Segeln in Feuerland
  
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Im südlichsten Dorf der Welt

Puerto Williams

Schneeflocken tanzen vom Himmel, während LA BELLE EPOQUE unter Fock alleine durch den Beagle Kanal zieht. Weiße Berghänge strecken sich an den Ufern in die Höhe, stehen im starren Kontrast zu den schnell dahinziehenden, kontrastreichen Wolken. Das Schneegestöber hat uns nur mit seinem Randgebiet gestreift, nordöstlich von uns ist die Sonne durch die Wolkendecke gebrochen. Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens strahlt einladend im hellen Sonnenlicht.

Vorerst aber werden wir an Ushuaia vorüberziehen. Wir sind immer noch in Chile einklariert und können nicht einfach die Uferseite nach Argentinien wechseln. Unser letztes Ziel in Chile muss Puerto Williams sein. Ein Dorf, dass sich am Südufer des Beagle Kanals befindet, keine dreißig Seemeilen weiter im Osten. Es ist bereits später Nachmittag, heute können wir auch Puerto Williams nicht mehr erreichen. Ich greife zum Funkgerät und rufe die nächste Armada Station. Die Chilenen wollen über jede Bewegung der Schifffahrt in ihren Kanälen informiert sein und wir sind verpflichtet, täglich unsere Position sowie den nächsten Zielhafen bekannt zu geben. Desto weiter wir in den Süden gekommen sind, desto wichtiger scheint es den Chilenen, die Vorschriften einzuhalten. Kein Wunder, ist doch Puerto Williams selbst ein Dorf der Armada.

Wieder wird unsere Geduld gefordert. Eingeweht in Starkwindböen liegen wir in der einsamen Bucht von Caleta Lewaia, unweit der nächsten Armada Station. Nur ein paar Seevögel und Gänse teilen sich die Bucht mit uns, picken Tag für Tag an den seichten Ufern im Schlamm und beobachten uns ohne großem Interesse. Zwei Landleinen helfen dem Anker, LA BELLE EPOQUE auch während der Böen strickt auf ihrem Platz zu halten. Böen, die über die kahlen Hügel jagen. So einsam wie heute war Lewaia nicht immer, nur ein paar umgefallene und verrottete Pfähle am Ufer erinnern an die einstigen Versuche von christlichen Siedlern, diese Bucht zu übernehmen. Doch Lewaia war Land der Okoko, einer der vielen Stämme der heute ausgerotteten Urbevölkerung von Feuerland. Nicht einmal missionierte Okoko schafften es, hier in Lewaia Fuß zu fassen und ihre Stammesbrüder in das Leben und Denken der Christen zu drücken. Das Holzhaus der Siedler fiel bald dem Feuer zum Opfer und den Siedlern blieb nichts anderes übrig, als in der Mission von Ushuaia Schutz zu suchen.

Nach Tagen ändert sich das Wetter. Westwinde mit 15 bis 25 Knoten, weiße, leichte Ciren am Himmel und Sonnenstrahlen, die sich auf der dunklen Wasseroberfläche des Beagle Kanals reflektieren. Traumwetter im Süden von Feuerland. Wir stellen den Ofen aus, öffnen die Luken und hissen die Genoa zwei. Frisch und munter zieht LA BELLE EPOQUE über das glatte Wasser, vorbei an Ushuaia und den Leuchtfeuern des Kanals, mit Argentinien zu Backbord, Chile an Steuerbord. Im weiten Bogen segeln wir um die Untiefe vor Banco Herradura, drehen in den Wind und streichen schlussendlich die Segel - die letzte Seemeile in die Ankerbucht von Puerto Williams muss der Motor nachhelfen, denn mittlerweile ist der Wind eingeschlafen.

Der Yachtclub von Puerto Williams ist unter Südseglern berühmt. Nicht nur die Tatsache, dass es sich um den südlichsten Yachtclub der Welt handelt, ist besonders. Das wirklich besondere an dem Club ist die Steganlage selbst. Denn es ist die alte MICALVI, ein ausgedienter Frachter, der hier als Steganlage seine letzte Aufgabe dient. Das auf Grund gesetzte Schiff sieht gerade so viel aus dem Wasser, dass bei Springtide seine Decks teilweise mit Wasser bedeckt sind. Zu jeder anderen Zeit aber ist das Schiff die Plattform, die dem Club sein zuhause bietet. Die Aufbauten dienen als Clubgebäude, in denen sich die Segler zu wöchentlichen Potlucks treffen. Die Duschen sind in den alten Offizierskabinen untergebracht. Die Brücke ist noch vollständig erhalten und bietet einen schönen Ausblick über den Ankerplatz.

