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In den "Brüllenden Vierziger"

La Belle Epoque

5. Dezember 2016

Früh morgens gegen halb Acht lichten wir ein letztes mal unseren Anker aus dem schlammigen Meeresgrund von Auckland. Die makellose Stadt der Kiwis glänzt bereits im warmen Sonnenschein, ein stahlblauer Himmel spannt sich über ihr. Längst schon ist die Stadt erwacht und die Luft ist erfüllt mit dem leichten Brummen und Surren der Fahrzeuge, die sich in endloser Kolonne über die Hafenbrücke wälzen. Mehrere Schnellfähren und Autofähren ziehen ihre Kurse durch das Hafenwasser und laufen geschäftig die Stege von Auckland an. Ein Lotsenboot ist auf den Weg zum nächsten Rendezvous mit einem Frachter und das erste knallrote Jetboot beschleunigt seine Fahrt, um die paar morgendlichen Touristen in seinen Sitzreihen eine Show zu bieten.


Dann ist der Anker auf Deck und Mr. Perkins treibt La Belle Epoque zur Marschfahrt. Am Captain Cook Steg wird bereits auf uns gewartet, wie uns der dunkelblaue Geländewagen der Zollbehörde von weiten wissen lässt.


Mit einem fröhlichen "Kia Hora" - die neuseeländische Variante von "Aloha" - übernimmt der stämmige Beamte unsere Trossen und wartet, bis die rote Stahlyacht zum liegen kommt und wir ihn an Bord bitten. Hier in Neuseeland geht alles seinen geregelten Weg und wir haben bereits am Freitag der Vorwoche unseren Aufbruch aus Neuseeland bei den Behörden gemeldet. So verläuft das Ausklarieren prompt und freundlich. Fast nebenbei werden die Papiere und Pässe gestempelt, wir tratschen unterdes mit dem freundlichen Beamten über Segelabenteuer und Autorennen. Zum Schluss wird noch ein Foto vom Schifferl gemacht - zur Identifizierung für Seenotretter und Aufklärungsflugzeug - die Neuseeländer behalten eben strikten Überblick über ihr großes Seerevier. Schon lösen wir zum letzten Mal unsere Trossen in diesem Teil der Welt.


Woran wird es liegen, dass sich immer noch keine Nervosität an Bord ausgebreitet hat? Abgebrühtheit? Vorfreude auf Neues? Das Wissen, alles Nötige getan und alle Vorbereitungen abgeschlossen zu haben? Oder liegt es einfach nur daran, dass unser Kopf immer noch leicht vom Fieber der letzten Tage vernebelt ist?
Ja, Fieber. Oder genauer: Bauchschmerzen, eine Übelkeit, die über Tage keinerlei Inhalt in unsere Mägen erlaubte und Fieberstöße, die uns in die Koje zwangen. Das letzte fröhliche Abschiedsessen an Bord einer neben uns ankernden Yacht hat uns ausgerechnet wenige Tage vorm Ablegen eine ausgewachsene Lebensmittelvergiftung eingebracht. Dennoch haben wir alle Gedanken, den Aufbruch zu verschieben, verworfen. Immerhin ist das Gröbste überstanden und die kommenden Tage werden uns mit leichtwind sanft an die Schiffsbewegung der nächsten Wochen gewöhnen. Nein, die Abfahrt zu stornieren, wenn doch alle Schapps gefüllt sind und das Wetter eine ruhige Fahrt erlaubt, ist nicht einfach.
Die ersten Seemeilen tuckert Mr. Perkins. Wir haben extra Diesel gebunkert, um den Hauraki Golf unter Motorkraft zu durchqueren. Erst vor der Küste von Coromandel kommt leichter Wind auf und wir setzen Segel. Noch dauert es, bis sich die Bordroutine einstellt und bis wir sicher auf zwei Seebeine stehen werden.

Aufbruch aus Neuseeland

12. Dezember 2016

Kurs voraus hebt sich ohne Eile und doch erstaunlich schnell ein oranger Feuerball aus dem tiefschwarzen Ozean. Bald schon wird das Glitzern der Sterne am Nachthimmel vom kalten Licht des aufsteigenden Vollmonds beinahe übertrumpft. Das Meer, der Horizont, ja selbst die kleinen Puffwolken am Himmel sind in der hellen Nacht deutlich zu sehen. Nur gemächlich zieht La Belle Epoque dahin. Trotz leichter Brise haben wir die Segel gekürzt - nur ausreichend Tuch gesetzt, um das schwerste Rollen im Seegang zu dämpfen. Längst ist Neuseeland im Dunst und hinterm Horizont verschwunden und hat einer nassen, blauen Ebene soweit das Auge reicht Platz gemacht.


