohl verdiente Alter zu warten, um dann die Vorzüge des Systems endlich zu nützen.

Zugegeben, ich war einigermassen erstaunt, von solche Vorwürfe zu erfahren und wunderte mich auch darüber, dass unsere Freunde diese Beschuldigungen zu Herzen nahmen und zweifelten, ob ihr Lebensweg wirklich recht und billig war. Nicht nur deshalb war ich erstaunt, weil ich eben aus eigener Erfahrung weiß, dass unser Lebensstiel uns nicht automatisch aus dem System wirft. Denn auch wir müssen unser Einkommen erwirtschaften, unsere Beiträge und Steuern zahlen und unsere Besitztümer zusammenhalten - auch wenn wir versuchen, mit weniger Geld aus zu kommen und kleinere wirtschaftliche Schritte zu gehen.

Ich war über die Vorwürfe erstaunt, weil ich bisher nie das Gefühl hatte, außerhalb der Gesellschaft zu stehen und - noch schlimmer - wertlos für meinen Kulturkreis zu sein, weil ich nicht versuche, den größtmöglichen wirtschaftlichen Wert zu schaffen. Ich beruhigte unsere Freunde. Denn ihr Wert für die Gesellschaft erscheint mir größer, als auf den ersten Blick vielleicht zu sehen ist. Zuhause erzählen sie über ihre Reisen, berichten über fremde Länder und Abenteuer. Sie füllen das Internet mit Erzählungen und helfen den Menschen zu träumen. Und siehe da, wenn die Menschen zuhause träumen, beginnen sie auch, ganze Wirtschaftszweige mit kleinen Ausgaben anzutreiben. Menschen, die vom Reisen träumen, beginnen, bunte Magazine mit nach Hause zu nehmen. Sie kaufen Bücher, funktionale Kleidung und statten sich mit passenden Ausrüstungsgegenständen aus. Sie suchen sich Hobbys, die zu ihren Träumen passen und inspirieren mehr Menschen, sich ihren Freuden zu widmen. Sie fahren in Urlaub, nutzen ihre Möglichkeiten, die Welt zu sehen und das Abenteuer der Reise zu erleben. Natürlich wollte ich unseren Freunden nun nicht vormachen, dass dies alles nur auf unseren Kappen gewachsen war. Größenwahn gehört nun glücklicherweise nicht zu meinen schlechten Eigenschaften. Doch ich denke schon, dass die beiden (und auch viele andere, die von ihren Reisen berichten) so zur Wirtschaft einen kleinen, feinen Beitrag leisten.

Schade allerdings, dass ich bei unserem gemeinsamen Abend die schöne Geschichte der reisenden Inuit noch nicht kannte. Eine Geschichte, die mich gerade deshalb in ihrem Ende so beeindruck hat, weil sie mir gezeigt hat, dass ich mit meinen Versuch, unserem Leben einen gesellschaftlichen Wert zu zu sprechen, doch auch nur gezeigt habe, wie kleinkariert ich immer noch denke!

Ja, kleinkariert! Wie konnte ich blos übersehen, dass der gesellschaftliche Wert eines Menschen keineswegs im System gefunden werden kann. Wie konnte ich vergessen, dass alle, die ihren Jugendträumen folgen, der eigenen Kultur einen viel langfristigeren Nutzen bringen, als den derzeitigen wirtschaftlichen Standard aufrecht zu halten!

Denn wenn wir alles richtig machen, können wir irgendwann nach Hause kommen und sagen: "Die Welt ist groß! Und wir sind inzwischen alt geworden. Aber wir haben gelebt. Und dadurch, dass wir unsere Ziele erreicht haben, haben wir Wissen und Weisheit für kommende Geschlechter erworben!"

 

[zum seitenanfang]

 

nordwest passage

Nordwest Passage - Das große Abenteuer

Wir sitzen an Bord und betrachten die Weltkarte. Betrachten die Reiserouten, die vor unserem Bug liegen und versuchen so objektiv wir können die Ideen ab zu wiegen. Denn vor uns liegen drei Möglichkeiten, drei Ideen, drei Routen, die für das kommende Jahr zur Auswahl stehen:

In den Süden Richtung Kanada, der Küste Labradors entlang nach Neufundland, einen Abstecher in den St. Lawrence River und später eine Atlantiküberquerung nach Irland.

Oder eine Entdeckungsreise in die Hudson Bay – einmal nach Churchill und zurück, einen Abstecher nach Resolute Island, der Insel der Eisbären. Eine Reise, die kaum eine Segelyacht je in Erwägung gezogen hat.

Aber uns lockt die dritte der möglichen Reiserouten am stärksten: durch die Nord-West Passage in den Pazifik. „Kurs Hawaii – die logische Route“ sozusagen.

Vorerst lassen wir uns noch die Möglichkeiten offen, doch formt sich immer konkreter der Plan, die Arktis für uns zu entdecken. Wir treffen Yachten, die gerade aus der Nord-West Passage in Grönland angekommen sind, besprechen Routen und Erlebnisse, Kaufen Seekarten und Iridium Satellitentelefon, versuchen uns im Umgang mit dem Eispol und montieren Stufen in das Rigg. Und plötzlich stecken wir mitten in den Vorbereitungen zu unserem bisher größten Abenteuer. Denn plötzlich steht die Route für das kommende Jahr fest: wir werden versuchen, durch die Nord-West Passage an Kanadas Westküste zu segeln. Wir werden ein weiteres Jahr im Hohen Norden verbringen, ein weiteres Jahr durch die kalten Gewässer des arktischen Ozeans kreuzen.

Doch die Vorbereitungen für diese Reise verlangen dieses mal ein bisschen mehr als nur das Schifferl in Ordnung zu halten und auf das richtige Wetter zu warten. Wir benötigen Unterlagen, Lebensmittel, mehr Kleidung für die Arktis, wir brauchen extra Tankkapazität, die Segel müssen geflickt werden, die Kommunikation muss verbessert werden, denn Eiskarten werden kommendes Jahr für uns Überlebenswichtig. LA BELLE EPOQUEs Technik muss einwandfrei funktionieren, wir können uns keine Gebrechen leisten. Wie sieht´s aus mit Motor und Getriebe, Steuerung, Rigg, Anker, Elektronik? Passt unsere Heizung und Isolierung; wie steht´s um unsere persönliche Ausrüstung? Benötigen wir noch etwas, bevor wir endgültig in die Arktische Einsamkeit eintauchen? Wie steht´s um unsere Ausrüstung bezüglich Dokumentation?

Wir schreiben Listen und beginnen, diese abzuarbeiten: Ich beginne, Konserven einzukochen: Spagettisugo, Gulasch, Fisch. Beginne, die Pantry neu zu organisieren. Besorge Chemie für die Trinkwasserentkeimung und jage grönländischen Sonderangeboten hinterher. Zugegeben, wir sind nicht unbedingt im billigsten Land für diese Vorbereitungen.

Jürgen zerlegt das Getriebe, eine Dichtung lässt etwas durch und es kann nicht schaden, das alte Getriebe auf Vordermann zu bringen.

Doch der größte Brocken liegt vor uns: wir benötigen ein Visa für die USA. Denn die Gesetze haben sich geändert: mit dem eigenen Boot darf man nur noch mit gültigem Touristenvisa in die USA einreisen.

Bald stellt sich heraus, dass wir das Visa nicht in Grönland bekommen werden. Wir müssen in ein Land, in dem wir auf eine amerikanische Botschaft gehen können. Wir durchsuchen das Internet und vergleichen Flugangebote – und buchen Flüge nach Österreich.

Schon laufen die Tage dahin: wir verholen LA BELLE EPOQUE in den Fischerhafen von Nuuk, steigen in das Flugzeug und kommen vollkommen erschlagen in Wien an. Wir freuen uns, nach Jahren einen Teil unserer Familien zu treffen und arbeiten unsere Listen ab. Die Visa bereits in den Pässen läuft uns dennoch die Zeit in Österreich davon: wir eilen von einem Treffen mit Freunden zum anderen und schaffen es nicht, alle Freunde mit unserem Aufenthalt in Österreich zu überraschen. Zu schade, wollten wir doch eigentlich noch Fritz und Gabi, Angi und Hermann, Michael und Margit, und noch etliche andere Freunde besuchen. Wir genießen die Geselligkeit und die vielen Abende im Freundeskreis – und sehen uns dennoch nach der Einsamkeit unseres Zuhauses: unseres Boots. Wir schießen von einer Einladung zur nächsten und halten dabei doch den ganzen Verkehr auf: wir sind langsam geworden. Wir staunen über die Enge der Heimat: überall stehen Häuser, überall wird gebaut, alles erneuert sich. Wahnsinn, so viele Menschen!

Wir fühlen uns, aus dem Rhythmus geworfen, vertragen den Alkohol nicht mehr und kommen nicht zur Ruhe. Wir lachen Abende durch mit unseren Freunden und bestaunen die Fortschritte bei dem einen oder anderen Bootsbau.

Wir arbeiten am Haus, Jürgen baut einige Ersatzteile für LA BELLE EPOQUE. Wir besorgen Kleinigkeiten und vergleichen Preise. Mum versorgt uns mit warmer Kleidung aus Kanada und langsam wächst unser Gepäck zu bedenklichen Ausmaßen.

Die Zeit fliegt und schon packen wir erneut unsere Rucksäcke, drehen die Uhren zurück und zappeln, bald kommt die letzte Umarmung, das Flugzeug wird uns in Grönland ausspucken, wir werden unsere Taschen an Bord schmeißen, den feinen Dieselofen ordentlich einheizen und uns in die kommenden Abenteuer stürzen: eine Überwinterung im geliebten Grönland und einen Versuch, durch die Nord-West Passage in den Pazifik zu segeln!

[zum seitenanfang]

 

Leben ohne großen Plan

Leben ohne grossen Plan

Weltkarten, Atlanen, Globen. Was gibt es schöneres zum Träumen! Bücher voll Karten und Fotos, Küstenhandbücher und Revierbücher, Reiseführer und Reiseberichte. Fast eine alte Tradition ist es für uns schon, eine kleine Weltkarte an der Schotwand hängen zu haben und seit unserer ersten Reise sind wir es nicht satt geworden, diese Karte zu betrachten und zu studieren. Vor allem aber betrachten wir diese Karte um unsere Träume fliegen zu lassen!

Träume – über ferne und nahe Reiseziele, über fremde Natur, unbegreifliche Kulturen, herrliche Vegetation und beindruckende Tierwelt; Träume über quirlige Städte und verschlafene Dörfer, einsame Strände und unberührte Wälder. Träume, von den Erlebnissen und Eindrücken, die wir in diesen fremden Regionen sammeln können.

Doch Träumen alleine ist nur ein Anfang, nur eine Inspiration. Sie alleine führen noch zu nichts, kommen und gehen und fliegen manchmal auch weiter zu immer ferneren Zielen. Und bald schon werden aus den Träumen Visionen, Ziele werden abgesteckt und Pläne folgen. Denn was wäre das Leben schon ohne dem Ziel, die eigenen Träume umzusetzen und ohne Pläne, um dieses Ziel zu erreichen. Und schon fängt die Krux an! Woher wollen wir wissen, wie es uns ergeht, ob geplante Ziele auch wirklich unsere Träume erfüllen? Ob wir die großen Pläne überhaupt durchstehen, oder ob sich vielleicht in der Zwischenzeit etwas in uns ändert. Vielleicht bringt die zusätzliche Erfahrung, die wir unterwegs sammeln ganz neue Ideen, ganz andere Sichtweisen. Mag sein dass es uns unterwegs doch irgendwo besser gefällt, als wir es uns erwartet haben, oder vielleicht schlechter?

Schritt für Schritt sind wir nun unseren Träumen gefolgt, haben uns Ziele gesetzt und fleißig daran gearbeitet, unsere Pläne einzuhalten. Bis wir schließlich die Leinen losschmeißen konnten um erneut auf große Fahrt zu gehen. Eins jedoch wurde nie Teil unseres Traumes: nach großen Plänen zu leben, alle unsere Ziele schon vorab festzulegen und weder Zeit noch Luft zu finden, neue Ideen zu hegen. Denn unser Traum handelt nicht nur von einer Reise, sondern viel mehr von einem Lebensstiel. Ein Lebensstiel, der uns erlaubt, mit den Erfahrungen zu wachsen, den Blick für die Welt zu erweitern und die Neugierde auf das Fremde zu befriedigen. Einen Schritt nach den anderen zu setzen und dabei laufend zu sehen, wo uns diese Schritte eigentlich hinführen.

Natürlich wird der eine oder andere Segler nun sagen, dass Segelreisen ganz einfach einen Plan bedürfen, da die Natur uns mit ihren Saisonen, ihren Systemen und ihren Jahreszeiten dazu zwingt, nach ihrer Uhr zu planen. Ohne Frage! Und auch wir müssen uns an diese Vorgaben halten – oder, besser gesagt, auch wir sind froh, diese Vorgaben zu haben. Doch ist das noch lange kein Grund, unsere Reisen über Jahre hinweg durch zu planen. Es genügt uns, in Saisonen zu denken, mit den Jahreszeiten zu gehen oder maximal für ein Jahr zu planen. Es genügt, die einzelnen Reiseziele als große Pläne zu sehen und so genügend Freiraum zu lassen, um mit den Erfahrungen zu wachsen und einen Schritt nach dem anderen zu setzen.