Yachtclub Micalvi

Die alte MICALVI ist nicht immer so still gelegen, ganz im Gegenteil, sie ist einen weiten Weg gekommen. Denn das 850 Tonnen Schiff wurde 1925 in Deutschland gebaut, wo es seinen Dienst als Rheinschiff leistete. Nur drei Jahre nachdem MICALVI, die dazumal unter den Namen BRAGI fuhr, zu Wasser gelassen wurde, erhielt sie einen besonderen Auftrag: sie musste Munition nach Chile transportieren, um damit das Kriegsschiff LATORRE zu versorgen. Eine Reise, die weder ungefährlich noch einfach für ein Flussschiff sein konnte. Doch sie meisterte auch diese Aufgabe mit Bravur. Nachdem die Chilenen die Transporträume der MICALVI entladen hatten, wurde nach Deutschland für die Kurs-Anweisung der Rückfahrt gefunkt. Doch die Chilenischen Behörden wurden überrascht: Die MICALVI war "Einweg" geschickt worden, es gab keine Rute, keinen Auftrag für ihre Rückfahrt. So wurde das neue Rheinschiff in den Dienst der chilenischen Armada gestellt. MICALVI wurde zum Segen für die Leuchtturmwärter, die wenigen Farmer, Holzfäller und kleinen Ansiedlungen von Feuerland, denen sie als Kargo-Schiff für viele Jahrzehnte als einzige Verbindung zur Aussenwelt diente.

Für LA BELLE EPQOUE ist allerdings kein Platz an der MICALVI. Um die fünfunzwanzig Yachten hängen bereits längsseits des alten Frachters. Der Flussarm, in dem die MICALVI liegt, ist kaum breit genug für so viele Yachten. Und wirklich, bei Ebbe sitzt ein Teil der Flotte auch im Schlamm. Mit unseren zwei Metern Tiefgang ist nicht einmal daran zu denken, uns auch noch in den Fluss zu zwängen, wir ankern vorm Bug der MICALVI, fahren unsere beiden Anker sorgfältig ein und bringen eine Trosse zum anderen Ufer aus. Der Platz ist limitiert, wir wollen hier nicht schwojen und auch bei Stakwind guten Halt wissen. Außerdem verhindert die Landleine, dass sich LA BELLE über ihre beiden Anker drehen kann und diese unklar kommen. Dann lassen wir das Dingi zu Wasser und rudern zur MICALVI.

Wie überall in Chile ist der Empfang freundlich und ehrlich. Francisco kümmert sich um den Yachtclub und versorgt die Segler mit allen möglichen Servicen: von Dieseltransport bis zum Wäschewaschen. An Land melden wir uns bei den Behörden und werden auch von ihnen in Puerto Williams willkommen geheißen. Das Dorf selbst besteht aus weißen Holzgebäuden der Armada und einigen Wohnhäusern. Alles hier ist in Arbeit: das Dorf wird sicherlich in wenigen Jahren kaum noch zu erkennen sein. Zur Zeit werden die Schotterstraßen betoniert und die Hafenanlagen erneuert und an der Hafenstraße werden geologische Ausgrabungen gemacht. Neue Holzterrassen laden ein, den Ausblick über den Beagle Kanal zu genießen, daneben weiden ein paar freilaufende Pferde am Straßenrand. Die wenigen Autofahrer sind daran gewöhnt, dass Pferde und Hunde frei herum spazieren, die unzähligen Löcher in den Schotterstraßen erlauben ohnehin keine schnelle Fahrt.