Wir müssen uns in Geduld üben, denn der Kurs voraus bleibt uns über Tage versperrt. Ein großes Tiefdrucksystem steht stabil vor uns, faucht mit Gegenwind durch unsere Pläne und peitscht das Meer auf. Es ist besser, Abstand zu halten und zu warten, bis sich das Tief ausgeblasen hat und seinen Weg erneut in Richtung Südost aufnimmt.


An Bord ist die Stimmung gut, wenn auch nicht unbedingt energiegeladen. Noch plagen uns unsere beleidigten Mägen, noch haben wir uns nicht recht auf den neuen Wach-Schlaf-Rhythmus eingestellt. Müdigkeit, schwere Knochen und leichte Lethargie begleiten uns, Appetitlosigkeit und leichte Übelkeit gehören zur Tagesverfassung. Auch bewegen wir uns noch etwas tollpatschig, nach den langen Monaten an Land sind uns die Seefüße etwas abhandengekommen. Aber das macht nichts, erleben wir doch gerade jene Umstellung, die uns zum Start einer Ozeanpassage recht normal geworden ist. Es dauert ein paar Tage, bis sich der Körper umgestellt, bis der Geist das Land vergessen hat. Es dauert, bis die Sinne die Eindrücke des Meers lesen können.


Es ist schön, zu sehen, wie fröhlich La Belle Epoque in dem Südmeer aufgenommen wird. Immer wieder begrüßen uns Schulen an Delfinen, die in der Bugwelle tanzen und mit etwas Ungeduld ums rote Boot schwimmen. "Geht das denn nicht schneller!" Scheinen sie zu rufen, während sie in schnellen, kurzen Bewegungen vom Bug zum Heck und vom Heck zum Bug sprinten. Ungewöhnlich klein scheinen mir die Schulen, manche bestehen gerade aus ein paar Tieren. Immer wieder kommen auch Wale dicht an uns ran. Einer begleitet uns sogar für über zwei Stunden, kommt dicht an uns ran, taucht ab und verschwindet, um zehn Minuten später erneut neben dem Boot auszublasen.

Delfine

19. Dezember 2016

Selbstlos kümmert sich Mrs. Aries darum, dass LA BELLE EPOQUEs Bug Tag und Nacht in Richtung Osten hält. An Bord ist die Routine des Fahrtensegelns eingekehrt, die Welt besteht aus dem Setzen, Reffen und Wechseln von Segeln, dem Kontrollieren des Kurses, dem Eintragen der Position und dem Beobachten des Wetters. Der Rest der Welt ist entweder blau, grau, schwarz oder wässrig weiß. Es gibt keine weiteren Farben mehr, keine verschiedenen Gerüche, keine Extravaganzen. Es gibt nur Wellen, Wasser, Himmel, Wolken.


Der Wachrhythmus ist uns ins Blut übergegangen und das Tageslicht oder dessen Fehlen ist nicht mehr verantwortlich für die Zeiten unserer Müdigkeit. Wir haben unsere Seefüße wieder gefunden und langsam heilen die blauen Flecken der ersten Woche.


Unser gesamtes Tun ist darauf fokussiert, Wetterberichte zu analysieren und optimale Kurse zwischen den Tief- und Hochdrucksystemen zu finden, das Boot zu trimmen und jedes Schamfilen oder Schlagen der Segel zu unterbinden. Alles Weitere ist Nebensache, ist Routine: Die Routine des langen, gemeinsamen Frühstücks (bei der die morgendlich geladenen Wetterprognosen das Hauptthema sind), die Routine der morgendlichen Katzenwäsche auf Deck. Die Routine des gemeinsamen Kochens (ich koche, Jürgen bewahrt die Zutaten davor, quer durch die Kombüse zu fliegen), die Routine der langen Nachmittagsgespräche zwischen den abwechselnden Schlafstunden. Die Routine des gemeinsamen abendlichen Tees, bevor Jürgen seine Freiwache in der Koje antritt.