So waren unsere Pläne zum Start dieser Reise auf die Flüsse Mitteleuropas und die Nord- und Ostsee beschränkt, ohne dabei eine genaue Route vorzugeben. Denn unterwegs entschieden wir, anstelle des Mittellandkanals in die Emskanäle abzubiegen. Unterwegs entschieden wir, die Nordsee bis in den Limfjord zu nehmen und nicht über den Kielkanal in die Ostsee zu gelangen. In den Stockholmer Schären gefiel es uns so gut, dass wir uns entschieden, den Sommer dort zu bleiben und nicht weitere Strecken in der Ostsee zu segeln und unser erster Besuch in Flensburg hinterließ einen so guten Eindruck von der Stadt und ihrem Umfeld, dass wir uns spontan entschieden, dort den ersten Winter unterwegs zu verbringen. Mit der Zeit kam auch die Sehnsucht, den Norden Europas noch besser kennen zu lernen und so setzten wir uns Norwegens Küste als neues Ziel. Bis ans Nordkap oder vielleicht sogar bis Spitzbergen wollten wir segeln und unterwegs kam auch die Idee, bis zur russischen Grenze zu reisen. In den weißen Nächten Norwegens wurde uns klar, dass wir auch die schwarzen Tage dieser hohen Breiten und das Nordlicht erleben wollen und so werden wir auch den kommenden Winter hier oben im Norden verbringen.

Langsam aber unaufhaltsam haben wir Erfahrungen gesammelt, sind ins Segeln an nördlichen Küsten „hineingewachsen“ und haben die Faszination gespürt, die von diesen Seegebieten ausgeht. Unsere bisherigen Erlebnisse haben uns gezeigt, dass wir noch viel mehr von Europa sehen wollen. Und da es bald wieder Zeit für uns wird, neue Pläne zu schmieden, haben wir beschlossen, noch eine Weile an der europäischen Küste zu bleiben. Doch auch diese Küste ist riesig, so lassen wir zur Zeit noch unsere Finger über die Weltkarte wandern: über Schottland und Irland, über Frankreich und Spanien. Sie wandern über Island und die Färöerinseln, über die Azoren, über Portugal und England. Und noch können wir uns nicht entscheiden, ob wir endlich in den Süden wollen oder noch immer dem Lockruf des Nordens unterliegen.

Hin und wieder werden wir gefragt, ob wir denn keine längerfristigen Ziele haben, ob wir nicht vielleicht sogar zu einer Weltumsegelung aufbrechen wollen. Doch hier muss ich abwinken. Wir planen nicht viel, und eine Weltumsegelung planen wir schon gar nicht, eher eine Weltbesegelung. Ja, wir träumen nicht einmal von einer Weltumsegelung, auch wenn wir viele ferne Ziele haben, die uns locken und die sicherlich auch einmal näher rücken werden: denn spätestens seit unserer ersten Segelreise in Zentralamerika lockt uns Südamerika. Wir träumen von Argentinien und Chile, würden gerne irgendwann Brasilien besuchen und die Gebirge von Peru erleben. Wir haben Mexiko genossen und ein Wiedersehen währe schön. Die Küsten und die großen Seen in Kanada gehören sicherlich zu den ganz großen Segelabenteuern für uns und, ganz wie Farin Urlaub in einem Lied singt, mit dem Segelboot nach Japan – klingt in unseren Ohren nach einer spannenden Reise. Die Küsten Asiens sind überhaupt so eine interessante Geschichte, auch Russland hat so viele ferne Küsten, die wir gerne einmal sehen würden: egal, ob wir von der Arktis, vom Schwarzen Meer oder der pazifischen Küste dieses riesigen Landes sprechen (aber keine falschen Hoffnungen: die Nordostpassage ist noch eine Nummer zu groß für uns!) Neu Zeeland und Australien würden wir gerne sehen und ob unser Mut jemals bis Südgeorgien oder Grönland reicht, das steht noch in den Sternen!

 

[zum seitenanfang]

 

News on the Way

News on the way

“Unmöglich, wie könnt ihr das überhört haben!” Unsere Freunde stellen fest, dass wir das letzte Jahr nichts von den „wichtigsten Nachrichten“ der Welt erfahren haben. Naturkatastrophen, Mord und Totschlag, folgenschwere Unfälle, politische Unverfrorenheiten und finanzielle Debakel des letzen Jahres sind uns unbekannt. Negative Nachrichten, die unser Leben in der ersten Welt begleiten und die für uns so normal wie das tägliche Brot geworden sind. Traurige Nachrichten, welche von reißerischen Journalisten aufgeputscht worden sind, von skrupellosen Menschen verschuldet wurden, oder die zum natürlichen Rhythmus der Welt gehören. Nachrichten, welche die Zeitungen füllen und unwirkliche Kommentare im Internet provozieren.

Und plötzlich ist man weg. Und plötzlich werden diese Nachrichten unwichtig. Und auch mit Amateurfunkanlage an Bord, und selbst im Empfangsgebiet von deutsch- und englischsprachigen Radiosendern gibt es kein Bedürfnis mehr, diese Nachrichten zu hören.

Mitten im Jahr versuche ich es einmal: ich schalte den Amateurfunk ein und drehe die Frequenz auf die Deutsche Welle. Drehe an den Knöpfen herum, bis sich Stimmen aus dem Rauschen im Eta erheben, und ich spitze die Ohren. Warte gespannt darauf, was es in der Welt zu berichten gibt und wie es den Menschen in Europa und der Welt so geht. Und schon dringt die Stimme einer deutschen Sängerin an mein Ohr, die mit trainierter Stimme ihre Tat beichtet und ihr Selbstmitleid beteuert, mit Tränen in den Augen, wie mir der Reporter beteuert. Die Sängerin, die doch alles nur zum Schutz ihrer Tochter verschwiegen - und dabei Menschen ins Unglück gestürzt - hat. Ungläubig höre ich, wie sich Menschenrechtsgruppen für ihre Unschuld einsetzen und die Schuld an ihren Handlungen in der Gesellschaft suchen. Gespannt höre ich die ausführlichen Argumente, hie und da unterbrochen von kurzem Rauschen, welche Journalisten und Unbetroffene von dem Ereignis geben. Entsetzt sitze ich im Steuerhaus vor der Funkanlage und hadere an der „Verdauung“ des soeben gehörten. Zweifle daran, ob es denn wirklich wahr sein kann, das diese egoistische Handlung so viel Platz und Aufsehen in den Weltnachrichten füllen kann und selbst mich aus meiner Welt reißen darf.

Und dann habe ich genug. Mit einer schnellen Bewegung bringe ich das Gerät zum Schweigen. Sitze im Steuerstand und bin froh, nur noch das vertraute Plätschern der Ostsee unterm Rumpf und das leise Säuseln des Windes zu hören.

Ich denke darüber nach, welche Nachrichten uns eigentlich bisher so erreich haben und stelle mit erstaunen fest, dass uns Freunde immer nur die tollen Nachrichten per Mail weitergeleitet haben. Auf unseren Weg durch Europa und seine Gewässer haben wir stets Nachrichten erhalten, welche die Schönheit um uns zu unterstreichen schienen und welche von erfreulichen Ereignissen erzählten. Ob im Privaten oder in der Welt, stets erzählten die Mails von Geburten, Hochzeiten, neuen und interessanten Entdeckungen oder medizinischen Fortschritten, von guten Wetterlagen und schönen Ernten, von bemerkenswerten Neuerungen und geglückten Rettungsaktionen. Ich starte den Laptop und blättere noch einmal in den alten Mails, die uns erreicht haben. Noch einmal lese ich den einen oder anderen Artikel oder Brief, der im Ordner „Gelesen“ verschwunden ist. Ich freue mich über die Einstellung unserer Freunde und Leser, positive Nachrichten als wichtig zu empfinden und weiter zu leiten.

Und dieser positive Nachrichtenstrom reißt nicht ab. Und ich freue mich, als ich ein Mail von Rudi erhalte, welches über den Einsatz zur Rettung von Menschen berichtet, beschließe, der Nachricht einen Platz auf unserer Homepage zu geben und dass es mir egal ist, wenn dadurch böse Zungen behaupten werden, dass wir Schleichwerbung betreiben. Und die Werbung muss ja auch gar nicht angeschlichen kommen, denn ich freue mich, beim Kauf unserer Fallen eine Firmengruppe gewählt zu haben, die auch einmal positives tut. Und ich träume von einer Welt, in der die positiven Nachrichten die Zeitungen füllen könnten und in der die Anstrengungen von Menschen, welche Gutes tun, in den Fordergrund rücken könnten.

Denn wie würde die Welt aussehen, wenn positive Großereignisse, wie zum Beispiel die Rettung von vielen Hungernden, oder die Behandlung von erblindenden Kindern in einem fernen Land, die Menschen dazu aktivieren könnte, gemeinsam um betroffene Menschen oder Gebiete zu zittern, und nach erfolgreichen Anstrengungen von Einsatzkräften das Überleben von Menschen, Tieren oder Naturgebieten zu feiern.

Und deshalb freue ich mich über jeden, der mit uns seine positiven Nachrichten teilt und der voll Stolz seinen Einsatz zur Erhaltung der Menschlichkeit erzählt!

TEUFELBERGER SEIL BEIM WUNDER VON CHILE IM EINSATZ

Die Bergung der 33 Kumpel im San-Jose-Bergwerk in Chile ist abgeschlossen. Das Leben der Verschütteten hing während der Fahrt mit der Bergungskapsel an einem Seil, das vom Welser Seil- und Bandspezialisten TEUFELBERGER gefertigt wurde.

„Als die Firma Östu-Stettin mit der Bitte an uns herangetreten ist, das Seil für die Winde zu liefern, die für den Rettungseinsatz nach Chile geflogen wurde, haben unsere MitarbeiterInnen alle Hebel in Bewegung gesetzt um das Stahlseil so schnell wie möglich für den Transport fertig zu machen,“ erklärt Mag. Florian Teufelberger, Vorstand der TEUFELBERGER-Gruppe, “ es ist der Leistung des gesamten Teams zu verdanken, dass das Seil binnen kürzester Zeit für den Transport per Luftfracht bereit stand.“

Bei dem 1.000 Meter langen Seil handelt es sich um ein drehungsfreies EVOLUTION TK 16. Die Drehungsfreiheit war in diesem Fall Grundvoraussetzung, da sich die Kapsel beim Bergungseinsatz auf keinen Fall drehen sollte. Gefertigt werden drehungsfreie Hochleistungsstahlseile von TEUFELBERGER in Wels (OÖ) und St. Aegyd (NÖ) mittels einer speziellen Technologie und aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung.

Bei der Produktion von Seilen wie dem EVOLUTION TK16 für Chile kommt nicht nur das Seilerei-Know-how der MitarbeiterInnen zum Einsatz sondern auch die Erfahrung als einer der größten Kunststoffverarbeiter Österreichs, da der Kern mit Kunststoff umspritzt wird. Da das Unternehmen aus Wels als Spezialist in beiden Bereichen gilt und die Technologien „unter einem Dach“ vereint, war das richtige Seil für die Winde schnell gefunden.

„Wir sind stolz darauf, dass wir unseren Beitrag zur Rettung der 33 Kumpel in Chile leisten konnten“, erläutert Mag. Florian Teufelberger, “ als international agierende Unternehmens-Gruppe sind wir uns unserer sozialen Verantwortung bewusst und werden für besondere Herausforderungen wie diese immer mit vollem Einsatz eine schnelle Lösung finden.“

Das Seil mit einem Gesamtgewicht von knapp drei Tonnen wurde innerhalb weniger Tage nach Anfrage per Luftfracht nach Chile geflogen und dort auf der Winde von ÖSTU Stettin montiert. Üblicherweise werden diese Seile nur per Schiff transportiert, doch in diesem Fall war eine Transportzeit von mehreren Wochen nicht vertretbar.

 

[zum seitenanfang]

 

Lebe lieber ungewöhnlich

Lebe lieber ungewöhnlich

Wie schön und unbeschwert kann doch das Leben sein! Klar, wird sich jetzt der eine oder andere denken, klar, die hat´s ja auch leicht, so zu denken und zu schreiben. Die hat ja auch das Glück gehabt, ein gemütliches und ungewöhnliches Leben führen zu können. Glückskind eben.

Das Glück, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem Wohlstand und Reichtum zuhause sind. Das Glück, von einer Familie erzogen worden zu sein, die Wert darauf gelegt hat, Phantasie und Träume zu unterstützen und auch noch stolz darauf war und ist, eigenständige Denker und Träumer in die Welt entlassen zu haben. Das Glück, einen Partner gefunden zu haben, der mit ihr durch Dick und Dünn geht und ganz nebenbei auch noch ähnliche Träume und Lebensphilosophien hegt. Das Glück, obendrein ein wenig Besitz zu haben und es sich so leisten können, immer wieder mal ein paar Jahre „blau“ zu machen und aus der Welt der Arbeiter und Angestellten zu flüchten. Ganz einfach gesagt das Glück, tun und lassen zu können, was sie gerade mal will.