Im Yachtclub treffen wir nur wenige Segler. Die meisten Yachten liegen verlassen, es ist Winter in Feuerland, viele Fahrtensegler sind auf Heimaturlaub und die Chartersaison hat noch nicht begonnen. Dennoch erleben wir interessante Begegnungen: Da sind Mark und Caroline mit ihrem Boot JONATHAN - ein typisch holländisches Schiff: hochseegängig, bis ins Detail durchdacht, schön und traumhaft gepflegt. JONATHAN hat ein Jahr vor LA BELLE die Nordwest Passage gemeistert. Dann sind da David und Margaret aus Kanada, die ihre Pension auf den Weltmeeren verbringen. Auch eine zweite kanadische Yacht bereitet sich auf die Weiterfahrt, die Fahrt von Patagonien nach Britisch Kolumbien wird die letzte Etappe ihrer Weltumsegelung. Die Belgier Sofie und Frank sprühen vor Lebensfreude, sie haben mit der Fahrt von Europa bis Chile das Fahrtensegeln als ihren Lebensstiel entdeckt. Speziell für Sofie ist die Reise zu einem neuen Lebensweg geworden. Nach dem langen Kampf mit Krebs ist ihr klar geworden, wie wichtig es ihr ist, das Leben so intensiv als möglich zu genießen. Die Crew der POLARWIND ist so wie wir gerade heute angekommen. Allerdings mit dem Flugzeug aus Deutschland. Die junge Familie will die kommenden Jahre auf ihrer bewährten Stahlyacht verbringen. Auch aus England und Frankreich bereiten sich die Crews auf die Weiterfahrt.

Segelyacht Jonathan

Caroline und Mark überprüfen das Rigg ihrer JONATHAN

Bei uns an Bord von LA BELLE EPOQUE wird es Zeit, sich langsam auf die kommenden Etappen vorzubereiten. Wir haben noch einige Monate Zeit, doch schadet es nicht, mit den Vorbereitungen für diese Etappe bald zu beginnen. So schlagen wir die Segel ab und kontrollieren sie auf Schadstellen. Die Genua zwei benötigt einige Reparaturen und am Groß müssen einige neue Streifen Schamfilschutz aufgeklebt werden. Wir schlagen die Sturmsegel an, kontrollieren erneut die Holepunkte und üben erneut die einzelnen Arbeitsschritte für Sturm, um uns auf den Extremfall gut vorzubreiten. Der Motor bekommt ein Service und Jürgen überprüft und fettet den Antrieb, während ich mich in die Backskiste verkrieche um die Steuerseile und die Ruderlager schmieren. Aber diesesmal benötigt LA BELLE nicht besonders viel Arbeit, sie befindet sich in top Zustand und wartet nur darauf, ihren Bug endlich wieder in die raue See der Hohen Breiten recken zu können.

Einiges an Vorbereitungen unsererseits ist deshalb weniger mit der Yacht, sondern mit der Etappe verbunden. Wir gehen die Seekarten durch, updaten die Computerprogramme und stellen sicher, dass auch alle Backups an Bord funktionieren. Einen Tag verbringe ich beim email-Kontakt mit Canadasatellite. Auch hier im Süden kann ich mich auf die Hilfe der Kanadier verlassen, um SIM-Karte und Guthaben in dieser entlegenen Ecke der Welt rechtzeitig zu erhalten. Doch was schreibe ich über den Anbieter - die wahre Hilfe haben unsere Leser geleistet! Euch ist es zu verdanken, dass wir auf dieser schweren Etappe vor uns, auf den Weg in die Antarktis und weiter durch den Südatlantik mit Wetterdaten über Satellitenempfang rechnen können. Über das letzte Jahr sind genug Spenden in unserer Kaffeekasse eingetroffen, sodass wir uns nun mit diesem Geld einige Monate Satellitentelefon leisten können. Nicht nur, dass ich mich besonders über diese Anerkennung meiner Homepage und unserer Geschichte freue, nun verdanken wir euch, auf unserem Weg in die Antarktis zuverlässig und täglich die Wetterbericht an Bord empfangen zu können, selbst wenn der treue Funk einmal nicht funktionieren sollte. Es ist eine Unterstützung, die wesentlich am Gelingen der kommenden Reise beitragen wird und so feuen wir uns, in diesem Reisebericht einmal ein herzliches Dankeschön an alle unsere Leser zu senden!

 

 

Sturmsegel

Wir überprüfen die Sturmfock und die Orkanfock von LA BELLE EPOQUE

Trysegel

Auch das Trysegel wird gehisst. Wir fahren das Trysegel am Baum.

Segelarbeiten

Arbeiten an den Segeln, LA BELLE EPOQUE wird auf ihre Weiterreise vorbereitet.

Wanderung in Puerto Williams

Zwischendurch wandern wir über die Berge von Feuerland.

Puerto Williams

...und betrachten Puerto Williams von oben. LA BELLE wartet gut verankert im Fluss.

Beagle Kanal

Ausblick auf den Beagle Kanal

Puerto Williams

Ein verlassenes Haus bei Puerto Williams

 

 

 

 

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