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Hoch und trocken

Loch im Bug!

6:30 Uhr morgens. Aufstehen. Heißes Wasser für den Kaffee holen. Frühstück. Spaziergang zu den Toiletten für die Morgenwäsche. Rein in die Arbeitskluft und raus ans Boot. 14:00 Uhr. Der Magen knurrt. So gut es geht den Schleifstaub aus den Haaren und vom Shirt schütteln und den Dreck von den Händen waschen. "Klar, mach mal ´ne Pause", meint Jürgen. Pha, ich gehe kochen, von wegen Pause! Schnelles, gemeinsames Mittagessen, bevor die Arbeit am Rumpf weiter geht. Gegen acht Uhr abends wirds dunkel. Wir waschen das Werkzeug, saugen den Dreck vom Deck und aus der Kajüte, räumen rund ums Boot auf. Endlich Feierabend. Den Rucksack mit der frischen Wäsche und die leere Teekanne geschnappt und ab gehts in die Dusche. Es gibt drei Duschen, doch wir nehmen aus einem unerfindlichen Grund immer dieselbe. Jürgen zuerst, dann ich. Das tut gut, aber trödeln gibts nicht, denn der ganze Schaum muss aus den Haaren, bevor das heiße Wasser für den Dollar durch ist. Noch schnell Tee in der Gemeinschaftsküche gebraut, zurück zum Boot, eine Jause auf den Tisch und gemütlich machen. Gemütlich - so gut es eben geht mit verspannten Kreuz und schweren Schultern. Dann noch einen anspruchslosen Film am Laptop, Piraten der Karibik, Star Wars, oder sonst was sinnloses. Hauptsache entspannen. Morgen gehts weiter.


Jeden Tag derselbe Rhythmus, die gleichen Schritte, die Wiederholung vom Vortag. Das Wetter der einzige Parameter, der den nächsten Tagesablauf bestimmt. Zwischendurch stehle ich mir ein paar Minuten, um die Wäsche zu waschen oder den Abwasch zu machen. Einmal die Woche gehts mit dem Radl zum Supermarkt.

Werftarbeiten

Klar, auch unterwegs haben wir eine Art Alltag. Wiederholen die Handgriffe und erledigen dieselben Arbeiten. Trotzdem staunen wir darüber, wie die Tage hier in der Werft verfliegen. Die Uhr tickt. Wir haben große Pläne und ein enges Zeitfenster. Für die kommenden Abenteuer muss LA BELLE in besten Zustand sein. Wir müssen dranbleiben, um alle unsere Arbeiten zu schaffen. LA BELLE EPOQUE hat immer gut auf uns acht gegeben, nun ist es eben wieder einmal Zeit, dass wir uns um sie kümmern.


Kein Problem, es sieht gut aus. LA BELLE EPOQUE steht seit über zwei Wochen an Land und unsere Projekte gehen voran. Am Bug glänzt die neue Ankerwinde. Jürgen hat das alte Ankerrohr aus dem Bug geschnitten, die Änderungen für die neue Ankerwinde geschweißt und die Vorbereitungen für die neue Ankeraufnahme getroffen. Drei neue Klampen geschweißt und etliche Aufnahmen für diverse Schoten montiert. Kleinen Roststellen auf Deck sind behoben und die undichte Luke auf Backbord neu verklebt.

Schweißen auf Deck

Auch am Rumpf gehen die Arbeiten dahin. Ich habe mich entschieden, allen Schweißnähten entlang neuen Lack aufzubauen. Ich finde zwar keinen Rost, aber Stellen, an denen der alte Lack aufgestoßen war. Kein Wunder, haben wir doch das letzte Jahr in den Tropen den Bewuchs am Unterwasserschiff immer wieder mit der Spachtel abgekratzt. Auch finde ich etliche Blasen im Lack entlang der Wasserlinie. "Deshalb empfehlen wir heute keinen Zinkanstrich mehr. Das war vor ein paar Jahren noch anders". Erklärt mir ein Lackverkäufer. "Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass der Zink zu sehr zu Arbeiten anfängt, wenn Feuchtigkeit bis zu diesem Anstrich durchdringt. Dann heben sich die Lackschichten darüber, Blasen im Lack entstehen. Und Feuchtigkeit dringt früher oder später durch. Das kann man eigentlich nur mit möglichst dicke Lackschichten verzögern. Heute empfehlen wir nur noch Epoxydlacke unterm Antifouling."


