Segeln in Patagonien
  
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 Ultima Esperanza

Winter in der Pampa

So geht das nicht! LA BELLE EPOQUE zerrt und reißt an ihrem Ankergeschirr. Letzte Nacht hat der Wind gedreht. Laut Küstenhandbuch sollten wir hier sehr gut gegen Südwestwind geschützt sein. Nun steht aber der Wind direkt in die Bucht, treibt die Windsee über den Fjord und lässt das verankerte Boot in ihren Wellen tanzen.

Nicht, dass das Handbuch falsche Informationen liefert - theoretisch sollte der Ankerplatz von Caleta Fog genügend Landschutz bei Südwestwinden bieten. Allerdings ist der Wind in den Fjorden launisch, er ändert seine Richtung mit den Bergen, den Tälern, den Fjorden. Und selbst wenn vor der Küste die Windprognosen den Nagel auf den Kopf treffen, so ist in der Welt der Fjorde alles anders. Vor allem, wenn man sich auf der "anderen" Seite der Anden befindet! Natürlich hat der gemeldete Südwestwind längst auf Süd gedreht, gut, dass wir uns nicht mit Landleinen dicht ans Ufer verholt haben, so konnten wir noch während der Nacht ankerauf gehen um mehr Abstand zu den Brechern am Ufer zu bekommen. Die tiefen Wolken haben der Nacht ihr Sternenlicht genommen, anstelle bei tiefschwarzer Nacht in den schlecht kartografierten Fjord zu fahren, haben wir uns etwas weiter vom Ufer neu verankert und zusätzlich an die fette Trosse einer einsamen Boje verholt.

Natürlich hat sich bis in die Morgenstunden die Ankerkette mit der Bojentrosse verwickelt, aber im Moment ist dass das kleinere Übel. Wir betrachten die Wetterprognosen der nächsten Tage. Vor uns liegen die Seekarten und das Küstenhandbuch. Der Herbst will das Feld nicht räumen, hält sich mit all seiner stürmischen Wut gegen den Winterbeginn. Das Wetter wird sich auch die kommenden Tage nicht beruhigen. Ganz im Gegenteil. Die Wettervorhersagen zeigen Sturm mit neun bis zehn Beaufort in zwei Tagen, dahinter das nächste System mit acht bis neun.

Eigentlich sind wir auf den Weg nach Puerto Natales. Jenem Dorf, dass sich an der Ostflanke der Anden niedergelassen hat. Dort, wo die bewaldeten Felsen der Anden in rollendes Grasland übergeht, wo die Berge einen Wall gegen das nasse Pazifikwetter gebildet haben und steife Winde über das trockene Prärieland schicken. Ein Dorf, dessen Väter Rancher und Schaffarmer waren. Menschen, die sich in der Prärie angesiedelt haben, um in Estanzias zu leben und als stolze Gauchos ihre Tierherden über die grasbedeckten Hügel zu treiben.

Sie waren keine Seeleute. Und auch wenn die Fjorde voller Leben waren, waren sie nicht als Fischer hier her gekommen. Das Land war die Grundlage ihrer Heimatwahl, nicht die See. So verwundert es uns nicht, dass Puerto Natales ein Port ist, dem ein geschützter Hafen fehlt. Eine Hafenstadt ohne richtigen Hafen. Das Dorf streckt sich entlang der seichten Ufer des Canal Señoret, der von Wind gepeitscht wird und zu beider Seiten keine einzige geschützte Ankerbucht aufweist. Keine Gegend, in der ein Segelboot einen Sturm mit Stärke neun oder zehn in Angriff nehmen sollte.

Knappe zehn Meilen nördlich von Puerto Natales liegt der einzige Ankerplatz der Stadt. Doch zeigt Estéro Eberhardt Wassertiefen um die zwei Meter. Auch warnten uns erfahrene Patagioniensegler vom schlechten Ankergrund. Der Ankerplatz könnte uns im Sturm durchaus zur Falle werden. Mit zwei Meter Tiefgang können wir bei Seegang unmöglich aus der Bucht fliehen. Und was bringt es uns schon, dort zu sitzen? Puerto Natales ist über Land um die zwanzig Kilometer entfernt und um diese Jahreszeit gibt es kaum Verkehr, der uns auf den Weg in die Stadt mitnehmen könnte.