Ja, schön, ist schon richtig, ich bin ja auch der Meinung, dass ich bisher viel Glück gehabt habe und das Leben sehr gut mit mir spielt. Aber so ganz will ich es nicht einsehen, dass es immer nur Glück sein kann, was unseren Lebensweg entscheidend beeinflusst und sich die Welt so einfach aufteilen lässt: in die Glücklichen und in die Restlichen.

Ich bin halt doch auch öfter mal in Versuchung, zu denken, dass viel „Unglück“ hausgemacht sein kann und selbst „Glück“ Entscheidungen und auch Geradlinigkeit (was mir nicht sehr liegt) und Verzicht (was mir egal ist) fordert.

Was ich damit meine? Hm, schwer zu beschreiben, aber ich will´s mal an meinem eigenen Beispiel zu erklären versuchen.

Ja, ich gehöre zu den glücklichen Seelen, die in einem, seit meiner Geburt, friedlichem und stabilen Land aufgewachsen sind. Echtes Glück in meinen Augen, da mir durchaus bewusst ist, dass es sehr vielen Menschen nicht so geht, ohne dass sie viel Chancen haben, daran etwas zu ändern.

Ja und nein, freilich bin ich in einer großen Familie aufgewachsen, die nicht nur Zeit für mich hatte, sonder die auch darauf geachtet hat, dass ich mich entfalten kann und die mir die Freiheit gegeben hat, mich Selbst zu finden. Ganz nebenbei hat mir meine Familie selbst vorgelebt, dass man seine Träume haben sollte und diese auch verwirklichen kann. Auch wenn da noch keinem Bewusst war, welche Träume in mir stecken und wie weit weg sie mich tragen könnten. Ganz klar, ich wurde dazu erzogen, einen sehr hohen Selbstwert zu haben und jede Bevormundung und Hierarchie abzulehnen, wobei ich auch noch von jeher Rückendenkung von meinen Eltern gegenüber Vorgesetzten genoss. Was klar dazu führen musste, dass wahrscheinlich einige meiner Lehrer mich als verschissenen und eigensinnigen Fratz empfunden haben. Dafür bin ich zwar heuten noch meinen Eltern dankbar, doch bin ich auch überzeugt, dass die Erziehung nicht für alles zur Verantwortung gezogen werden kann. Dazu kenne ich genug Menschen, die nach gänzlich anderen Maßstäben (oder vielleicht nach gar keinen Maßstäben) erzogen wurden und dennoch ihren Träumen folgen. Und ich meine nicht nur jene Freunde, die auf den sieben Weltmeeren herumsegeln.

Dass ich mich heute nach wie vor auf einen wunderbaren Partner stützen kann und eine Beziehung lebe, die mich trägt, umhüllt und gleichzeitig fliegen lässt, die in sich Liebe, Freundschaft und Seelenverwandtschaft vereint, mag für viele Glück sein, für mich ist sie jedoch viel mehr. Mehr Wert und auch mehr Energie. Denn diese Beziehung lebt nicht nur davon, dass wir uns vor einiger Zeit zufällig getroffen haben. Sie lebt vor allem davon, dass wir sie beide hegen und pflegen, dass sie uns das Wichtigste überhaupt ist und, schwer zu erklären, dass wir uns nicht gegenseitig die Flügel stutzen wollen. Vor allem glaube ich, dass wir es doch beide genießen, uns ebenbürtig zu sein und keiner unter dem Druck des anderen steht. Klar, so was muss man mögen und manchmal erleichtert es nicht gerade, aber dennoch ist es für uns der einzige Weg, nicht vom Gegenüber gelangweilt den Respekt zu verlieren. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Vor allem können wir so unverständliche Konventionen sprengen, die das Leben nur erschweren.

Zwar weiß ich nicht, ob jetzt durchgedrungen ist, was ich sagen will, aber sicher ist, unsere Beziehung ist keine reine Glücksache und unsere Träume und Lebensphilosophien entstehen und wachsen gemeinsam.

Das Glück, obendrein ein wenig Besitz zu haben und es sich leisten zu können, seinen Lebenswandel zu genießen, wird in der ersten und zweiten Welt fast immer ein wenig neidisch gesehen. Und wie oft habe ich in meinem kurzen Leben schon gehört:“Wenn ich im Lotto gewinnen würde, dann würde ich...“...

Ui, da wird's für mich fast schwer, weiter zu schreiben, weil mich das Thema und die vorherrschenden Meinungen derart ankotzen!

Irgendwie geht's doch immer darauf hinaus, was man daraus macht und wie man es anstellt. Auch wir leben nur von der Hand in den Mund, wenn ich auch nicht die Hand dazu verschwende, für einen Boss zu arbeiten, um mit ein paar Euro nach Hause zu kommen. Auch unser Besitz steht auf dem einen oder anderen wackeligen Bein und muss erst beweisen, dass alle Rechnungen aufgehen. Auch wir haben hart buckeln, kalkulieren und Risiken abschätzen müssen. Auch ich habe in keinem Lotto gewonnen (was auch gar nicht passieren kann, nachdem ich keinen Euro fürs Glückspiel übrig habe). Auch wir müssen überlegen und planen, was wir wollen und was wir einsparen können.

So, und nur so, können wir uns ein Leben abseits der ausgetretenen Pfade leisten. Kleine Beispiele, was ich meine?

Gut, leicht zu bringen: keine Versicherungen, keine Autos. Kein Telefon (ich würde es auch hassen), keine neue Elektronik (unser Laptop auf dem ich gerade schreibe ist mindestens 8 Jahre alt und wurde uns geschenkt). Keine Yachthäfen, liegen vor Anker ist umsonst. Kein Fleisch, Kauf und Aufbewahrung ist zu teuer. Vor drei Monaten haben wir das letzte Mal Münzwaschmaschinen genützt, seither Handwäsche. Fast tägliche Beeren-, Pilz- und Früchtesammlungen, die ich einkoche, entsafte, trockne und zubereite. Alle Reparaturen an Bord werden selbst gemacht, nur so bleibt Segeln leistbar.

Keine teuren Ausflüge, Eintritte, Konzerte oder Restaurantbesuche. Keine Heizung, nur weil´s einen Abend frisch an Bord ist. Erst wenn einige Lagen Fleece nicht mehr wärmen, reden wir über den Dieselofen. Apropos Fleece: keine teuren Hightech-Markenbekleidung.

Dafür ganz klar: ohne Lotteriegewinn auf große Fahrt ins selbstbestimmte Leben.

Und auch wenn's jetzt schon fast so geklungen hat, als jammere ich über den einen oder anderen Verzicht in meinem Leben, weit daneben! Denn „Lebe lieber ungewöhnlich“ heißt für mich auch das Glück zu haben, leichter zu Leben und viel weniger Dinge zu benötigen, um glücklich zu sein!

 

[zum seitenanfang]

 

Abstecher

Abstecher ins andere Jahrtausend

Die Augen brennen und ich kann mir die schwarzen Ringe lebhaft vorstellen, welche von meiner Müdigkeit und Niedergeschlagenheit zeugen. Noch eben war ich an einem herrlichen Ankerplatz aufgewacht, hatte den betörenden Duft der Kiefern und Schwammerl eingesogen, den die leichte Briese von der kleinen Schäreninsel direkt bis an Bord unserer grünen Lady getragen hatte. Und plötzlich stand die Welt auf dem Kopf. Plötzlich kam meine ganze, entschleunigte Welt in Bewegung und nichts konnte schnell genug gehen. Plötzlich bestimmte nicht mehr der Wind mein Vorankommen und die alte Welt hatte mich wieder. Denn ich musste dringend nach Österreich!

Über Funk erreichte uns die traurige Nachricht über den Tod meiner Oma und zu dem Unglauben, der anfänglich noch die Gefühle in einen Art dämpfenden Wattebausch wickelte, mischte sich ein dumpfes Bewusstsein, dass ein ausgeprägter Hürdenlauf vor mir lag, um von diesem abgelegenen Ankerplatz auch rechtzeitig eine Verbindung nach Österreich zu schaffen.

Doch halt, immerhin befanden wir uns ja eh noch mitten in Europa, so schwer konnte es ja gar nicht werden, einen Flug zu bekommen. Und so hievte Jürgen auch schon den Anker aus dem Wasser während ich den Motor startete.

Schon zieht die Welt des Nordens am Zugfenster vorbei. Fremd komme ich mir hier vor. Übermüdet und eingesperrt. Die Sonne geht draußen in der „richtigen Welt“ herrlich auf wie immer, doch kann ich den betörenden Augenblick nicht richtig erleben. Denn hier drinnen sind weder ihre wärmenden Strahlen zu fühlen, noch kann ich den begrüßenden Morgentratsch der Vögel hören. Ich atme Luft aus dem Kasten ein. Klimatisiert und steril, die ganze Welt besteht plötzlich nur noch aus dem Geräusch des Klimagebläses und des fahrenden Zugs, aus dem schrillen Tönen, die leise aus dem Kopfhörer des Mädchens neben mir dringt und den Bildern einer Natur, die an mir vorüber zieht, ohne greifbar zu werden. Ich bewege mich in einer unsichtbaren Blase, keiner um mich scheint mich war zu nehmen, keine Gefühle oder Erlebnisse können durch meine Blase nach innen oder außen wirken. Alles ist anonym und nicht interessiert. Selbst kalten Regen im Gesicht würde ich jetzt lieber spüren als diese Einsamkeit, die mich hier, mitten im überfüllten Zug, überfällt.

Schon öffnen sich die Zugtüren und die Masse wird am Bahnsteig ausgespuckt. Im Strom bewege ich mich über die Rolltreppen nach oben zur „Skyworld“, zeige brav meine Zug- und Flugdaten her und suche die Abflughalle, um bald meinen Flug zu erwischen. Mit knurrendem Magen sitze ich am Gate und warte, nachdem ich alle Security-Checks geduldig über mich ergehen lassen habe. Klar, sicher, muss man ja, mein Gürtel und meine Schuhe haben ja schon verdächtig ausgesehen, könnte ja unter der Gürtelschnalle oder in den Schuhsolen atomare Waffen versteckt haben, um den ganzen verdammten Flug nach Wien in die Luft zu jagen.

Ich bin fasziniert. Ich reise viel zu schnell und ohne einem Rhythmus zu folgen, wackle mit dem Bus über holprige Straßen und düse mit dem Zug quer durchs Land, ohne bleibende Eindrücke sammeln zu können, fliege in wenigen Stunden etliche hundert Kilometer und verbringe doch den ganzen Tag mit Warten. Ja, ich warte auf den Bus, warte auf den Zug, warte auf den Flug, warte auf die nächste Haltestelle, warte auf die Abfahrt, warte auf das Schild „Arlanda C“ und warte darauf, dass das Klo frei wird. Ich warte auf den Check In. Ich warte aufs Bording, warte aufs Abheben, warte darauf, endlich das Meer unter mir zu sehen und aufs Sandwich, das ausgeteilt werden wird. Warte auf den Kaffee, warte auf den Sinkflug. Ich warte darauf, dass das „Anschnallen“ Leuchtschild erlöscht und der Airbus steht. Warte darauf, meiner Familie in die Arme, und anschließend ins Bett fallen zu können. Warte darauf, dass ich endlich einen Tag älter bin und somit mein Reisetag Geschichte ist!

Gerne hätte ich die vielen Eindrücke, die von den Ländern unter mir geblieben sind, mit den Menschen um mich geteilt, hätte auf Bornholm runter gedeutet und von der herrlichen Insel geschwärmt, hätte die schönsten Wolken unter uns hergezeigt und den weißen Streifen an der deutschen Küste mit jemanden bestaunt. Doch niemand interessiert das. Keiner scheint die vielen Frachtschiffe unter uns zu sehen oder das Glitzern der Wasseroberfläche zu bemerken. Keinem fällt auf, aus welcher Richtung die Dünung am Meer kommt, wie eng doch die vielen Dörfer in Deutschland nebeneinander liegen, oder wie viele Segelboote heute am Neusiedlersee unterwegs sind, während Mister Bean im Flugunterhaltungsprogramm seine alten Schmähs reißt.

Und auch wenn ich froh bin, einen Tag in Österreich verbringen zu können, um meine Familie zur Seite zu stehen, frage ich mich doch, ob uns der ganze Fortschritt, den wir erleben und der uns umgibt, uns in eine bessere Zukunft gebracht hat und bin erleichtert, einen Tag später, knapp vor Mitternacht, Jürgen zu erblicken, wie er verschlafen und vor Kälte zitternd in der Bushütte wartet, um mich endlich wieder an Bord zu rudern. Denn ich habe es verlernt, schnell und anonym zu leben!

