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Die Bucht des Überfluss

Maori Schnitzerei

Langsam schiebt sich LA BELLE EPOQUE durch das enge Fahrwasser der Man-o-war Passage zu deren beider Seiten sich die dunkelgrünen Hänge von Aotea - der Great Barrier Inseln - aus dem Wasser heben. Es ist das Land der Ngati Rehua hapu von Ngati Wai. Ein Land, das von Vulkanen geformt wurde und das sich von Te Tara-o-te-Ika-a-Maui - besser bekannt als die Coromandel Halbinsel - löste, um als schützende Barriere zwischen dem offenen Pazifik und jener Küste, an der sich heute Auckland streckt, zu stehen. Kapitän James Cook selbst nannte die Insel "Große Barriere", doch trug die Insel schon lange ihren alten Namen - Aotea. Bereits über tausend Jahre lang hatten die Maori diese Insel besiedelt und so war Aotea ein heiliges Land, ein Land der Ahnen, dessen Wälder, Flüsse und Buchten Geschichten erzählten. Geschichten über Vorfahren, über das Leben und Sterben, über Krieg und über friedliche Zeiten.

Und doch gab es Zeiten, während deren die Geschichten der Maori beinahe verstummten. Zeiten, als die weißen Siedler das Land übernahmen und es umformten, um von ihm Leben zu können und ihr Auskommen in einer neuen Welt zu bestreiten. Um die riesigen Kauri Bäume zu fällen und als wertvolles Bauholz in die Welt zu versenden, um den Boden für seine Schätze an Kupfer, Silber und Gold aufzureissen und um die Beute der Walfänger vor der Küste zu übernehmen und in wertvolles Öl zu verarbeiten. Doch die unterschiedlichen Stämme der Maori hatten in ganz Neu Seeland etwas gemein: sie waren kriegerische Völker, die sich nicht endgültig verdrängen oder unterjochen ließen. Und so blieben viele ihrer Geschichten erhalten und nach und nach übernahmen erneut die alten Namen, die sie dem Land, den Flüssen und Bergen, den Siedlungen und den Tieren gegeben hatten.

Namen, die auf unseren Zungen fremd schmecken und eine Weile benötigen, um nicht ständig verdreht und verwechselt zu werden. Und nur die Reise zu den einzelnen Plätzen hilft, die Namen endgültig zu kennen, ihnen ein Bild und einen Platz zuordnen zu können und sie mit eigenen Erinnerungen zu verknüpfen. So lassen wir das Land der Ngati Rehua hapu in unserem Kielwasser, lassen seine Kanuka und Manuka, seine gerade aufblühenden Pohutukawa, die Tairare und Puriri und seine paar wenigen Kauri hinter uns und blicken ein letztes mal zum Gipfel des Hirakimata, bevor uns die starke Strömung aus dem letzten Pass wäscht und wir die Segel hiessen.

Segeln in Neu Seeland

Der Wetterbericht hat steife Westwinde angesagt. Halbwind, den wir nutzen wollen, um knappe 60 Seemeilen weiter in den Süde zu kommen und im Fluss von Whitianga für ein paar Nächte zu ankern. Doch ist der Wind böig und kann sich nicht recht entscheiden, ob er heute lieber an den Segel reißen oder sie doch nur streicheln will. Und so übernehme ich das Ruder, der Autopilot wäre ja doch nur überfordert so lange das Boot bei jeder starken Böe in den Wind drehen, um den Druck aus den hoffnungslos übertakelten Segeln zu schütteln. Der dunkelblaue Ozean glitzert im grellem Sonnenschein, ein paar Sturmvögel liefern ihre Flugshow dicht über den Wellen und hin und wieder brodelt das Wasser von tausenden Fischkörpern unterm Kiel. Neben uns streckt sich das dunkelgrüne Coromandel, dessen atemberaubend schöne Küste zwischen steilen Klippen und lieblichen Buchten voller heller Sandstrände wechselt. Unser Kurs kreuzt sich mit nur wenigen Booten und doch bleibt der Funk kaum still. Klar, heute ist Freitag und an so einem frühlingshaften Wochenende muss wohl im Hauraki Golf vor Auckland alles auf dem Wasser sein. So gebe ich auch bei der vierten Mayday- oder PanPan-Meldung am Funk auf, mir die Daten mitzuschreiben und auf der Seekarte die Position des Verunglückten für mögliche Hilfeleistung zu suchen. Die neuseeländische Küstenwache antwortet jeden Notruf ohnehin umgehend und ihre Boote sind längst schon unterwegs. Der einzige wirkliche Notfall für heute bleibt ohnehin weit ausser unserer Reichweite und wir können nur hoffen, dass dieser Fischer, der letzte Nacht über Bord gegangen war, doch noch gefunden wird.