Genau. Unser Zinkanstrich am Rumpf hat gearbeitet. Die Blasen im Lack sind hauptsächlich an jenen Stellen, an denen wir Kratzer und Beschädigungen im Lack haben. Daran sind wir natürlich selber schuld, haben wir doch LA BELLE schonungslos durchs Eis des Nordens getrieben. Aber trotz Blasen schützte uns das Zink: Ich finde keinen Rost unter dem schadhaften Lack (oder sonst wo am Rumpf).


Immer wieder bremst Regen unsere Arbeit draußen. Es ist Frühlingsbeginn in Neuseeland. Whangarei trägt nicht umsonst den Spitznamen "Raingarei". Aber es gibt auch im Bootsinneren einiges zu tun. Jürgen schweißt einen neuen Auspuff, ich kümmere mich ums Holz. Schleife Pantry und Boden ab. Ein paar Roststellen in der hinteren Bilge gibts auch zu bearbeiten. Bald schon wird´s eng, an Bord noch irgendwie vernünftig zu Leben. Aber alles geht, wenn man nur will.
LA BELLE EPOQUE ist nicht die Einzige, auf der gearbeitet wird. Viele Yachten hier sind weit angereist, andere sind aus der Gegend - und alle haben ihre kleinen oder großen Problemchen. Ersaunlich, wie egal es scheint, aus welchen Material die Yachten bestehen, welches Design sie haben oder wie alt sie sind. Osmosebehandlungen, verottete Planken, rostige Bleche, weiche Sandwichdecks, abgesprungene Lakierungen auf Aludecks. Kaputte Ruder, ausgebaute Wellen, unwahrscheinlich viele Yachten mit Lackarbeiten. Reparaturen an den Unterwasserschiffen, Motorüberholungen. Ein Schweizer wartet auf einen neuen Mast für seinen Kat, nachdem der alte am Weg von Fiji nach Neuseeland über Bord gegangen ist. Ein paar Yachten liegen zum Verkauf, andere warten, dass der Sommer kommt. Wie in vielen anderen Yachtwerften auch gibts aber auch jene Yachten, die hier bleiben. Auf ihnen wird ganz einfach gelebt und kleine Topfgärten sind um diese Yachten gewachsen. Mir wird es vermutlich immer ein Rätzel bleiben, weshalb diese Eigner das Leben am Trockendock dem Leben am Wasser vorziehen. Kann ich mir doch ein Leben mit Antifoulingstaub und Campingklo nicht recht vorstellen. Iin manchen Fällen sind wohl auch die Träume trockengefallen.

Morgen nach dem Regen


Während ich am Rumpf schleife habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich sinniere über die verschiedenen Yachten, ihre Ausstattung und ihre Routen. Manche meiner Gedanken drehen sich um Fragen, die wir öfter mal gefragt werden. Über die Wahl der Blauwasseryacht, die Kosten der Reise und über die Schwierigkeit, solche Fragen zu beantworten. Dazwischen denke ich über Lackaufbau und Reperaturarbeiten nach. Über Verbesserungen und wie ich welche Arbeit machen sollte. Dann mischen sich wieder philosophischere Gedanken dazwischen. Etwa um die Unterschiede im Lebenstiel, den wir leben und den wir zuhause an Land leben würden. Über die Wege im Leben, die wir bewusst oder unbewusst gewählt haben und wohin sie uns geführt haben. Über die Möglichkeiten, die sich durch die Wahl unseres Lebenswegs eröffnen und schließen. Über die Leistungen die wir bringen müssen, um unsere Wahl auch zu leben und jene Leistungen, die wir uns ersparen.


Ich bin froh, das mich mein Lebensweg bis hier her geführt hat. Froh, eine Wahl nach der anderen in diese Richtung getroffen zu haben, auch wenn mir im Moment die Staubmaske an der Nase drückt. Ich bin überzeugt, dass es mir schwieriger wäre, im Alltag zuhause gleichermaßen meine Kreativität zu leben und meinen Geist zu fordern. Aber ich weiß auch, dass es mir nicht leicht fallen wird, mich irgendwann wieder in ein Leben an Land einzugliedern. Mit jedem Schritt in mein freies Leben, mit jedem Abenteuer auf den Weltmeeren und mit jeder Erfahrung an Eigenverantwortung wird der Alltag der Zivilisation ein Stückchen unverständlicher.