 

[zum seitenanfang]

 

Helden der Meere

Helden der Meere

„Ich betrachte den Sonnenuntergang, ich atme den Hauch der Weite, ich fühle meine Seele aufblühen, und meine Freude schwingt so hoch empor, dass nichts sie mehr einzudämmen vermag. Und die übrigen Probleme, die mich mitunter quälten – sie wiegen nicht ein Gramm angesichts der unendlichen Ferne, in der sich das Kielwasser mit dem Himmel vereint, angesichts des Windes über der See, die sich von keinen kleinlichen Alltagssorgen beunruhigen lässt.“

Wie viele Menschen mag sich Bernard Moitessier mit diesen Worten ins Herz geschrieben haben, sie inspiriert und ihnen gezeigt haben, dass es nicht immer endlos viel Vorbereitung und Sicherheit braucht, um seinen Weg zu finden und zu gehen. Wie viel Zeit ist seit dieser Aussage vergangen und wie viele Menschen sind den Ruf der Weite seither gefolgt, habe die „letzte große Freiheit“ der Weltumsegelung war gemacht und einen Ausstieg auf Zeit erlebt.

Ja, seit der Zeit der ersten Nonstop und Einhand Weltumsegelung hat sich viel am Meer getan und ein Ausstieg auf Zeit ist beinahe schon eine trendige Angelegenheit geworden. Ein moderner Traum - so salonfähig, dass es selbst schon „Who is who“-Listen für erfolgreiche Weltumsegler gibt, ein Ausstieg auf Zeit gesellschaftsfähig ist und alles nötige dazu angenehm vorab organisiert werden kann. In Büchern und Seminaren kann alles erlernt werden, spezielle Schwerwetter-Segeltörns geben Vertrauen zur eigenen Segelfertigkeit und beim Bootskauf steht ja ohnehin bereits fest, dass ein Maximum an Lebensraum und Technik die Grundlage für fähige Weltumsegelyachten stellt.

Bei Bootsbauern und zukünftigen Blauwasserseglern erntet man sogar schon einen schiefen Blick, wagt man die Frage nach dem Reiseziel zu stellen: Einmal rundum, natürlich! Oder zumindest der Atlantische Zirkel, wenn die Zeit oder das Geld nicht mehr erlaubt. Auch weiß doch schon jedes Kind, welche Ausrüstung für so eine Weltumsegelung gebraucht wird: über Rettungsinsel, Wassermacher, Wind- und Solaranlagen neben Dieselkraftwerk, Funk und Kühlschrank, Innenborder, Außenborder, Parasail und Passatbesegelung, Rollanlagen und Ankerwinde, LED-Lampen und Homepage. Und auf den Mikrowellenherd und die Waschmaschine will man doch auch nicht verzichten. Ja, und wer sich dass alles noch nicht leisten kann, der sollte halt noch ein paar Jährchen in die Firma laufen, auf einen Lottosechser warten oder spekulieren – was auch immer. Denn eins ist doch schon klar: ohne dem nötigen Kleingeld und der versicherten Zukunft wird man nur zum Obdachlosen unter Segel mutieren und nicht die „letzte große Freiheit“ genießen können. In der Zwischenzeit kann man sich ja an seine Vorbilder halten: berühmte Weltumsegler, Weltrekordhalter und Segelgrößen, welche die Seiten bunter Segelmagazine füllen.

Und dann: endlich unterwegs! Die Zwänge des Alltags hinter sich gelassen, mit dem fixen Reiseplan vor sich, begibt man sich auf die ausgetretenen Pfade der Weltumsegelung und segelt wie ein Weltmeister gegen die Uhr: im Herbst auf den Kanaren, im Winter eine kurze Verschnaufpause in der Karibik. Noch schnell ein paar Ersatzteile für die ersten Gebrechen nach Panama senden lassen und schnell, schnell, in die Südsee. Runter vom Schiff in Australien, Auszeit an Land. Augen zu und durch in dem Indischen und Roten Meer und Schiffsverkauf im Mittelmeer. Einen Kopf voller Erinnerungen und ein Herz voller Sehnsüchte bleiben zurück. Und hat man fleißig sein Onlinelogbuch geschrieben, hat man sich vielleicht sogar in das „Who is who“ der Weltumsegler geschrieben. Vielleicht.

Doch da gibt es noch etwas, dass einem im Gedächtnis bleibt: Lukas, Ricki, Jack, Louis und Ines. Und wie sie noch alle so heißen. Sie, die Begegnungen der anderen Art. Denn da gab es Luka, den junge Italiener, der mit seinem selbstgebauten Holzboot ohne Strom und ohne Motor nach Argentinien segelte, obwohl er sich in Panama gerade noch einen Sack Orangen leisten konnte. Da gab es Hans und Eva, die mit ihrem winzigen Bodenseebötchen nach Neu Zeeland aufbrachen (und auch ankamen), um dort ihrer ungeborenen Tochter ein neues Zuhause schaffen zu können. Die Begegnung mit Fritz, der alleine in seinem kleinem Sperrholzboot über das Schwarze Meer kam und nach Australien segelte, immer fröhlich seine Gitarre zuckend, wenn jemand Lust auf Musik hatte. Und da gab es Louis, die Begegnung mit dem jungen Franzosen, der auf seinem über 60 Jahre altem, kleinem Holzboot und mit seinem Schlittenhund für den Winter in den Norden segelt, damit sich dieser an die Kälte gewöhnt. Louis, der bei uns an Bord verfrühtes Weihnachten feiert, weil er schon ewig keinen Käse mit frischem Weißwein serviert bekam, nachdem sich von seinem Ersparten nur noch Reis und Knäckebrot bezahlen lässt.

Wie herrlich ist es doch, diese unbekannten Freigeister kennen zu lernen, wie beflügelnd sind ihre Geschichten und ihre Energie, die sie versprühen. Anziehend und wunderbar ist ihre Unvernunft, mit der sie ihre Wege gehen. Die Freude, die in diesen Begegnungen liegt, wirkt lange nach und bald schon merkt man, wie viel einfacher man das Leben doch leben kann, wenn man nur die Worte Moitessier ernst nimmt: „ Und die übrigen Probleme, die mich mitunter quälten – sie wiegen nicht ein Gramm angesichts der unendlichen Ferne..“.

Wenn man ihre Geschichten weiter verfolgt, merkt man doch schnell, wie voreingenommen und dumm es doch ist, ihnen keine schöne Zukunft voraus zu ahnen. Zu vermuten, dass sie alle samt bald von große finanzielle Probleme geplagt werden und ihre Zukunft als Penner der Meere erleben. Denn alle Getroffenen haben ihren Weg geschafft und leben auch Jahre nach dieser Begegnung noch ein herrliches und selbstbestimmtes Leben.

Und so kann ich sagen: Sie sind es, meine wahren Helden der Meere! Sie, die keine Weltrekorde, keine Ersten oder Jüngsten in irgendeiner Disziplin sind, sie, die nicht voll ausgestattet und gut durchkalkuliert den Ausstieg auf Zeit verwirklichen. Sie, die einfach ihr Leben packen, ihre Seele empor schwingen lassen und ihre Träume leben. Ohne Wenn und Aber, ohne hätt´ ich doch und könnt´ ich nicht! Sie, die vielleicht von bösen Zungen als abgebrannte Träumer erklärt werden, doch in Wahrheit die wirkliche „letzte große Freiheit“ erleben: die Freiheit, ihr Dasein selbst zu gestallten!

 

 

[zum seitenanfang]

 

 

Blau

Blau

Frischer, salziger Wind streicht mir übers Gesicht und füllt meine Lungen mit kaltem Sauerstoff. Das Rauschen der Bugwelle mischt sich mit der leisen Musik von Xavier Rudd, die aus den Lautsprechern im Schiffsinneren summt.

Ich schwimme in einer Welt aus blau. Die Nordsee unter uns reicht bis an den Horizont und glitzert im Sonnenschein herrlicher als alles Gold der Welt. Der Himmel ist tiefblau und einzelne Wolkenfetzen weit über mir geben ein Gefühl der endlosen Weite. Nur dort, wo der Himmel das Meer küsst, ändert er seine Farbe in ein dunstiges Weiß. Kein Land ist in Sicht, ich habe den Kurs weit raus gewählt, denn wir wollen die Nacht am Meer verbringen.

Ich sitze am Steuer von La Belle Epoque und halte sie mit einer Hand auf 10 Grad Nord. Mit der kleinen Kreuzfock und dem Großsegel läuft sie ausgeglichen den Wellen entgegen und verlangt nur hie und da eine kleine Kurskorrektur. Neben mir schläft – in zwei Decken eingewickelt – meine zweite Seele. Der Stress und die Anstrengung der letzten Jahre in Österreich sind endgültig von uns gefallen und meine, vom Staub der letzten Jahre, angeschlagene Lungen atmen langsam wieder frei.

Ich könnte schreien vor Glück, denn ich habe alles auf der Welt, wovon man träumen kann und bin unheimlich glücklich und dankbar darüber. Ich muss an die Worte denken, die Seenomadin Doris ( www.seenomaden.at ) gesagt hat, dass sie manchmal schon Angst vor der ungesicherten Zukunft hat. Ich habe viel darüber nachgedacht. Und möchte ihr am liebsten so laut und fröhlich ich kann zuflüstern: Nein, du gehörst nicht zu den Menschen, die Angst vor ihrer Zukunft haben brauchen. Denn du gehörst zu den Glückskindern, die ihr Leben so geleitet haben, dass sie alles haben, was man sich für eine schöne Zukunft wünschen kann. Eine Beziehung, von welcher manche Menschen wahrscheinlich nicht einmal wissen, dass es sie in dieser Intensität überhabt gibt, die Zeit, die man braucht, damit der eigene Herzschlag mit dem Takt der Natur in Gleichklang schlägt, die Freiheit, die jedes Individuum braucht, um sich richtig entfalten zu können, die Lust und den Mut, diese Freiheit auch mit beiden Händen zu packen und das Privileg, für die eigenen Entscheidungen auch Verantwortung übernehmen zu können.

Du hast nicht nur ein trockenes Dach über den Kopf, sondern auch einen dichten Rumpf unter den Füßen! Du hast den Horizont in den Augen und den Wind im Gesicht. Es gibt viele Menschen, welche Grund zur Angst haben können, wenn sie an ihre Zukunft denken. Und selbst die Vorstellung, auf alle Eventualitäten gut vorbereitet und abgesichert zu sein, kann daran nichts rütteln. Denn was hilft die ganze Vorsorge – die bei manchen so weit geht dass sogar die eigenen Begräbniskosten abgedeckt sind – wenn man dabei vergessen hat, seinen Träumen zuzuhören und die eigene Natur zu leben, wenn man dabei einsam ist oder wenn man seine eigenen Gefühle hinter einer hohen Mauer an Missmut und Unverständnis gesperrt hat.

Ich bin mir sicher, dass Menschen, die es gewagt haben, sich auf ihren Instinkt und ihre Gefühle einzulassen, eine schöne Zukunft vor sich haben und dass das Leben in fast allen Situationen eine positive Wendung nehmen kann, auch wenn man mal harte Zeiten erlebt. Und die schöne Nordsee unter mir wiegt mich – fast als sei es eine Bestätigung meiner Gedanken – sanft und immer weiter den Horizont entgegen, während Xavier Rudd mir eine schöne Reise wünscht „I know you are strong, may your jorney be long and I wish you the best of luck“

 

 

[zum seitenanfang]

 

Christkindlmarkt

Abschied vom österreichischen Christkindlmarkt, oder: unsere Monsterpunschtour!

Ja,ja, manchmal ist die Adventzeit die Zeit der Gedanken. Und unsere Gedanken drehen sich doch wirklich ständig ums Ablegen. Wen wudert´s da noch, wenn mir da so einfällt, dass ich vielleicht für längere Zeit das letzte Weihnachten in Österreich verbringen werden. Und da ich Abschiedsfeste liebe - denn Abschiedsfeste schmecke großartig nach neuen Erlebnissen und nach Abschied vom Alltag - muss ich glatt drüber nachdenken, wie man sich denn eigentlich von Weihnachten in Österreich gebührend verabschieden kann!

Aber halt, eigentlich kam ja alles ganz anders! Denn letzte Woche, als das verhasste Händy wieder mal klingelte, ging - Pech für ihn - Jürgen drann. Und schon kam er nicht mehr aus, vorm Treffen beim Punschstand in Eferding. Zu meiner Freude, denn, noch nie, seit ich die Wirren der Teenagetage erreicht hatte - hatte ich einen vorweihnachtlichen Besuch am Punschstand ausgelassen, ja, noch nie, bis...bis wann eigentlich? Ach ja, sieh sich das einer an, noch nie, bis ich schließlich mein Leben mit Jürgen teilte. Jürgen, dem Punschstandmuffel!

Und da standen wir also, bewaffnet mit Glühmost und Bratwurst und in der Gesellschaft von Manu und Hannes, und dachten über die vielen schönen Punschstandln in Österreich nach. Was soll man sagen, ein Wort ergibt das andere und der Plan wächst.
Schon ist es klar, wie man sich gebührig von Weihnachten in meinem Geburtsland verabschieden kann! Heute kann ich sagen, wir haben uns verabschiedet! So verabschiedet, dass ich sicherlich wieder Jahre ohne österreichischen Christkindlmarkt und Punschstandln auskommen kann, ja, ich bin jetzt fast überzeugt, dass ich Jahre benötigen werde, bis ich mir jemals wieder an einer Holzhütte, ohne Revolte in der Magengegend, einen "Jagatee" oder einen Glühmost bestellen kann, nach unserer Monsterpunschtour!