Immer noch segeln wir zwischen den 37. und 39. Breitengrad. Im heurigen Jahr greifen die Tiefdrucksysteme relativ weit in den Norden und so ist es im Moment nicht nötig, uns weiter in den Süden vor zu wagen. Das hat Vor- und Nachteile. Vorteile, weil das Wetter in diesen Breiten immer noch relativ warm bleibt und selbst die Nächte nicht zu kalt werden. Nachteile, weil sich unser Kurs immer weiter verlängert, desto weiter nördlich wir fahren. Kein Wunder, dass die ersten Vandee Globe Yachten um die 800 Seemeilen südlich von uns überholen. Nicht nur, dass in den "Furiosen Fünfziger" die Winde steifer blasen, auch verkürzt die Erdkrümmung die Segeletappe deutlich. Ich allerdings bin froh, nicht zu sehr in den Süden zu müssen. Abenteuergeist hin oder her, um nichts in der Welt möchte ich mit einen der Skipper dort unten tauschen! Bin froh, mich hier in unsere Breiten mit 25 bis 30 Knoten Wind auseinandersetzen zu müssen, während dieselben Tiefs den Yachten südlich 60 Knoten und mehr beschert. Diese Extremsegler sind wahrlich aus einem anderen Holz geschnitzt und ich schicke meinen Respekt und meine Gedanken zu ihnen in den Süden.


Wir haben auch hier oben genug Wetterkapriolen. Starkwind zieht tagelang launische Böen hinter sich her und drischt mit seinen hohen Wellen auf La Belle ein. Ein sich entwickelndes Tief lässt uns zwei Nächte bange durch Gewitter segeln. Dann gibts wieder Flaute, in der die Segel schlagen, bis sich das Meer endlich beruhigt hat. Zwischendurch herrlichstes Segelwetter, wir sollen wohl nicht vergessen, das Segeln auch schön sein kann.

Segeln in den Brüllenden Vierziger

25. Dezember 2016

Fröhliche Weihnachten allerseits! Wir sind zwar in den Weiten des Nichts, aber doch noch nicht in Vergessenheit geraten. Ich freue mich über die eMails von Familie und Freunden, die uns eine schöne Zeit und viel Glück wünschen. Freue mich, in den Gedanken unserer Lieben zu sein und zu wissen, dass wir nicht alleine sind. Denn alleine könnte man sich hier doch leicht fühlen.


Unser Weihnachtswetter gibt uns Rätsel auf. Es ist unstabil, launisch, schwer zu verstehen. Ein Tiefdrucksystem läuft hinter uns von Norden in den Süden durch und verwirrt die Winde der "Roaring Fourties". Die Wettervorhersagen zeigen ein stabiles Hoch, das dem Tief Parole bietet. Sechs Stunden später zeigen die Vorhersagen drei weitere Tief für die kommenden Tage, die dem Hoch an die Pelle rücken und uns Sturmwinde bringen wollen. Sechs Stunden später wollen die Wettervorhersagen von den vielen Sturmtiefs nichts gewusst haben. OK. Verstanden. Claudia, hör auf, alle sechs Stunden die Wetterberichte zu befragen. So machst du dich doch nur verrückt.


Wir beschließen, ein wenig in den Süden zu segeln, den stärksten Gegenwind an der Nordseite des Hochdrucksystems aus dem Weg zu gehen. Klar, dafür müssen wir den flauen Kern des Hochs in Kauf nehmen. Aber besser leichte Winde als Gegenwind. Na ja, ehrlich gesagt kommt mir die Flaute ja ganz recht. So kann ich zumindest das Weihnachtsessen gemütlich aufwärmen. Gekocht habe ich es ja schon in Neuseeland. Gekocht und eingekocht. Es gibt Rindsrouladen vom neuseeländischen Weiderind, hofgeschlachtet. Dazu Erdäpfel und Raunasalat, ein Gläschen neuseeländischen Rosé und hinterher deutschen Weihnachtsstollen. Für Weihnachtsdeko bin ich zu faul. Außerdem schiene es ohnehin übertrieben, löffeln wir doch unser feines Dinner aus Plastikschüsseln. Abstriche müssen eben sein!