Gerade die letzten Monate im Westen haben mir erneut einige Rätzel aufgegeben. Warum wird die Welt immer schneller, wenn so viele Menschen über den Stress stöhnen. In die Arbeit zu laufen, um sich Dinge leisten zu können, die Zeit einsparen, damit man in die Arbeit laufen kann. Ehrlich, wer glaubt denn noch an dieses Hamsterrad? Wie hält man einen lebenslänglichen Arbeitsalltag durch?


Warum sind Menschen freiwillig gesetzestreu, auch wenn ein Gesetz keinerlei Sinn ergibt? Oder warum fühlen sich so viele Menschen stolz auf eine Flagge, wo doch im Namen von Flaggen Militärs ihre Berechtigung ausdrücken und unseren Planeten verpesten.


Wie hat es unser Zeitalter nur geschafft, uns mit immer mehr billigen Immitaten zufrieden zu stellen. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass wir künstliche Aromen als Erdbeere, Kirsche oder Banane identifizieren, während wir beinahe vergessen, wie wild gewachsene Früchte schmecken. Oder dass Socken aus Erdöl "funktioneller" als die gewöhnlichen Dinger aus Baumwolle sein können? Nicht, dass ich nicht weiß, dass der Fortschritt auch viele hochwertige Produkte entwickelt hat. Ich selbst würde ja unsere Segel aus Kunstfaser nicht gegen alte Baumwolllappen tauschen wollen. Aber deshalb sind nicht gleich alle Mittel heilig.


Und wieso haben viele Menschen ein so unglaublich hohes Sicherheitsbedürfnis, dass sie dafür sogar ihre Freiheit opfern?


Meine Gedanken fliegen dahin, kommen und gehen und fangen sich in meinen Kopf wie der Schleifstaub in den ums Boot gespannten Netzen. Doch was ist schon die Wahrheit! Am Schluss ist unsere Realität wohl einfach nur jener Lebensweg, den wir uns selbst auferlegt haben. Und so bleibt meine Realität für die nächste Zeit genau hier in der Werft. Zumindest bis zu dem Tag, an dem ich die Sicherheiten des Landes unter mir wieder freiwillig aufgebe um meinen Weg über den südlichen Ozean zu suchen.

Werftzeit

Werftzeit. Wir haben sie lange hinausgezögert, aber nun liegt sie vor uns!

Ankern vor der Werft

Eine Woche vor unserem Krantermin sind wir schon vor Ort und ankern vor der Werft.

Schlitten

Krantermin? Stimmt nicht ganz. Wir gehen wieder einmal per Schlitten aus dem Wasser.

Schlitten zum Schiffsheben

"unser" Schlitten geht ins Wasser

Lader

Einfallsreiche Kiwis! "Betrieben wird der Schlitten einfach mit einem alten Lader.

Aus dem Wasser

Die Rampe hoch!

erste Inspektion

Erste Inspektion. Sieht ja garnicht so schlecht aus und wir entdecken keine bösen Überraschungen.

Am Trockenen

Zieh!

Hochdruckwaschen

Erste Vorbereitung. David wäscht unser Unterwasserschiff per Hochdruckreiniger.

Vorher nachher

Na ja, recht viel länger währ wohl kaum noch gegangen. Viel Antifouling-Farbe ist da nicht mehr.

An die Arbeit

An die Arbeit:

abgebaute Winde

Zerlegen...

Wantenspanner

...abbauen...

selbst gebaute Klampe

...bauen...

Aufnahme für Sturmanker

...anschweißen....

Klampen für Bullenstander und Spibaum

...und noch mehr anschweißen...

geschliffener Rumpf

...abschleifen...

Schrott

...rausschmeißen...

trockener Auspuff

...neu machen...

Auspuffanlage

...einbauen...

neu gestrichener Schiffsboden

...neu streichen...

Pantry

...und danach eindichten...

Aufnahmen für Schotrollen

...verbessern...

neue Niedergangsluke

...fertigstellen!

Arbeitsschuhe

Und schon sehen die neuen Arbeitsschuhe so aus!

Yachtschraube

Geschliffen

La Belle Epoque ist fertig zum Lackieren!

 

 

 

 

 

 

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