Die Sonne Neu Seelands ist erbarmungslos. Wieder bin ich froh, ein Steuerhaus zu haben und mich darin verkriechen zu können. Doch die Sonne verbrennt nicht nur die Haut, ihr grelles Licht reflektiert auf der Wasseroberfläche und als wir gegen Abend endlich in die seichte Flussmündung von Whitianga einlaufen haben wir beide müde Augen mit dunklen Ringen darunter.

Der Fluss ist voller Bojen und Boote und unser Versuch, im Bojenfeld vor dem Yachthafen zu ankern, vereitelt der freundliche Hafenmeister bald. Zu sehr hat er Bedenken, dass sich unser Ankergeschirr im hin und her der Gezeitenströmung um eine der Bojen wickeln könnte. Und so lässt er uns wissen, dass der Fluss auch am Ende der Bojen tief genug für unser Schifferl ist und wir dort genug Platz finden würden. Und dort liegt bereits eine Fahrtenyacht, die wir mittlerweile gut kenne. Unsere Freunde wollen ihre RALF ROVER hier lassen, während sie zurück nach Frankreich fliegen, um etwas Geld für ihre Weiterfahrt rund um den Erdball zu verdienen.

Whitianga schmeckt nach Sommer. Das Dorf zwischen Flussufer und weißen Sandstrand entlang der Küste ist ein kleines Mekka für Sonnenhungrige, für Urlaubsgäste aus Auckland und für Backpacker aus der ganzen Welt. An der Dorfstrasse reihen sich Fish´n´Chips-Buden, Cafés und Souvinierläden, auf den Parkbänken sitzen asiatische und europäische Jugendliche mit ihren iPads und versuchen, die WiFi-Verbindung des nächsten Cafés einzufangen und ein paar private Bed and Breakfasts haben große Schilder aufgestellt, die "Backpackers welcome!" verkünden. Und willkommen fühlt man sich hier auf Anhieb.

Whitianga

Wir lassen unser Dingi im Yachthafen, wo wir freundlich empfangen werden, schlendern durch die Strassen und machen es uns neben einer Asiatin auf der Parkbank breit, um unsere emails abzurufen und einen Bericht auf der Homepage zu veröffentlichen. In den großen Supermärkten der Stadt füllen wir unsere Rucksäcke mit frischem Proviant und schleppen alles zurück zum Boot. Und schließlich tratschen wir mit den Angestellten des Yachthafens, um uns über ihre Preise für ein mögliches Herausheben von LA BELLE EPOQUE nächsten Winter zu erfahren.

Die Tage sind bereits länger geworden und die Abende sind kühl aber im schönsten Licht der Abendsonne gekleidet. Gemeinsam mit Marie und Laurent machen wir es uns auf LA BELLE gemütlich, als ein Kajak geraden Kurs auf uns zuhält. Das ist doch Peter - der Kiwi, den wir vor Jahren in Grönland kennen lernen konnten und dessen Seekarten uns durch die Nordwest Passage halfen. Wie schön es ist, überall auf der Welt Freunde zu haben. Und so packt er uns ins Auto und - beladen mit furchtbar fettigen Fish´n´Chips - gehts über die Küstenstrasse nach Tairua, wo Peters Frau Rachel in ihrer "Batch" - einem typisch neuseeländischen Ferienhäuschen - bereits auf uns wartet, um einen Abend bei Segelgeschichten und Rotwein mit uns zu verbringen.

Am nächsten Tag übergibt uns Rachel ihr Auto für den Tag, wir hohlen Marie und Laurent von Whitianga und machen eine Spritztour mit Picknick über die Halbinsel. Da ich noch nie links gefahren bin, wird es mein Tag hinterm Lenkrad und Jürgen genießt es, einmal den Beifahrer zu spielen. Gemeinsam ziehen wir über die Hügeln, entlang von Küsten und durch die Buschwälder. Wir stoppen im Dorf Coromandel, das nach dem ersten Siedlerschiff aus Europa benannt wurde - der HMS COROMANDEL - und biegen auf der verschlafenen Strasse in den Norden nach Colville, wo sich ein paar Althibbies Neu Seelands angesiedelt haben. Die Ebbe hat das Wasser bereits weit aus der Bucht gezogen, als wir uns am Ufer der Colville Bucht zum Picknick setzen und den frischen Neu Seeländischen Wein köpfen.