Monsterpunschtour?!

Ja, Monsterpunschtour! Denn am Freitag bestaunten wir, mit warmen, klebrig-gezuckerten, billigen Alkohol im Becher die vielen Mozartkugeln am Salzburger Christkindlmarkt, spühlten unsere Kehlen im Irish Pub wieder halbwegs zuckerfrei, um eine "erholsame" Nacht im Sechsbettzimmer in der salzburger Jugendherberge zu verbringen. Weiter gings nach Wien, wo wir gleich eine ganze Auswahl von Christkindlmärkte bestaunen durften, unter den glitzernden Vordächern der Standeln regelrecht durchgeschoben wurden und uns beinahe ins finanzielle Verderben an ihren Punschständen warfen. Nach einer Besuch von echter Wiener Hüttengaudi :-( in einem Wiener Beisl, war ich dann schon beinah froh, ins Hotelbett fallen zu können, um den unausstehlichen Klängen DJ Ötzis zu entkommen!

Und das Highlight: in unserer Kulturhauptstadt und am von Jugendjahren bekannten Punschstand am Linzer Hauptplatz schlossen wir am Sonntag unsere Punschtour mit einem heimatlichen Glühmost.

So kann ich heute sagen, ich hab mich von Weihnachten in Österreich gebührend verabschiedet... und...es war echt toll.
Noch die gemütliche Feier im Kreis von Jürgens Familie und schon kann von mir aus der Frühling kommen, damit wir endlich ablegen können!!

 

 

[zum seitenanfang]

 

Weihnachten

Eine stille Zeit, Weihnachtsgedanken an Bord

Leise bullert das Feuer im Ölofen und erfüllt die Kabine mit wolliger Wärme. Bald schon ist es wieder dunkel draußen und die vielen Lichter an Bäumen und Häusern entlang beider Uferseiten verbreiten ihren vorweihnachtlichen Glanz. Ruhig ist es hier an Bord, Sonderangeboten und Weihnachtsstress schaffen es nicht bis in unsere kleine Hafenbucht und fast scheint es, als ticken die Uhren an Bord ein wenig langsamer. Man könnte meinen, dass wir es doch noch einmal schaffen, die Weihnachtszeit ohne "Last Christmas" und hysterischen Weichnachtswerbungen zu erleben. Wir verbringen nicht zum ersten Mal die Weihnachtszeit an Bord und schöne Erinnerungen steigen mir in den Kopf, wenn ich an unser erstes Weihnachten unterwegs auf IRIHS MIST denke.

Schon einige Monate unterwegs, hatten wir bereits Freundschaften unter den Fahrtenseglern geschlossen, und weit weg von unseren Familien rückten die Fahrtensegler ein klein wenig zusammen, um gemeinsam ein erinnerungswürdiges Fest zu feiern. In La Paz, dem Fahrtenseglertreffpunkt in Mexico schlecht hin, sollte die Feierlichkeit stattfinden, eine kleine Halbinsel unweit vom Ankerplatz wurde auserkohren, für die Crews von über zwanzig Segelyachten Platz zum Feiern zu bieten.

Schon Tage vorm heiligen Abend wurde organisiert und gearbeitet, Müll auf der Halbinsel musste weggeräumt und Feuerholz gesammelt werden, ein Truthahn wurde organisiert. Und schließlich kam der 25. Dezember, schon früh am Morgen ging es geschäftig zu am Ankerplatz. Der riesige Truthahn musste gebraten werden und jede Yacht sollte einen, mit leckeren Weihnachtsspeisen gefüllten Topf bereiten, der zum grandiosen Pot-Luck am Abend beitragen würde. Kekse und Weihnachtskuchen wurden gebacken, Geschenke für die Cruisingkids verpackt und Weihnachtsschmuck und Girlanden auf die Insel gerudert. Bis schließlich die Dämmerung einsetzte und das große Lagerfeuer auf der Halbinsel den vielen Seglern verkündete, dass alles bereit sei und das Fest beginnen konnte. Schon bewegte sich eine wahre Prozession an vollbesetzten Dinghies auf die Halbinsel zu, viele Segler kamen gekleidet in ihren schönsten Kleidern aus der Heimat oder von unterwegs, auch wenn es bei unserer kleinen großen Weihnachtsfeier keinen Dresscode gab, eines verband uns alle samt: unser Schuhwerk beschrenkte sich maximal auf leichte Sommersandalen, welche die meisten jedoch für spätere Stunden im Dinghy liegen ließen.

Und so genossen wir unseren Weihnachtsabend, die Füße in den warmen Sand gesteckt, einen Becher Eggnog in der einen Hand und ein kunterbunt gefülltes Teller in der anderen, saßen über fünfzig Segler rund ums große Lagerfeuer und die mit Weihnachtsschmuck verziehrte Palme verteilt und schwatzten und aßen, während die Kinder ungeduldig auf ihren großen Auftritt an den Pinatas warten mussten. Ihre Geschenke hatten die meisten ja bereits am Morgen gefunden, auch wenn der Santa Claus nur bei den wenigsten Yachten durch den Schornstein gepasst haben konnte. So bunt wie unser Weihnachtsbuffet waren auch die Geschenke ausgefallen, besonders hoch im Kurs dieses Weihnachtsjahr aber lagen offensichtlich selbst gebastelte Muschelketten, welche von den Beschenkten nun stolz um die Hälse getragen wurden. Jetzt wurden unter den segelnden Kindern Geschenke ausgetauscht, Andenken an Freundschaften, die so kurz und intensiv sein sollten, wie sie nur wenige Kinder erleben werden. Doch nicht nur untereinander hatten sich die Cruisingkids in diesem Jahr beschenkt, schon Tage vor Weihnachten wurden die Schiffe bis in die kleinsten Schapps auf alte Spielsachen und schöne Geschenke durchsucht, geliebte Teddybären, Zeichenstifte und Spiele wurden fünf mal zur Hand genommen und abgewogen, ob sie für die Weiterfahrt noch gebraucht wurden oder doch besser hier in La Paz Freude bringen sollten. Denn die Kids hatten zur Spielzeugsammlung aufgerufen, die auserwählten Geschenke hatten sie bereits am Morgen des Weihnachtstags an die Kinder von La Paz verteilt. Und endlich sollte auch der mexikanische Teil unserer Feierlichkeiten stattfinden und die Kids hüpften voll Vorfreude um die, mit Süßigkeiten gefüllten und aus Pappmaschee hergestellten Pinatas, auf die sogleich auch mit Stöcken eingeschlagen wurde, damit sie ihr süßes Inneres in den Sand verstreuten, unter viel Gelächter konnte sich auch der eine oder andere Erwachsene nicht davon aufhalten lassen, auch mit verbundenen Augen der begehrten Pappmascheefigur an den Leib zu rücken und hin und wieder musste ein herumstehender Segler den tollwütig um sich Schlagenden ausweichen.

Bis spät in die Nacht saßen wir um das immer kleiner werdende Lagerfeuer, lauschten den Musikern unter uns und genossen das süße Aroma der vielen Kekse und Weihnachtsbäckereien, die unseren großen Pot-Luck abschlossen.

Schon Jahre sind seit dieser schönen Zeit an Bord IRISH MISTs vergangen, und wenn ich an die vielen Erlebnisse und Eindrücke dieser Reise zurück denke, so freue ich mich umso mehr, wieder an Bord einer Segelyacht zu leben und schon bald wieder die Leinen lösen zu können. Doch diese Weihnachten werden wir noch einmal im Kreis der Familie feiern, wenn auch nur der halben Familie, die hier in Österreich lebt. Wir werden mit Freunden Abende an Punschstände verbringen und uns dabei auf den warmen Salon unserer LA BELLE freuen, werden Bratwürste grillen und Kekse verschlingen und Hektik und Einkaufstress weit weg von uns vorrüberziehen lassen.

 

 

[zum seitenanfang]

 

Bootsbauer

Selbstbauer und Weltumsegler

oder...mein Senf zu Bobby Schenks "Wie manche Segler ihr einziges Kapital vernichten!"

Ja, jeder, der schon mal länger auf einem Segelboot unterwegs war, oder sich ernsthaft mit der Überlegung, seine eigene Blauwasseryacht zu bauen oder restaurieren geliebäugelt hat, kennt sie. Sie, die Beispiele, die mit einem Schiffsbau begonnen haben und doch nie über die Phase des Baus hinweg gekommen sind. Deren Schifferl heute den Platz im Garten hinterm Haus verstellen, oder in einem Werftgelände vor sich hin gammeln. Was also leichter, den Bau eines Bootes in Eigenregie zu vertäufeln und allen Lesern den gut gemeinten Tipp geben, sich einer Serienyacht anzuvertrauen und die Leinen los zu werfen um mit dem Passat den Sonnenuntergang entgegen zu segeln. Denn laut Herrn Schenks Beurteilung ist der Beweis, dass hunderte Yachten aus der Serienproduktion nahmhafter Hersteller um den Globus (oder vielleicht auch nur aus dem europäischem Raum, dass geht aus seinem Artikel leider nicht hervor) heute schwimmen, Grund genug, deren Konzepte über den Haufen zu werfen und ihnen das Prädikat "Weltumsegleryachten" zu geben. Ganz sicher ist dabei jedoch nicht, ob es sich bei diesen geplanten Weltumsegelungen um die tausendfach besprochene Barfußroute handelt oder ob mit allen Serienyachten auch Abstecher in andere Teile der Welt empfohlen werden. Was jedoch, das möchte ich hier mal ausdrücklich erwähnen, nicht heißen soll, dass ich eine Weltumsegelung entlang der ausgetretenen Pfade der Barfußroute nicht ebenso als eine großartige Leistung sehe und ich dafür nicht ebenso ein geeignetes Boot fahren würde.

Doch halt, von welchen Konzepten von Serienyachten schreibe ich hier eigentlich und ist es den überhaupt legitim, anzunehmen, dass Yachten ebeso wie Autos, Wohnwagen, Häuser, Computer und viele weitere Dinge, für bestimmte Zielgruppen konzipiert werden und daher auf verschiedene Schwerpunkte hin entwickelt wurden. Kann denn der Konsument nicht davon ausgehen, dass zum Beispiel einer 40ft Hutting ein anderes Konzept zugrunde liegt als sagen wir mal einer 40 füßigen Bavaria. Ist es denn nur ein Zufall, dass man nur selten eine Hallberg Rassy im Charterbetrieb großer Anbieter trifft? Ja, soll dass denn am Schluß sogar heißen, dass die verlockende Preisgestaltung vieler Großserienyachten mit der Herzensgüte der dahintersteckenden Aktionäre oder Eigner der Kundschaft gegeüber zu begründen ist? Oder gibts da vielleicht doch auch Unterschiede im Konzept und in der Qualität der Yachten?!

Nein, ich will hier auf keinen Fall sagen, dass vergleichsweise billige Großserienyachten keine Qualität haben und nicht auch auf Langfahrt gehen können (auch wenn mich keine zehn Seepferdchen mit sowas über einen Ozean bringen könnten...). Doch mal dumm gefragt (denn laut Bobby Schenk dürften wir, die auf den reichen Schatz an Erfahrungen der Großserienyacht-Herstellern verzichten, ausgesporchen dumm sein): Wer hat schon mal ein Serienwohnmobil, welches vielleicht auch noch mit möglichst vielen Schlafplätze für Vermietungsbetriebe ausgestattet ist, auf einer Familienexpedition durch die Wüste gesehen? Würden wir das nicht als blöd, oder sogar unverantwortlich einschätzen? Weshalb leben alle an Land Gebliebenen nicht in großen Gartenhütten vom Baumarkt anstelle sich fürs Leben zu verschulden für ein schönes Einfamilienhaus? Diese Gartenhütten stehen doch auch recht schick herum und es regnet offensichtlich nicht hinein! Kann es sein, dass hier dem Leser Birnen für Äpfel verkauft werden???

Und, stellt eine Aufzählung an gescheiterten Eigenbauprojekten nicht etwa eine fragwürdige Subjektivität dar? Ja, es gibt sie, die gescheiterten Projekte und auch jene Projekte, während derer Lebensdauer sich die Grundlagen und Bedingungen geändert haben. Doch gibt es auch jene Yachten, die mit vielen der Bedingungen, denen sie auf Langfahrt ausgesetzt sind, nicht standhalten können. Die gefährlich überladen und mit maximaler Anstrengung und Überbelastung der kleinen Blauwassercrews um die Welt geschunden werden, um dann, oft schon in der Karibik, von der frustrierten oder gar verängstigten Crew liegen gelassen werden. Da kommt mir ja glatt das Gefühl hoch, dass die Aussage, gebrauchte Chateryachten sind unkaputtbar, doch auch jener subjektiven Anschauung zu Grunde liegen, die auch den Selbstbau als Zeitverschwändung deklariert. (Eine Aussage die ich doch fast als lächerlich einstufen möchte...)