Kochen auf See

29. Dezember 2016

Trotz leichter Winde kommen wir besser voran als gedacht, segeln seit Tagen hoch am Wind an der Westseite des Hochs. Schönes Wetter und ruhige See laden dazu ein, die Seele baumeln zu lassen und Bücher zu verschlingen. Gestern dann Grund zum Feiern: 2700 Seemeilen im Kielwasser, 2700 Seemeilen vorm Bug. Wir haben Bergfest, öffnen die erste Flasche hundertprozentigen Ananassaft, kippen ein klein wenig Rum rein und stoßen an. 22 Tage haben wir bis hierher benötigt. Keine Rekorde, aber auch keine Schleichfahrt. Und was zählt schon die Geschwindigkeit, viel mehr zählt die Tatsache, dass wir bisher von richtigem Sturm verschont geblieben sind, auch wenn wir alle paar Tage Starkwind sehen. Leise taucht die Hoffnung auf, doch auch bis Valdiva ohne Sturm durchzukommen. Vielleicht, ja, vielleicht haben wir ja Glück. Ich verdränge den Gedanken sofort wieder. Man soll ja den Tag nicht vor den Abend loben. Und außerdem fühlt es sich fast respektlos an, sturmfreie Erwartungen in den Südlichen Ozean zu stecken. Fühlt sich an, als beschwöre man noch unwirtes Wetter herauf.


Der Rum im Ananassaft wäre eigentlich nicht nötig gewesen - frischer Fruchtsaft ist auf See für uns ein größeres Geschenk als Schnaps. Vor allem, da wir seit einer Woche unseren Frucht-Proviant rationiert haben. Seiter gibts nur noch jeden zweiten Tag eine Orange. Das kommt nicht unerwartet, wusste ich doch, dass ich zuwenig Obst für die Reise gekauft habe. Doch während der letzten Tage in Auckland konnte ich keinen Bauernmarkt mehr lokalisieren und das Supermarktobst wäre unmöglich die ganze Reise durch frisch gebliegen. Obst wird von nun an eben mit eingekochtem Apfelmus, gekauften Fruchtsäften und Dosenobst aufgebessert. Und eingelagertes Gemüse haben wir in Mengen.


Die Winde der letzten Tage haben uns weiter und weiter in den Süden gebracht. Mittlerweile sind wir auf fast 46° Süd. Das Wasser ist merklich kälter geworden. Vor allem die klaren Nächte sind schon kühl, aber dennoch genieße ich die Schönheit der gemäßigten Breiten. Nun sind die Sonnenuntergänge wieder länger und farbenfroh. Nachdem die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist, bleibt ein rosa Schleier am Himmel zurück wie eine vage Botschaft aus den hohen Breiten. Lassen in mir eine Erinnerung an den Hohen Norden erklingen, wo die Sonne über Stunden den Abendhimmel in satte Rosatöne färbt.


Bald schon stehen die Sterne am Himmel und vertreiben alle Gedanken an den Norden. Immer noch habe ich mich nicht an den unbekannten Südhimmel gewöhnt, an dem ich nur die einfachsten Sternenbilder erkennen kann. Südlich voraus geht das Kreuz des Südens auf. Südwestlich von uns steht wie jeden Abend ein unglaublich heller Stern, relativ tief am Horizont. Ich muss endlich mal den Sternenatlas herauskramen, um den Stern bestimmen zu können. Schon mehrmals bin ich dem Stern auf den Leim gegangen. Habe mir eingebildet, ein Flugzeug zu sehen. Doch natürlich war es derselbe, hell leuchtende Stern, der manchmal rötlich glitzert. Natürlich war es kein Flugzeug, so etwas haben wir schon wochenlang nicht mehr gesehen. Kein Schiff, kein Flugzeug. Das Südmeer ist einsam und wir sind so weit entfernt von Zivilisation wie wir auf diesen Planeten wohl sein können. Aber auch einsam stimmt wohl nicht. Haben uns doch heute Delfine besucht. Wer hätte gedacht, die kleinen flinken Schwimmer selbst auf halben Weg zwischen Neuseeland und Chile noch anzutreffen. Allerdings wundere ich mich über die Größe der Delfinschulen. Vor Jahrzenten, als wir noch mit unserem ersten Segelboot unterwegs waren, haben wir Delfinschulen im Pazifik erlebt, die wohl hunderte Tiere groß gewesen sein mussten. Nun sind wir schon Jahre im Pazifik und kaum mehr treffen wir eine Schule, die mehr als zehn oder zwanzig Tiere zählt. Irgendwann muss ich das mal nachforschen, sind so kleine Schulen üblich, oder hat sich da was böse geändert? Na ja, ich hoffe einfach mal Ersteres.