Zum Abschluss besuchen wir Rachel und Peter auf ihrer Schaffarm in Tararu, die hoch über der Küste liegt und die schönste Aussicht in den Hauraiki Golf bis Auckland bietet. Wir wandern über die Hügel der Schafweiden, während Peter uns über den Betrieb und über die Geschichte des Landes erzählt. Zu Zeiten des Goldrausches hatte hier ein Goldgräber gelebt und Peter fand sogar Überreste des eisernen Ofens, wo einst die Hütte des Glücksritters stand. Doch das Buschland Neu Seelands ist zu undurchdringlich, um jemals wieder die alte Miene des Goldgräbers frei zu geben. Kaum vorstellbar, aber wer es wagt, hier achtlos in den Busch zu gehen, wird es schwer haben, den Weg zurück zu finden. So war auch einmal ein Nachbar von Peter für Tage verschollen, nur, weil er sich ohne Navigationsmittel auf die Suche nach der alten Miene machte. Zwei Tage irrte er und sein Sohn durch den Busch, bevor er unerwartet das Weideland von Peter und Rachel erreichte. Denn die hohen Silberfarne versperren die Sicht auf die Sonne und die wilden Täler und steilen Steinwände erlauben es nicht, den Lauf eines Baches bis zur Küste zu folgen.
Auch die Erhaltung von nutzbaren Weideflächen ist hier ein endloser Feldzug gegen den Busch. In nur fünf Jahren ohne Weidevieh würde der Busch das Weideland derart überwuchern, dass es unmöglich wäre, wieder Schafe weiden zu lassen. Das liegt wohl daran, dass die Nordinsel von Neu Seeland keinen wirklichen Winter kennt. Die Temperaturen fallen im Winter vielleicht auf 10 oder 12 Grad Celsius, nichts, was den Wachstum des Buschlandes bremst oder die Bäume und Büsche zur Einhalt gebietet. So sprießt und wachst hier alles das Jahr durch und es ist nicht nötig, Heu für den Winter zu machen oder Ställe für die Tiere zu bauen.

Schaffarm in Neu Seeland

Zurück an Bord verabschieden wir uns von unseren französischen Freunden. Morgen wollen wir ein Stück weiter segeln und die Bay of Plenty - die Bucht des Überflusses - kennen lernen. Wir werden die beiden wohl nicht mehr wieder sehen und freuen uns, wenigstens hier noch einmal gemeinsame Zeit verbracht zu haben.

Der gemeldete Westwind will sich nicht ganz an die Vorhersagen halten und bläst kräftig aus Südwest. Gerade eben können wir den Kurs nach Tauranga halten, doch gemütlich wird der Segelschlag nicht. Mehr und mehr frischt der Wind auf, wir kürzen Segel und kürzen Segel. Was mit der großen Leichtwindgenua, dem Groß und Besan begonnen hat, endet mit der kleinen Arbeitsfock und dem dreifach gerefftem Großsegel. Ja, "plenty" gibts hier wirklich wahr: "plenty of wind"!!

Dennoch drehen wir den Kurs nicht ab. Wir wollen unbedingt Tauranga sehen, wollen wir doch auch dort die Häfen und Werften begutachten, um später einen guten Platz für LA BELLE EPOQUE zu wissen. Und so sind wir froh, als wir endlich den spitzen Vulkankegel des Mauao greifbar haben und an seiner Küste ins große Flussdelta von Tauranga einbiegen zu können.

Der alte Vulkan ist schon ein besonderer Anblick, liegt er doch als einzige Erhebung entlang der flachen, sandigen Küste. Und so wird von dem schönen Mauao erzählt, dass er einst ein namenloser Berg weit im Inland war, der sich in den schönen Berg Puwhenua verliebt hatte. Doch Puwhenua erwiederte diese Liebe nicht und brach so das steinerne Herz des Vulkans. Mauao rief die Elfen der Nacht zu Hilfe, sie sollten ihn an die Küste schleppen und in die Fluten des Te Moananui-a-Kiwa - des Pazifischen Ozeans - versenken. So versammelten sich die Kreaturen der Nacht um den trauernden Berg, hoben ihn auf ihre Schultern und schleppten ihn zur Küste. Doch er war schwer und als sie endlich das Ufer der Halbinsel erreichten, erhebte sich just in dem Moment die Morgensonne am Horizont und vertrieb die Nacht mit all ihren Kreaturen. Die Nachtelfen flohen in den Schutz des Waldes und in ihre Erdlöcher und traurige Mauao war für immer gestrandet. Gestrandet an der flachen Küste von Tauranga. Und so erhielt er seinen Namen Mauao - "Der, der vom Sonnenaufgang überrascht wurde"!