Da muss ich an einem weiteren, sehr interessanten Bericht auf Bobby Schenks homepage denken. Im Bericht "Sturm der Stürme" erzählt Svante Domizlaff von dem Segler I PUNKT, aus dessen GFK-Balsa-Sandwich Rumpf die Sturmsee handtellergroße Placken herausgerissen hat. Klar, die I PUNKT war sicherlich ein Regattersegler, doch zeigt dieser Bericht ganz schön, dass eben nicht jedes Schiff für jeden Anspruch gebaut wurde?!

In einem kann ich Herrn Schenk jedoch getrost recht geben: Nicht für jedermann ist der Griff zum Werkzeug, um eine Yacht zu bauen (oder restaurieren), die beste Entscheidung. Ung ganz bestimmt sollte jeder zuserst einmal praktisch herausfinden, welche Yacht am besten zu einem selbst passt, bevor alle Register gezogen werden. Doch eine Weltumsegelung, oder auch Weltbesegelung, ist eine sehr persönliche Sache und in vielen Fällen gar ein Ausbruch aus der Konsumgesellschaft, weshalb gerade der Kauf von Großserien schon alleine deshalb eine falsche Entscheidung sein kann.

Obendrein kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: Nachdem wir bereits 3 Yachten selbst restauriert habe (und jeder kann sich hier auf unserer homepage selbst vom Restaurationsaufwand LA BELLE EPOQUES überzeugen), haben wir in Yachtbau, Yachtrestauration oder auch Yachtausbau als eine spannende Geschichte entdeckt, die uns viele Erfahrungen bringt und genauso wie Segeln ein interessanter Lebensabschnitt sein kann.

Trösten kann ich auch alle, die sich nicht über einen Selbstbau stürzen wollen, am Markt sind genügend Alternativen an "Traumyachten" zu finden, welche, in Serie oder nicht, für das Langstreckensegeln mit kleiner Crew konzipiert wurden. So nenne ich hier einmal die viel gelobten Felz-Schiffe, von denen zumindest ich noch keine schlechte Silbe gehört habe. Ganz zu schweigen von der bereits erwähnten Hutting. Oder, wenns denn lieber in GFK sein soll, eine schmucke Hallberg Rassy, die Yachten von Westsail und Island Package, oder die schönen, klassischen Formosas, die rund um den Globus anzutreffen sind. Und keine Sorge, die Liste an blauwassertauglichen Yachten ist lang, weshalb sich "Traumyachten" für jedes Blauwasserherz finden lassen sollten.

 

 

[zum seitenanfang]

 

Anders als geplant

Das Leben kommt immer anders als geplant!

Seit wir die Entscheidung getroffen haben, nach Österreich zurück zu kommen, war klar: wir bauen uns eine Existenz, richten uns ein geeignetes Schifferl nach unsren Geschmack und brechen auf um die Welt zu besegeln. Nun sollte der Zeitraum für diese ganze Arbeit nicht länger als 10 Jahre dauern, ein Zeitraum, der nicht zu großzügig bemessen ist um all diese Ziele zu erreichen. So weit, so gut, und wir schaffen den Zeitraum, wir sind 2001 nach Österreich zurückgekehrt und leben nun seit Frühling 2009 anbord unsres kleinen feinen Segelschifferls, das wir in jahrelanger Knochenarbeit zu unsrem Heim restauriert haben.

Zehn Jahre, eigentlich ein verdamt langer Zeitraum, gerade, wenn einem das Fernweh so drückt wie uns. Verdamt lange, wenn die eigene Lebensanschauung sich so weit vom Alltag des zivilisierten Westens entfernt, wenn das eigene Verständnis für das hier gelebte System fehlt und wenn man der Anschauung ist, das Zeit das höchste aller Güter ist, das man besitzt. Zeit, die man dazu nützen könnte, die Welt zu erleben und Natur und Kulturen zu entdecken.

Wen wunderts also, dass wir die geplanten zehn Jahre nicht hier verbringen wollen. Und wir haben uns beeilt. Wie die Wahnsinnigen haben wir an unsrem Schifferl, am Haus und in der Arbeit gewerkelt. Es gab sogut wie keinen Tag, an dem wir nicht nach der Vollzeitarbeit noch auf einer Baustelle anzutreffen waren, am Schifferl, am Haus, an einem unsrer alten Autos oder irrgendwo am Hof. Fast stehlen musste ich mir die Zeit, in der ich am Buch gearbeitet habe oder in der wir eines unsrer Hobbies nachgegangen sind.

Und das Schaffen hat sich gelohnt. La Belle Epoque ging endlich ins Wasser und mit ihr haben auch wir den Hof hinter uns gelassen. Wir haben das Schifferl bezogen und leben nun schon seit Mai an Bord, die Uhren sind wieder etwas langsamer geworden und das Leben ist zu seiner geliebten Einfachheit zurückgekehrt. Das tägliche Bad in der Donau härtet mittlerweile ab, das Leben ohne Kühlschrank ist einfach und gut und kein E-Werk der Welt könnte uns aus unsrer Ruhe bringen, denn seit Mai versorgen uns unsre Solarpaneelen mit Strom.

Doch das Leben an Bord hat nicht nur seine schönen Seiten. Denn mit der Einfachheit wächst auch wieder das Fernweh. Es zieht uns raus und jede Segelyacht, die mit gelegten Masten an uns vorbei zieht und ihren Weg in eines der Meere bestreitet, macht uns nervös und voller Sehnsucht, auch endlich unsre Leinen zu lösen und uns auf den Weg zu machen. Schon im Frühling hofften wir, endlich los zu kommen, doch das war noch Utopie. Wir mussten einsehen, dass unser Schifferl noch nicht soweit war, dass wir noch einiges an Arbeit zu erledigen hatten und verschoben so unsren Abreisetermin. Auf Herbst, so wie wir hofften.

Doch das Leben spiehlt oft anders als erhofft. Nun, im September, mussten wir einsehen, dass wir es noch immer nicht geschafft haben. Einiges ist dazwischen gekommen, einiges hat sich anders entwickelt als gedacht. Und ein letztes mal verschieben wir unsren Abreisetermin! Ein allerletztes Mal. Im Frühling, sobald das Wasser es uns erlaubt, werden wir die Stricke lösen, doch uns steht noch ein Winter auf der Donau bevor. Ob wir wollen oder nicht. Wir werden uns hier einfrieren lassen und hoffen, einen kurzen Winter zu haben, um bald aufbrechen zu können, nachdem wir unsre Arbeiten endgültig geschafft haben.

Und unterm Strich, nachdem wir 2001 zurückgekommen sind und nun im Frühling 2010 ablegen, mit neuen Jahren liegen wir ja im Zeitplan. Und so freuen wir uns auf den Winter, auf die neue Herausvorderung auf einem Schiff im Winter zu leben und auf das viele Eisstockschiessen, das wir direkt neben unsrem eingefrorenen Booterl machen werden, sobald das Eis trägt ;-)

 

 

[zum seitenanfang]

 

Donauleben

Leben auf der Donau

Die Tage vergehen und die Aufregung hat sich gelegt. Schon beinahe Alltagsstimmung herrscht an Bord La Belle Epoques, denn die Zeit des Landlebens und Restaurierens ist nun fast vorbei für uns. Und es ist schön, schön auf dem Fluss unsrer Heimat zu sein. Kaum an Bord, schien es, dass die Uhren anders laufen und das Leben einen neuen Rythmus annimmt. Jeden Morgen wecken uns die Enten, denn die kleine Familie schnattert ums Boot, um uns daran zu erinnern, dass die Brotkrümel, die vom Frühstück im Cockpit übrigbleiben, erwartet werden. Fast erstaunt bin ich über die Umwelt um uns, lebe ich doch schon den Großteil meines Lebens hier am Land in Oberösterreich, und doch war mir nicht bewusst, dass auch hier die Natur vor Vielfälltigkeit strotzt und die Tier- und Pflanzenwelt um uns in einen unwahrscheinlichen Reichtum blüht.

Die Sonne brennt auf den geschützten Hafen und die Entenfamilie hat sich bereits wieder in den kühlen Schatten unterm Steg versteckt, doch auf den Steinen der Uferböschung genießt ein Salamander die Hitze und eine Wassernatter bahnt sich ihren Weg über die Granitsteine. Das Ufer bietet einen Reichtum an Wildkräuter, und ich sammle Tymian für die Küche. Die Wildrosen strecken ihre Blüten der Sonne entgegen und die Stille an Land lässt den Überlebenskampf im Wasser nicht erahnen. Doch der Hecht, der sich schon seit Tagen im Hafenbecken tummelt hat Hunger und die kleinen Fische springen und fliehen, während er seine Kreise zieht. Auch die fette Biesamratte, die ihre Gänge unter die kleine Halbinsel am Ende der Hafenbucht gekraben hat, hat Nachwuchs bekommen und die Kleinen genießen das frische Gras, das die Alte ihnen gepflückt hat. Nur die Schwäne, die jeden Abend die Ruhe der Bucht genießen, sind tagsüber verschwunden. Von den scheuen Biber sind nur die gefällten Bäume zu sehen, denn sie arbeiten erst bei nächtlicher Ruhe weiter an ihrem Damm.

Noch sind unzähliche Kleinigkeiten am Boot zu erledigen, bevor die Reise in den Norden beginnen kann und während Jürgen weiter an der Schiffstechnik feilt, sitze ich bei der Nähmaschine im Cockpit und produziere Polster und Bezüge fürs Cockpit, Segelcover und Persenninge. Die Hitze ohne Bimini ist nur noch teilweise auszuhalten und so springen wir hin und wieder ins kühle Nass. Das Leben auf der Donau ist herrlich! Und wir sind nicht die einzigen Menschen, die hier einen schönen Platz gefunden haben. Fast täglich schlagen Fischer ihr Lager am Wegesrand auf, um die Ruhe beim geduldigen Angeln zu erleben. Die Feuerwehrjugend übt sich fleißig mit der Zille, wie´s aussieht werden sie sich bald in einem Wettbewerb messen. Doch nicht nur Zillen und Pletten liegen neben La Belle Epoque im Hafen, neben uns ist die Siebnerin vertäufelt, ein Neubau, der den traditionellen Salzschiffen nachempfunden wurde und welcher bald als kleiner Höhepunkt von Aschach Freunde der Schiffahrt auf ihren Blanken willkommen heißt.

Doch es gibt noch mehr sonderbare und eigenwillige Schiffe hier in unsrer Bucht. Neben unsrer Hochseeyacht mit ihren gelegten Masten und dem neuen Traditionsschiff wiegt sich ein mächtiger Kriegsfischkutter im Wasser. Für die Hochsee gebaut liegt Rana schon viele Jahre im Donauwasser, denn ihr Eigner hat sie m Ufer der Donau gebaut und lebt und arbeitet schon vierzig Jahre auf seinen Schiffen. Das "Technische Biotop", das sich um das extravagante Holzschiff gesammelt hat, passt zu seinem Eigner und verbirgt viele alte Weißheiten und Ideen. Und im Laufe der Zeit wurde das schwimmende Heim vergrößert und zu Rana kamen noch drei weitere Schiffe dazu. Darunter ein schöner alter Schlepper, gebaut im Jahre 1928 und immer noch bereit, um jederzeit seine Arbeit zu verrichten.

Doch auch der schmucke Katamaran, der in jahrelanger Handarbeit aus Sperrholz entstanden ist, zieht die Blicke auf sich, auch wenn die Bewohner beider Uferseiten schon nichts Kurrioses mehr daran finden, diese doppelrümpfige Yacht hier in der Donau zu sehen. Denn der weiße Kat wurde hier gebaut und liegt schon lange Jahre in dem stillen Hafen. Er teilt sich den Platz an der Lende mit dem Kunstlabor, einem stählernen Flussboot, welches die Kuriosen Auf- und Anbauten seines Eigners trägt.

 

 

[zum seitenanfang]

 

La Belle Epoque geht Baden

La Belle Epoque geht baden!

Nach jahrelanger Arbeit ist es nun soweit: Schon lange bevor der Wecker zu klingeln beginnt sind wir munter und vergessen die letzte Schlaftrunkenheit beim Frühstückskaffee. Obwohl wir die letzten Tage mit Vorbeireitungsarbeiten zum Bootstransport verbracht haben, sind plötzlich tausend Handgriffe zu erledigen, während wir immer wieder aus den Bullaugen auf die Straße spähen. Da! Auf einmal herrscht geschäftiges Treiben. Wie besprochen rollt kurz vor acht Uhr morgens der blaue Kranwagen die Sraße hoch. Dahinter sperren schon die Begleitfahrzeuge die Straße, damit der Tieflader rücklings die letzten zweihundert Meter bis zu unserer Einfahrt heraufschieben kann. Und schon im Anschluss kommt das nächte Auto der Transportfirma die Zufahrt hoch, gefolgt von den ersten Freunden, die zur physischen und mentalen Unterstützung anrollen.

