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Careful what you wish for!

Caleta Brecknock

Ich halte mich an der Reling fest, um nicht von den wutentbrannten Williwaws von Bord geblasen zu werden. Die Gischt fliegt über die Felsen neben LA BELLE EPOQUE, kommt waagrecht auf mich zu und hinterlässt ihren salzigen Geschmack auf meinen Lippen. Wir haben uns hinter diesen kleinen Felsvorsprung verholt, das Heck so weit als nur irgend möglich in die winzige Bucht gezogen, um etwas in den Windschatten des Waldes zu gelangen. LA BELLE versucht, auf die Seite auszubrechen, doch die drei Landleinen zu Backbord spannen wie Gitarrenseiten. Vom Bug kommt das Knarren der Ankerkette, auch sie ist auf Spannung, der Anker hat sich tief in den Schlamm festgegraben. Der Wind singt im Rigg, LA BELLE EPOQUE lehnt sich zur Seite, versucht, den Druck aus dem Rigg zu schütteln.

Es ist zwei Uhr morgens, aber die Nacht ist vom wolkenverhangenen Vollmond beleuchtet. Meine Augen haben sich längst auf sein kaltes Licht eingestellt und ich kann die ganze Bucht bis zum Gletscher überblicken. Das habe ich also jetzt davon. Anstelle wie jeder halbwegs vernünftige Mensch die Nacht zu meinem Vierziger in Ruhe zu schlafen, zerre ich zwischen den Böen an den Landleinen herum, bis mein Kreuz um Erbarmen schreit. Im Versuch, das Heck noch einige Zentimeter weiter in die schützende Minibucht zu ziehen und die Trossen exakt in der selben Länge zu stecken, damit sie sich die Last teilen. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen. Oder so ähnlich geht doch das alte Sprichwort…

Das Heulen des Windes ist unser steter Begleiter geworden. Kaum noch schlafen wir eine Nacht durch, ohne vom Lärm des Windes geweckt zu werden oder dem Ächzen der Trossen beim Einschlafen zuzuhören. Kaum noch strecken wir den Bug aus einer Ankerbucht, ohne bereits einige Reffs in die Segel eingebunden zu haben. Obwohl wir immer wieder tagelang zum Nichtstun verbannt sind, gibt es keine Entspannung. Unter Starkwind in eine winzige Caleta, eine mit Felsen umgebene Ankerbucht zu laufen kostet Nerven. Vor allem, wenn man nur die Skizzen eines Küstenhandbuches zur Verfügung hat. Chilenische Seekarten sind selten detailliert genug, um die Untiefen in den Buchten zu zeigen. Nachts liege ich über Stunden angespannt in der Koje, lausche den Geräuschen draußen, während die Williwaws mit Sturmstärke auf uns einschlagen. Ein Leben an gespannten Landleinen. Wenn eine Landleine bricht, oder der Anker geht, nicht auszudenken. In Sekunden würde LA BELLE EPOQUE mitten im Nirgendwo stranden. Natürlich tun wir alles, um dies zu vermeiden. Akribisch suchen wir die besten Caletas als Ankerbuchten aus. Mit Motorkraft versichern wir uns, dass die gewählten Bäume, an denen die Landleinen befestigt werden, auch stark genug sind, um nicht von LA BELLE entwurzelt zu werden. Im Zweifelsfall stecken wir doppelte Trossen.

Unvorstellbar, wie es die alten Segelschiffe bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts geschafft haben, diese Küste zu jeder Jahreszeit zu befahren. Jeder Segler kennt den Mythos um Kap Horn, die Geschichten der Seefahrt rund Südamerika. Und die Rundung von Kap Horn selbst ist nur ein Teil dieser Reise der alten Segelschiffe. Die Küste Patagoniens streckt sich weit in den Süden und der Weg aus den harten Seerevier der brüllenden Vierziger und schreienden Fünfziger ist weit. Es ist kaum möglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie hart diese Reisen in den Pazifik gewesen sein mussten. Wir haben fundierte Wetterberichte, Seekarten der Kanäle, Küstenhandbücher. Genug Information, um dieses Revier langsam und vorsichtig zu erkunden. Wir verbringen die Nächte in winzigen Caletas, segeln tagsüber in den Kanälen, wo uns die furiose See des Südmeers nichts anhaben kann. Wir wissen vorab, wenn der nächste Sturm die Küste überfällt und steife Winde die Hänge herunterjagen. Desto länger wir in Patagoniens Gewässer verweilen, desto unvorstellbarer werden die Leistungen der alten Seefahrer.