Nun werde ich mal die schöne Nacht genießen. Immerhin sollten wir morgen Nacht von sieben bis acht Beaufort eingeholt werden. Dann ist´s vorerst wieder vorbei mit dem Genuss und der baumelnden Seele!

Sonnenuntergang auf See

12. Januar 2017

Langsam werden wir ein wenig mürbe. Seit Wochen haben wir die Sonne nicht mehr gesehen und gerade die Nachtwachen sind bei den dauernden 10 bis 12 Grad Celsius eine eher kalte Angelegenheit. Das neue Jahr hat uns eher stürmisch begrüßt und so wurde die Feier auch sicherheitshalber verschoben. Wenn wir an Deck zum Reffen und Segelwechseln herumturnen müssen, hat selbst ein leichter Schwips nichts an Bord verloren. Macht nichts, bei den Temperaturen ist eine Tasse Tee ohnehin besser.


Täglich rasseln die Seemeilen durch, 140, 150 Meilen Tagesetmale. Und dann plötzlich: Stillstand. Oder eben beinahe Stillstand: 70, 80 Seemeilen. Nichts geht mehr weiter. Nicht, dass wir keinen Wind mehr haben, aber wir haben die Segel gerefft und halten so langsam als möglich gegen den aufkommenden Nordostwind. Vor uns hat sich ein neues Starkwindsystem mit steifen Ostwinden entwickelt. Wir wollen ihm nicht zu nahe kommen und bremsen schon Tage vor seinem Durchzug ab. Langweilig, aber dennoch gut gemacht: Das Tief zieht vor uns durch und wir spüren nichts von seinem schlechten Atem.


Heute endlich: Gegen Mittag reißt der Himmel auf! Wir sind die letzten Tage etwas nördlich gekommen, segeln auf 43° Süd und freuen uns, dass die Luft wieder angenehm warm ist. Zugegeben, 16 Grad klingt nicht nach viel, aber gegen die letzten Wochen hier unten in den Brüllenden Vierziger...
Wie herrlich, wir waschen uns mit Salzwasser an Deck und lassen uns in der Sonne trocknen. Alle Luken sind offen und frische, salzig duftende Luft füllt unsere Kajüte. Das Bettzeug liegt in der Sonne, im Ofen duftet das frische Brot. Ach, das Leben ist herrlich und alle Anstrengungen sind wie weggelöscht!

Auf Hochsee

20. Januar 2017

Es ist ein Uhr morgens, gerade ist der Halbmond aufgegangen. Sein Licht spiegelt sich in der ruhigen See. LA BELLE EPOQUE zieht einen Lichtschweif aus phosphoreszierendem Plankton hinter sich her, das Meer hier muss unglaublich reich und voller Leben sein. Es ist warm in ihrem Inneren, denn die Nacht ist lau und seit wenigen Stunden heizt der Dieselmotor die Kajüte etwas auf. Nur noch eine leichte Brise kommt vom Land, bringt mit sich den starken Geruch von Erde, Laub, Flusswasser und Blüten mit. Kaum wahrnehmbar mischt sich auch der strenge Geruch von Vogelfelsen dazu.
Viel zu intensiv riecht das Land, ich bin mir nicht sicher, ob ich den Geruch mag und fühle mich eher, als würde meine Nase mit einer Keule behandelt. Und doch halte ich alle paar Minuten meine Nase aus dem Steuerhaus, ziehe die feuchte Luft ein und suche das Licht des Leuchtturms von Punta Galera. Wie aufregend es doch ist, eine neue Küste anzulaufen!
Eigentlich treiben wir uns ja schon seit Gestern in den Gewässern von Chile herum, nach einem letzten Aufbäumen des Winds während der Nacht schob uns nur noch eine leichte Brise der Küste entgegen und wir wussten, dass wir noch eine weitere Nacht am Meer verbringen würden. Es ist immer schön, wenn das Wetter einem keinen Stress zum Ankommen macht und wir nützten die gestrigen ruhigen Stunden, um uns Landfein zu machen: Putzten die Kajüte von oben bis unten durch, tauschten die Bettwäsche und lehrten eimerweise frisches Seewasser über unsere Köpfe. Dann wurde noch LA BELLE gebührend willkommen geheißen, in dem ein kleiner Hai (gibts hier Lemonsharks?) seinen Bauch an ihrem Unterwasserschiff rieb.