Während der freundliche Kranführer sein Gefährt neben La Belle Epoque plaziert, bemühen sich zwei seiner Kollengen, den Tieflader um die Kurfen rund ums Haus zu bringen. Auweh, wenns hier ohne Schifferl schon so eng ist, wie wollen die jemals unser gutes Stück auf die Straße bringen?!

Doch die beiden mit dem Tieflader sind bester Stimmung. Nicht jeden Tag gibts ein Schifferl zu transportieren, hier, mitten im Eferdinger Becken.

Bereits am Vortag hat sich der Chef der Truppe unsere Vorbereitungen angesehen und die von uns gebauten Stützen als gut genug erklährt, ein gutes Gefühl!

Schon arbeitet das Team am Aufbau des Krans, während weitere Freunde und Nachbarn eintrudeln und endlich gehts los. Wir positionieren zu jeder Stütze von La Belle Epoque einen Freund und klettern zu viert aufs Boot um die Gurten zu richten und Hölzer beizulegen, damit das Schanzkleid keine Schramme abbekommt. Bald wird La Belle ihren Rastplatz der letzten Jahre verlassen, doch so einfach solls nicht gehen. Der Kran fährt in die Höhe und die Gurten spannen sich. Die Holzstützen knirschen und schon stehen wir kurz vor der Katastrophe. La Belle Epoque hängt schief und während ein Mittarbeiter mit aller Gewalt La Belles Bug davon abhält, sich in die Hausmauer zu bohren stemmt sich Axel zwischen Ruderblatt und Kranstütze. Mein Herz bleibt beinahe stehen und am Patz bricht Hektik aus. Schnell, schnell, das Boot muss neu abgestützt werden und die Gurten gehören neu gesetzt. Wir haben Profis bei der Arbeit, jeder Handgriff sitzt und schon steht La Belle wieder auf festen Boden.

Ich laufe mit frischem Antifouling um den Rumpf und Jürgen bespricht mit den Arbeitern, wo die Gurten angesetzt werden müssen. Ja, ja, hier wird nun mal nicht jeden Tag ein Segelboot herumgekrant!

Also nochmal von vorne. Vier Mann hoch an die Gurten und ale Mann zu den Stützen. Schon schwebt La Belle Epoque in der Luft und der Tieflader schiebt sich unter ihren Kiel. Vorsichtig setzt der Kranführer das Boot auf die Ladefläche und alle arbeiten daran, die Yacht sicher zu verzurren. Keile werden eingeschlagen und zusätzliche Stützen werden angebracht. Auf Holztragen schleppen wir die beiden Masten zum Schaulatz damit sie aufs Deck gehoben werden können.

Schon mache ich mich auf den Weg. Mit Auto und Anänger fahre ich große Stahlplatten zur Donau, damit sich der Kran auf der Uferkante sicher aufstellen kann. Schnell noch einen Stopp beim Fleischer um Leberkäse und Semmerl zu besorgen und schon stelle ich klar, dass die Strecke zum Hafen frei von parkenden Autos ist. Meine Nerven können die Verschnaufpause gebrauchen, während ich im Verkehrsdienst höre, dass unweit von mir mit Behinderungen durch einen Schwertransport zu rechnen ist.

Während erneut Freunde im Hafen eintrudeln baut sich der Kran, der schon angekommen ist, an der Uferkante auf und wir blicken angespannt Richtung Donaubrücke. Es dauert nicht lange und schon kommt der orange blinkende Fahrzeugkonvoy einher. Was seh ich da, ich glaub ich träume! Jürgen steht am Ruder! Jetzt hat er also seinen ersten "Überstellungstörn" gefahren!

Lachend und zitternd vor Kälte erklährt er später, dass er mit der Motorsäge aufs Boot musste um einige Äste von den Bäuen zu schneiden und da gleich oben blieb!

Nun geht alles zügig! Schon fast in Rouine werden die Gurten angebracht und La Belle Epoque wird aus ihrem Gestell gehoben. Als der Kiel die Wasseroberfläche berührt ertönt von rundum Applaus. Es herrscht Hochstimmung im Hafen von Landshaag während La Belles Seele lacht und das Schifferl wie selbstverständlich in ihr nasses Element zurückgleitet.

Frei von den Gurten lasse ich ihre Leinen los und Jürgen wirft die Maschine an, um das Boot an ihren vorläufigen Platz zu motoren.

Am Ufer werden die ersten Biere geöffnet und die Leberkässemmeln ausgeteilt. Ein Meilenstein ist geschafft. La Belle Epoque schwimmt und die Tür zur Welt steht für uns offen. Die Arbeit der letzten Yachte hat sich gelont und wir beziehen zufrieden unser schwimmendes Zuhause.

Für die tolle Arbeit an diesem, für uns denkwürdigen, Tag möchten wir einerseits der proffesionellen Arbeit der Felbermair-Crew danken und andererseits speziell unsren Freunden Hubert, Minion, Herbert, Günter, Patricia, Axel, Willi und Reini, die sich den Tag für uns frei gehalten haben und uns tatkräftig zur Seite gestanden sind. Danke!

 

 

[zum seitenanfang]

 

Aufbruch

 

Aufbruchstimmung: die letzten Monate an Land

Achje und Auweh, wie kam es blos dazu, dass ich einen Termin beim Zahnarzt - trotz der ganzen Vorbereitung zur Langfahrt - zu lange hinaus geschoben habe! Nun sitz ich da mit einer dicken Backe und dem Wissen, dass ich dem netten Herrn mit dem beängstigenden Werkzeugen nicht so leicht davon komme.

Da arbeiten wir schon lange Jahre auf die bevorstehende Reise hin und trotzdem schaffen auch wir es, die letzen Monate vorm Aufbruch noch in richtigen Terminstress zu geraten! Ich hetze vom Hausarzt zum Zahnarzt, von der Versicherung zum Steuerberater und arbeite Stück für Stück die lange Liste ab, die da heißt: Impfungen, Zahnarztbesuch, Hausversicherung nochmal durcharbeiten, Wohnung ausräumen, Flagenzertifikat einholen, die sieben Sachen an Bord verstauen, mit dem Arzt die Bordabotheke zusammenstellen, das letzte Obst aus dem Kühlfach einkochen, die Wohnung um ein paar Zimmer für unsren neuen Mieter vergrößern, Transportangebote für La Belle Epoque einholen, das Flugdach überm Schifferl abbauen, Antifouling streiche (juhu! - endlich kein "Fleckerlteppich" als Schifferl mehr;-), den Hausrat, der nicht mit auf Fahrt kommt in Schachteln verstauen, die Obstbäume ein letztes Mal schneiden, neue und stabile Tore für den Wirtschaftstrakt unsres Bauernhauses bauen, ein Auto verkaufen, La Belle Epoque fertigstellen, ein Transportgestell für den Tieflader schweißen, Magazine abbestellen, Gerümpel, dass sich über die Jahre angesammelt hat zum Sperrmüll bringen, intakte Dinge, die nicht mehr gebraucht werden in ebay verkaufen, das Rigg fürs Schifferl zusammenstellen, einige Segel umändern, ein Bimini bauen und nähen, und noch tausend Kleinigkeiten, die hartnäckig daran arbeiten, die "To-Do-Liste" zu verlängern.

Die Zeit vergeht wie im Flug und fast scheint es, dass die Frühlingsmonate die Uhr schneller laufen lassen als gewöhnt, und während unsere Körper Tag für Tag für den Ablegezeitpunkt entgegenarbeiten, haben sich unser Köpfe noch garnicht so richtig darauf eingestellt, dass wir schon bald wieder die Nase in den Wind strecken werden.

Schon vor geraumer Zeit mussten wir uns eingestehen, dass unser ursprünglicher Plan, noch im Frühling diese Jahres abzulegen, einfach nicht haltbar ist und im gegenseitigen Einverständnis haben wir uns ein knappes halbes Jahr länger Zeit eingeräumt. Wozu auch die Eile, auch im Herbst noch wird die Donau genügend Wasser führen, um uns eine sichere Überfahrt bis in den Mainkanal zu ermöglichen. Immer öfter schon sieht man uns abends, bewaffnet mit Flusskarten, Atlas und Handbücher, bei einem Gläschen burgenländischem Wein auf der Terrasse sitzen und Fahrpläne aushecken. Unumstritten eine der schönsten Vorbereitungsarbeiten. Und so kommt es, dass sich unsre Fahrpläne kreuz und quer durch Deutschland langsam aber sicher erweitern und abzeichnen. Aus dem anfänglichen Bedürfniss, unser schwimmendes Zuhause kostengünstig in den Norden zu bringen hat sich mittlerweile ein eigener und sehr reizvoller erster Abschnitt der geplanten Reise entwickelt. Frühere Überlegungen, zum Vergleich Angebote für einen Transport auf der Strasse bis in die Ostsee einzuholen, sind nun endgültig Schnee von gestern.

Auch die Menschen um uns merken langsam aber sicher unser "Frühlingserwachen". Immer öfter zieht La Belle Epoque die Aufmerksamkeit auf sich und lockt den einen oder anderen Passanten von der Straße zu ihrem Landliegepatz. Auch Freunde und Verwandte kommen immer häufiger vorbei um zu sehen, wie die Arbeiten vorangehen und es ist schön, hin und wieder mal aus den Arbeiten gerissen zu werden, um noch etwas Zeit mit Freunden zu verbringen und ganz nebenbei kann ich so mein kleines Adressenbüchlein auf neuesen Stand bringen.

Jetzt muss ich es nur noch schaffen, alle Termine beim Zahnarzt rechtzeitig einzuteilen und die Attacken mit dem Bohrer zu überstehen, und schon kann fast nichts mehr die Vorfreude auf unsere kommende Zeit anbord La Belle Epoques trüben!

 

 

[zum seitenanfang]

 

Aussteiger

Gedanken zum Aussteigen

Unter uns Seglern und allen, die davon träumen, ist ein Gedanke oft sehr nahe und greifbar: einmal eine Auszeit nehmen und zu segeln. Den Alltag, die Normen, die Gesellschaft, den Arbeitsstress und das taube Gefühl der Routine hinter sich lassen, ein Schiff vollbunkern und sich selbst herauszufordern. Ein schöner Traum, den auch viele in die Realität umsetzen und sich auf den Weg machen. Jeder Aufgebrochene wird diesen Weg auf seine Art und Weise bewältigen. Jeder wird sich individuell Gedanken machen, wie viel er/sie hinter sich lassen muss um die Leichtigkeit der Freiheit zu spühren und herausfinden, wie viel oder wie wenig Sicherheit, Besitz oder Komfort er/sie für dieses Erlebniss braucht.

Dabei ist jede Art der Vorbereitung in Ordnung, ob in jahrelanger Vorarbeit, mit dem Besuch von Kursen, mit dem Anhäufen von Sicherheiten und dem Lernen von "How to do"-Radgebern oder ob es zu kurzfristigen "aus dem Bauch" Entscheidungen kommt, ob das Motto "Learning by doing" praktiziert wird und kein Auffangnetzt vorbereitet wird. Schließlich sind wir alle Individuen, die sich auf ihre ganz persönliche Reise machen und an ihre eigenen Grenzen gehen werden.

Gerade in der Seglerwelt finde ich es deshalb so unglaublich, wie wenig diese individuelle Herangehensweise von der großen Gemeinschaft akzeptiert wird. Welhalb werden von berühmten Seglern Artikel über die kranke Welt der Blauwassersegler veröffentlicht, von Leuten quer über den westeuropäischen Kontinent so wehement Empöhrungen über Aussteiger verlautbart. Wie kann es sein, dass am Seglerstammtisch im Wirtshaus über die Dummheit einzelner Aussteiger diskudiert wird, dass über zerrüttete Paare auf Schiffen erzählt wird obwohl die Betroffenen selbst nichts von ihrem Unglück ahnen.

Es verwundert mich, dass nicht genügend Akzeptanz gegenüber einer Gruppe Segler vorhanden scheint, einer Gruppe, die niemanden etwas angetan hat, niemanden seines Besitzes beraupt hat und im Allgemeinen sogar besonders friedfertig und respektvoll gegenüber der Natur lebt.

Ich haben Aussteiger getroffen, die Gestrandet sind und nicht aufgegeben haben, welche, die trotz ihrer Besitzlosigkeit und ihrer bedrohten Existenz mehr Lebensgeist versprüht haben als ganze Segelclubs zusammen und viele, die erst im Laufe ihrer Reise bemerkt haben, dass sie sich mit vielen ihrer Vorbereitungen unnötig belastet haben. Ich habe aber auch Leute kennengelernt, die über ihre intensive Vorbereitungsphase nie hinausgekommen sind und dennoch immer wissen, was andere alles falsch machen.

Auch wir wissen, wie schwierig es sein kann, die richtige Entscheidung zu treffen und alles auf ein Boot zu setzen. Auch wir sind schon gestrandet und musste uns ohne Sicherheiten und Rettungsleine wieder aus der Tiefe ziehen. Umso mehr können wir Paulo Choelo in dieser Aussage zustimmen: "Nicht derjenige, der unter Wasser taucht ertrinkt, sondern jener, der unter Wasser bleibt."