Mit Puerto Natales haben wir auch das schönere Wetter hinter uns gelassen. Die Magellan Strasse zeigte sich ausschließlich unter tiefhängenden Wolken und steife Winde. Aber zumindest die Richtung stimmt, unter dreifach gerefften Segel jagte LA BELLE in den Süden. Um nichts in der Welt möchten wir hier um diese Jahreszeit von Süd nach Nord fahren, mit den wenigen Yachten tauschen, die genau das machen. Einem einzigen Segelboot begegneten wir - die jungen Österreicher an Bord ihrer GALADRIEL haben Jahre hier im Süden verbracht. Auch einige Fahrten zur antarktischen Halbinsel liegen hinter ihnen, wenn auch nicht im eigenen Boot. Schade, dass wir uns auf Gegenkurs befinden. Mit Beate und Daniel hätten wir gerne mehr Zeit verbracht. Der einzige Abend, den LA BELLE und GALADIREL längsseits aneinander in einer Ankerbucht verbrachten, reichte kaum für die vielen Geschichten aus. Aber wir werden uns irgendwann wieder sehen, und wenn nicht auf See, dann eben zuhause. Wir ziehen den Hut vor Beate und Daniel, wie flott die beiden ihren weiteren Weg in den Norden schaffen.

Nach der Magellan Strasse trieb uns Starkwind um die Brecknock Halbinsel. Schneestürme jagten einander und gaben der wilden, felsigen Küste ein kaltes Gesicht. Ich kenne den Grund für den klingenden Namen dieser Inselgruppe: Feuerland. Und doch scheinen wir hier nirgends weiter entfernt gelandet zu sein als in einem Land des Feuers. Brecknock ist kalt, starr - aber auch gerade deshalb majestetisch, kraftvoll, beeindruckend.

Nun liegt auch dieses Seerevier hinter uns. Und der nächste klingende Sund ist erreicht: der Beagle Kanal. In saisonbedingter Einsamkeit erleben wir die bekanntesten Ankerbuchten Feuerlands. Sowohl die jährlich durchziehenden Fahrtensegler wie auch die Charteryachten fehlen zu dieser Jahreszeit. Wir würden uns zwar über die eine oder andere Begegnung freuen, aber die schönsten Plätze für uns zu haben ist auch nicht schlecht. Caleta Beaulieu, wo wir die sturmgepeitschte Nacht vor meinem Geburtstag bangen, zählt zu recht zu diesen schönsten Plätzen.

Am Schluss gibts doch noch ein richtiges Geschenk: Nach der stürmischen Nacht wechselt das Wetter schlagartig. Die Überraschung ist gelungen, selbst die Vorhersagen haben diesen Wetterwechsel nicht verraten. Noch in den Morgenstunden schläft der Wind ein, beim Frühstück klart der Himmel auf. Die Gletscherzungen der Cordillera Darwin strahlen im kalten Blau, frühlingshaft warm brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und weckt die Lebensgeister. Zeit für ausgedehnte Ausflüge.

Ausflug am Gletscher

Mit dem Dingi gehts zu den beiden Gletscherzungen des Ventisquero Romanche. Eine Gletscherzunge hat einen weiten Sandstrand in den Fjord geschoben. Der stürmische Wind der letzten Nacht hat Muster aus Sand um jeden herumliegenden Granitbrocken gezeichnet. An den Felswenden des Fjords halten sich dunkelgrüne Wälder, dazwischen schießen Wasserfälle von den Granithängen. Der Gletscher grummelt und bebt gelegentlich, kalbt kleine Growler in den Meeresarm. Großartiges, kaltes Feuerland. Gut, doch nicht ganz so vorsichtig mit den Wünschen zu sein!

 

 

 

Caleta Brecknock

vor Anker in der Caleta Brecknock

Unterm Sternenhimmel von Chile

Nachts reißt der Himmel zwischendurch auf.

Ankern beim Gletscher

In Seno Pia ankern wir vor dem Gletscher

Fjorde in Feuerland

Ausblick auf die Darwin Kordileren und dem Gletscher Romanche

Biberdamm in Feuerland

Die vielen Biberdämme machen das Wandern in Feuerland nicht einfacher. Viele Gebiete sind geflutet.

 

 

 

 

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