Rechtzeitig zum Sonnenaufgang erreichen wir das Flussdelta des Rio Valdivia. Aber wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht, dicke Nebelschwaden hängen über den Fluss und wir hätten genausogut des Nachts einlaufen können. Die Seekarten sind nicht sehr vertrauenserweckend und bald schon zeigt uns das Radar, dass wir gerade auf die Klippen zusteuern. Ich drehe ab, verwende eine andere Seekarte und schon gehts besser. Gespenstisch erscheint die Fähre aus dem Nebel, um auch gleich wieder darin zu verschwinden. Ein paar Fischerboote und ein paar Militärboote kreuzen unseren Kurs, während wir uns langsam immer weiter in den Fluss vorwagen. Schade, ich habe mich so gefreut, das Flussdelta zu bestaunen, und nun starre ich in undurchdringlichen Nebel. Erst als wir sicher im Hafen verzurrt liegen, übernimmt ein klarer, sonniger Tag das Regiment. Wir fühlen uns wie zuhause. Und das ist nicht einfach so dahin geschrieben, denn Rio Valdivia erinnert uns erstaunlich an die wunderschöne Donaustrecke zur Schlögener Schlinge. An jenes Flussgebiet daheim, in dem alles einst begonnen hat!

LA BELLE liegt ruhig und friedlich im Hafen, wir fühlen uns an Land noch etwas tapsig, unser Gleichgewichtssystem gibt uns im Hafenbüro das Gefühl, als würde das Gebäude wanken. Oder wanken nur wir? Der Empfang ist wunderbar freundlich und wir ernten erstaunen, dass wir geradewegs aus Neuseeland kommen. Und langsam setzt echtes Hochgefühl ein. Wir haben es geschafft, haben unsere bisher längste und gefährlichste Ozeanpassage ohne einen Kratzer gemeistert. Das Südmeer hat uns sehr gnädig empfangen und auch wenn die Winde meist stärker waren, als die Wetterberichte vermuten ließen, so mussten wir keine einzige bedrohliche Situation erleben. Seit unseren Aufbruch vor 46 Tagen haben wir 5434 Seemeilen in unserem Kielwasser, eine Strecke, die in etwas der Entfernung von Hamburg nach Kapstadt in Südafrika gleichkommt. Das Wetter hat unsere Reise, unser Denken und unser Handeln dominiert, unzählige Male haben wir die Segel gerefft und gewechselt, Stunden haben wir vor dem Bildschirm die Wetterdaten beobachtet und uns gemeinsam über Taktik und Kurs beraten. Und wir sind dem Schwersten ausgekommen. Ja, wir haben nicht ein einziges mal unsere Segelgarderobe für extremes Wetter benötigt, das Trysegel, die Orkanfock, der Treibanker und der Seeanker sind die ganze Reise über in ihrem Sack geblieben. Es gab keinen Bruch auf LA BELLE EPOQUE, nur eine durchgescheuerte Schot und einen kleinen Riss in der Genua. Wir sind froh, dankbar, stolz und begeistert, geschlaucht und müde. Alles gleichzeitig. Und wir sind aufgeregt, fühlen eine Vorfreude, Valdivia zu erleben. Freuen uns, herumzuspazieren, die Märkte nach frischen Obst zu durchstreifen, mit einem guten Tröpfchen chilenischen Weins auf unsere Ankunft anzustoßen mit dem Bus kreuz und quer durchs Land zu gondeln, die Menschen kennen zu lernen und die Segel ein paar Tage unter den Persenningen zu vergessen!

Chile

Land in Sicht!

Chile im Nebel

Nebel im Flussdelta von Rio Valdivia

Rio Valdivia

Rio Valdivia

Angekommen

Wir sind angekommen!

1 Ozean in Zahlen

 

 

 

 

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