Vulkan Mauao

Zwischen großen Ozeanfrachtern laufen wir in das Hafengebiet von Tauranga ein und sind froh, einen relativ geschützten Ankerplatz unweit der Marina zu finden. Na ja, ob das wirklich ein offizieller Ankerplatz ist, werden wir wohl nie wissen, aber hier ankert bereits ein Fischkutter und eine Segelyacht und die 5 Meter Wassertiefe ist schon optimal. Wir düsen mit dem Dingi unter der Brücke durch zum Ortszentrum, schlendern entlang der quirligen Wasserfront und machen Wanderausflüge zu den vielen Lagunen der Stadt. Dabei halten wir LA BELLE EPOQUE bereit zur Weiterfahrt und überprüfen Tag für Tag die Wetterdaten. Doch wie es aussieht, steht das Wetter gegen uns und langsam machen wir uns Sorgen. Denn eigentlich hatten wir geplant, zu Weihnachten bereits in Pegasus Bay zu sein - dem südlichsten Ankerplatz Neu Seelands auf Steward Insel. Doch nagelt uns der Wind fest, ein Tief nach dem anderen marschiert die Küste hoch, bringt Südwind in Sturmstärke und lässt uns nicht mal an die nächsten 300 Seemeilen denken. Daziwschen gibts ein oder zwei Tage Flaute, die uns auch nicht weiter helfen! Und so haben wir es noch nicht mal bis zur Südküste der Nordinsel geschafft!

Allerdings verwundert uns das Wetter nicht. Immerhin heißt es hier in Neu Seeland: "La Niña und du kannst zur Südinsel segeln, El Niño und du bleibst besser im Norden!" Und wir haben ausgerechnet ein Jahr des El Niño Wetterphänomen - eine sehr starken El Niño sogar. Doch was will man machen, wir sind nun eben heuer hier in Neu Seeland und nicht in irgend einem anderen Jahr. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns wieder mal in Geduld zu üben. Die Zeit wird schon zeigen, ob wir es bis in die schreienden Vierziger schaffen können und ob wir dann noch genügend Zeit haben, die wilde Südküste von Neu Seeland genauer zu betrachten.

Und so werden wir unser heuriges Weihnachten wohl irgendwo am Pazifik auf den Weg in den Süden feiern. Wir wünschen euch allen ein schönes Fest!

Frohe Weihnachten!

Fröhliche Weihnachten!

Whitianga

Whitianga

Ausflug

Gemeinsam mit Marie und Laurent brechen wir zum Ausflug über Coromandel auf...

Hauraki Golf

...und genießen die Aussicht über den Hauraki Golf

Picknick

Picknick unterm alten Baum

Colville Bay

... mit Blick auf die trockengefallene Colville Bucht

Vegetation in NZ

Die kuriose Vegetation von Neu Seeland

Manaia Harbor

Manaia Harbor in Coromandel

Farmland

...an dessen Ufer sich Weideland streckt.

Manaia Harbor

Blick übers Farmland

Maori Statuen

Doch auch die Kultur der Maori ist überall zu finden

Rachel und Peters Farmland

Blick über die Schafweiden von Rachel und Peter

Neuseeland

Wir bleiben promt im Schlamm auf den Koppeln stecken.

Tauranga

Ankunft im Hafengebiet von Tauranga

Tauranga

Taurangas freundliche Innenstadt

Tauranga

Haus am Park in Tauranga

Maori

Die Kunst der Maori

Tauranga

Aussicht über eine der vielen Buchten von Tauranga

Arbeiten am Boot

Zwischendurch gibts immer wieder mal was am Boot zu erledigen

Tauranga

Wir spazieren entlang der Wanderwege von Tauranga

Tauranga

Überall blüht es. Weihnachten heißt hier Sommerbeginn!

Seevogel

Neuseeland

 

 

 

 

 

 

 

 

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