Damit sprechen wir hier jedem das Recht ab, über die verschiednen Persönlichkeiten der bunten Blauwasserwelt zu urteilen und raten, doch besser zu versuchen, sich über das eigene Leben Gedanken zu machen!

 

 

[zum seitenanfang]

 

Nachtwache

Nachtwache

Glitzernd rauscht die Bugwelle im roten Licht der Abendsonne entlang des weißen Rumpfes um sich gurgelnd und glucksend im Kielwasser zu verlieren und bald alle Spuren der kleinen Yacht wieder zu verwischen.

Die Welt um uns ist in ein schimmerndes Farbbild getaucht. Blaue, rosa, violette, gelbe und türkise Farben vereinen sich am Horizont. Der Pazifik ist friedlich. Im gleichmässigen Auf und Ab wiegt er das einsame Boot den Abend entgegen. Mit einer frischen Brise Wind gefüllt blähen sich die schmutzigen Segel und ziehen uns immer weiter.

Das gemeinsame Abendessen war längst verspeist und schweigend genießen wir den allabendlichen Tee, um dann wie gewohnt im Rhythmus der Nacht Wache zu halten.

IIch verkrieche mich in die Koje, drehe mich in eine leichte Decke ein und lasse mich von meinem gleichmäßigen Atemzügen so schnell als möglich in das Reich der Schlafenden geleiten während Jürgen die ersten drei Stunden der Nacht das Steuer übernimmt.

Gerade in einem tiefen, erholsamen Schlaf entschlummert werde ich auch schon geweckt. Der Mond läuchtet bereits den Weg, die Position ist in die Seekarte feinsäuberlich eingetragen und die vereinzelten Lichter am Horizont haben uns bereits gekreuzt.

IIm bequemen Jogginganzug und gestrickten Socken, bewaffnet mit einer kuscheligen Wolldecke und einer Thermoskanne Tee sitze ich an der Pinne und lasse meine Gedanken von der Dünung fortwaschen. Das Sternenbild läuchtet mir meinen Kurs, es ist zu ansträngend, die Augen auf das künstliche Licht des Kompasses zu fixieren. Minuten verschmelzen mit Stunden und eine bleierne Schwere legt sich in die Knochen während die Nase und die Ohren von angenehm kühlen Wind errötet sind. In solchen Nächten nistet sich eine tiefe Zufriedenheit und Geborgenheit in meine Gefühle. Die Dunkelheit, die glitzernden Sterne und der wunderschöne Mond, das fluoreszierende Wasser unter mir und die friedlichen Geräusche um mich wirken vertraut und heimelig. Die Zeit spielt keine bedeutende Rolle und die Arbeit am Steuer funktioniert wie von selbst. In meinem Kopf bilden sich neue Ideen, ich träume von den Ländern, die vor uns liegen, ich baue gedanklich an unserem zukünftigen Schifferl und philosophiere über die Welt und was wir aus ihr gemacht haben.

Kein Schiff kreuzt unseren Weg, die neue Position trage ich in die Karte und wecke Jürgen. Erschöpft und hundemüde verkrieche ich mich in das warme Bett um gleich wieder geweckt zu werden. Die drei Stunden Freiwache sind wie im Freiflug in einem traumlosen tiefen Schlaf vergangen.

Die frische Briese im Cockpit bläst den Sand aus meinen Augen und während Jürgen noch einige Minuten am Steuer sitzt knete ich neben ihm in einer Schüssel frischen Teig fürs Frühstücksbrot. Jürgen erzählt vom Tölpler, der ihn seine halbe Wache begleitet hat, indem er auf unserem Rettungsring gedöst hatte.

Mit einem weiteren Blick in die Seekarte macht sich Jürgen schließlich nach unten und überlässt mich der restlichen Nacht. Ich würde nicht mehr lange im Dunkel sitzen müssen, in ungefähr zwei Stunden wird die Sonne die Sterne vertreiben. Der Mond ist bereits verschwunden und die Schwärze der Nacht lastet schwer auf den Augenliedern. Noch immer zieht die kleine Yacht unter dem konstant gefüllten Segel durch die Dünung. Es ist garnicht mehr so einfach, den Kurs zu halten, wach zu bleiben kostet viel Energie. Die Kälte der Nacht ist bis in die Knochen vorgedrungen und immer schwieriger wird es, die Gedanken zu sammeln und weiter nachzudenken.

Doch endlich, fast unmerklich ändert sich das Bild um mich. Vorsichtig, nahezu schüchtern mischt sich in die schwarze Nacht ein leichter Lichtschimmer. Zuerst fast unbemerkt verlieren die Sterne ihre Leuchtkraft und grau mischt sich in die schwarzen Fluten unter mir. Schnell verliert der neue Morgen seine Zurückhaltung. Das Licht erfüllt den letzten Fleck und vertreibt wie durch Zauberkraft die Müdigkeit aus meinem Körper. Endlich verliert sich das taube Gefühl der Schlaflosigkeit und am Horizont leuchtet der wunderschöne Feuerball und gibt mir die Gelegenheit, sein morgentliches Ritual zu bewundern. Die ersten Sonnenstrahlen dringen bis zu mir durch und vertreiben die starre Kälte aus meiner Haut. Fast vorsichtig melden meine Nerven die wärmende Umarmung der Morgenröte und ich werfe die klamme Decke ab. Jeden Morgen muss ich aufs Neue feststellen, dass der gefühlte Sonnenaufgang zu meinen absoluten Highlights gehört.

Es ist Zeit, die Pinne kurz festzulaschen und den Brotteig in den Ofen zu schieben. Nur wenig Minuten später sitze ich wieder am Steuer. Ich will nichts von dieser herrlichen Tageszeit versäumen. Frisch und munter fühle ich mich, im Boot beginnnt sich Leben zu regen und verschlafen setzt Jürgen Wasser für den Frühstückskaffee auf. Wir haben Zeit, viel Zeit für ein langes, genussreiches Frühstück und der neue Tag vor uns lockt mit neuen Erlebnissen und einem herrlichen Wind zum Segeln!

 

 

[zum seitenanfang]

 

bordfrau

 

Die liebe Bordfrau

Ein leidiges Thema - und schon beim Gedanken, einen Beitrag dazu zu schreiben merke ich, wie komplex und kompliziert das Thema Bordfrauen eigentlich ist.

Denn immer wider trifft man Paare, ob noch zu Land oder schon unterwegs, die ihre Probleme damit haben, ein Leben unter Segel als den gemeinsamen Traum zu finden. Natürlich will gerade ich, als begeisterte Seglerin und Reisende nicht den Eindruck erwecken, als wäre Segeln eine reine Männersache. Klar habe ich unterwegs viele Frauen getroffen, die, so wie ich, ihr zuhause Segelyacht nicht missen möchten und die mit ihrer großen Freiheit unterwegs rundum zufrieden sind.

Etwas entgeistert musste ich feststellen, das in vielen Artikel, die dieses Thema behandeln immer wieder das Bild der "überemanzipierten" Frau projeziert wurde, ja, teilweise sogar die "besonderen Fähigkeiten" von Bordfrauen hervorgehoben werden und manchmal die segelnde Frau den seegängigen Mann als fähiger vorgeschoben wird.

Selbst Reaktionen vieler Menschen mir gegenüber verwundern mich immer wieder, muß ich doch speziell emanzipiert und ja fast ausgesprochen "männlich" sein, wenn man so hört, was ich so erlebe und wo ich mich überall herumtreibe. Gleich vorweggenommen, ich fühle mich durch und durch wohl als Bordfrau und liebe speziell meine Arbeiten in der Pantry, ich nähe gerne und widme mich am liebsten der Kreativität und meiner Phantasie.

Weshalb aber dabei bleiben und nicht mehr ausprobieren. Ich fühle mich mehr als nur lebendig wenn ich im peitschenden Regen und bei überkommender See die Vorsegel wechsle, ölverschmiert im engen Motorraum zu sitzen und an der Maschine herumzubalsteln kann mitunter ganz interessant sein und das Navigieren ist ohnehin das A und O für beide von uns.

Auf meinen Reisen als Seglerin habe ich jedoch zwei riesen Vorteile, die ich bei unzufriedenen Bordfrauen vermisse. Der Erste besteht darin, dass Jürgen und ich unseren gemeinsamen Traum leben. Unser Leben unter Segel ist keine Vision eines einzelnen und der Verzicht des anderen. Der zweite Vorteil war und ist für mich vielleicht sogar noch wichtiger als der gemeinsame Traum. Mein Glück baut auf einem Partner, der mich nie zusehr getrieben hat. Ich konnte Eindrücke und Umstellungen mit eigener Geschwindigkeit bewälitigen ohne dabei unnötigen Druck von Außen zu verspühren, oder gar mit den Unsicherheiten eines Partners belastet zu werden. Nie gab es eine "Skipper - Crew - Situation" an Bord, alle Entscheidungen werden stehts gemeinsam abgewogen, Verantwortung ist für beide gleich zu tragen und auch Bedenken oder Ängste meinerseits werden ernst genommen ohne dabei überbewertet zu werden.

So kommt es, das Segeln für mich kein Verzicht oder keine Belastung darstellen kann, viel mehr erlebe ich Tag für Tag wie schön die Welt sein kann, ich freue mich, wenn ich wieder neue Fähigkeiten in mir entdecke und wenn ich mit jeder Zelle meines Körpers das Leben atmen kann.

Was könnte mich da also ein Pumpklo stöhren oder eine schaukelnde Koje, wo liegt das Problem bei einer Pantry ohne Kühlschrank oder einer Yacht ohne Waschmaschine? Ich werde belohnt mit einer bunten Lebensfreude, mit strotzendem Selbstbewusstsein und mit dem schönen Gefühl, das sich einstellt, wenn man seine Grenzen wieder weiter gesteckt hat, wenn das Adrenalien Leben bis in die kleinste Zelle pumpt oder die Sonne die faulen Knochen wärmt. Ich danke meinem Partner, mir selbst und der Welt dafür, eine Bordfrau sein zu können!

 

 

[zum seitenanfang]

 

 

 

 

 

[zum seitenanfang]

 

 

Gedanken unter Segel

Bunte Hunde NEU

Segeln im Paradies

Eine Insel für einen selbst

Memory Lane

Kritische Zeiten

Mut zum freien Leben

Best Blog Award

Die Geisterstädte Grönlands

Wertigkeiten

Nordwest Passage - das große Abenteuer

Leben ohne großen Plan

News on the way - Nachrichten unterwegs!

Lebe lieber ungewöhnlich

Abstecher ins andere Jahrtausend

Helden der Meere

Blau

Weihnachtsgedanken an Bord

Abschied vom österreichischen Christkindlmarkt, oder: Unsere Monsterpunschtour

Selbstbauer und Weltumsegler

Anders als geplant!

Leben auf der Donau

La Belle Epoque geht baden!

Aufbruchstimmung, die letzen Monate an Land

Nachtwache

Die liebe Bordfrau

Die Geschichte vom Aussteiger

Skipper und Scheine

 

zur Kaffeekasse...

 

 

 

 

blauwassersegeln

 

 

 

Herbst 2012, ein kurzer Besuch in Österreich - Live aus dem Linzer Hafen:

dorfTV

Eleonore-TV: Sendung der Stadtwerkstatt / Linz aus dem Linzer Hafen. Dort steht das Messschiff ELEONORE, auf dem die Stadtwerkstatt Projekte, Artists in Residence, Talks, etc veranstaltet. Das Schiff ist auch Zentrale der Abteilung DONAUTIK der Stadtwerkstatt. www.stroem.ung.at, www.stwst.at

 

 

 

Dostojewskij

 

 

zur Kaffeekasse...

 

 

segelradio

Frühling 2012 - Zu Gast bei Segelradio:

im Gespräch mit Fahrtensegler Hinnerk Weiler erzählen wir live von Bord La Belle Epoque über unsere Überwinterung in Nordnorwegen

segelradio

 

 

 

H.D.Thoreau

 

 

 

 

festmacher

 

 

 

 

 

Joseph Conrad

 

 

 

 

Eisiger Weg - Yachtrevue

 

 

 

 

roald amundsen

 

 

 

 

foundation for sailing

 

 

festmacher

 

 

 

 

quiros

 

 

 

Lofoten Inseln

 

 

 

Grönland

 

 

 

seemannsgarn

 

 

 

Ilulissat Isfjord, Grönland

 

 

 

Ilulissat Isfjord

 

 

 

Grönland, Nuuk Fjord

 

zur Kaffeekasse...

 

Nuuk, Grönland

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baffin Bucht

Blauwasser

 

 

zur Kaffeekasse...

[zum seitenanfang]

 

Seglergeschichten und Seemannsgarn, Gedanken unter Segel, Weltbesegeln, Weltumsegelung, Weltumsegeln, Aussteiger, Bordfrau, Nachwache, Eigenbau, Blauwasser, Barfußroute, Bordalltag, Fahrtensegler, Freiheit unter Segel

 

 

 

Impressum, Kontakt