Nein, wir wollen keine extra Risiken eingehen. Besser, einen kleinen Rückzug zu machen und auf besseres Wetter zu warten, um Puerto Natales besuchen zu können. Sobald der Wind etwas nachlässt entwirren wir die Boje von der Ankertrosse und heben den Anker an Deck. Segeln - oder besser gesagt laufen unter Motor - zurück in jenen Kanal, aus dem wir hier her gekommen sind. Kanal Kirke. Dort wartet eine besonders gute Ankerbucht auf uns, in der wir LA BELLE EPOQUE nicht nur vor Anker legen können, sondern mit Landleinen zu allen Himmelsrichtungen verzurren können. Das ist zwar einiges an Arbeit, aber noch am selben Abend geschafft: Wie in Abrahams Schoß liegt LA BELLE mit vier Landleinen in der winzigen Bucht von Caleta Desaparecidos. Wir sind bereit, jeden Sturm, wie stark auch immer, abzuwettern.

guter Schutz in den kleinen Caletas Patagoniens

Lustig nur, dass uns hier der Sturm niemals erreichen wird. Die kommenden Tage öffnet der Himmel seine Schleusen. Es regnet, dass unsere Trinkwassertanks überquellen. Doch Wind?! Wind erreicht uns hier keiner. Der kurze Kanal Kirke liegt so friedlich eingebettet zwischen den hohen Berge der "Cordillera de los Andes", am Rande der Gletscher und Eisfelder von Patagoniens großer Eiskappe, dass kein Windhauch den schmalen Fjord erreichen kann. Wir hätten keinen besseren Platz für LA BELLE EPOQUE finden können, nirgends eine ruhigere Zeit bei Lesen und Schreiben an Bord erleben können.

Zwei Wochen später ist der Spuck vorbei. Aus dem Regen ist Schnee geworden, anstelle der durchziehenden Tiefdruckgebiete hängen windfaule Hochdruckgebiete über Puerto Natales. Die Wettervorhersagen zeigen für die kommende Woche keinen Windhauch über der Präriestadt, wir werden ohne Sorge an ihrem Ufer ankern können. Es dauert ein bisschen, bis wir LA BELLE EPOQUE aus ihrem Spinnennetz gelöst haben, bevor wir nach Puerto Natales laufen.

Über Puerto Natales liegt bereits der Winterschlaf. Die Stadt am Fuße des wichtigsten Nationalpark von Chile - dem Tores del Pine - ist über die letzten Jahre zu einem Touristenmekka geworden, doch nun zu Winterbeginn sind nur noch wenige Ausländer auf den Strassen Natales zu sehen. Auch bleibt LA BELLE EPOQUE die einzige Yacht vor Anker, während wir unsere üblichen Erledigungen machen: Einkauf von frischen Lebensmittel, Dieselpunkern, Wäschewaschen, Internet. Ein paar Fischer am alten, privaten Holzsteg wissen, dass die Küste zu flach ist, um das Dingi einfach landen zu können. Sie winken uns zu sich, laden uns ein, ihren Steg jederzeit zu nützen und zeigen uns, wie wir den Zaun zum Gelände öffnen können.

Ankern vor Puerto Natales

Unsere Touristenvisums werden in einem knappen Monat auslaufen. Puerto Natales liegt nahe an der Grenze und so planen wir einen Ausflug nach Argentinien, um neue Visums zu erhalten. Allerdings wagen wir es trotz ruhiger Wetterlage nicht, LA BELLE hier über mehrere Tage unbeaufsichtigt zu lassen. Die Idee, einen Abstecher zur Atlantikküste der Magellan Straße zu unternehmen, verwerfen wir. So mieten wir das Auto nur für einen Tag, packen die Fotoausrüstung, eine Termoskanne Tee und etwas Jause in den Rucksack ziehen über die schneeverwehten Straßen in den Osten.
Die Grenzstadt Rio Turbio macht den leicht trostlosen Eindruck von Bergbaudörfern. Im riesigen Abbauareal an ihrem Rande wird Kohle zu Tag gebracht. Wir lassen die Werke bald hinter uns.

Verschlafen, fast unberührt wirkt die argentinische Pampa zu dieser Jahreszeit. Ein dünner, weißer Schneemantel hat sich über die Hügel gezogen, nimmt dem Land seine Kontraste und versteckt die Seen unter einer Eisfläche. Wenige Estanzias unterbrechen das leere Land, Hufabdrücke ziehen sich entlang der Straße durch den Schnee. Eine einsame Schotterstrasse führt zum nächsten Grenzübergang, lässt uns zweifeln, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind.

Argentinien

Zurück in Natales beschließen wir, noch eine Weile auf dieser Seite der Anden zu bleiben. Der klingende Name des tiefen Fjords von Natales übt eine magische Anziehungskraft auf uns. Es ist der Seno Ultima Esperanza. Ein Sund, der in die südliche Bergwelt der patagonischen Eiskappe reicht. In ein Gebiet von hohen, mit Gletscher behangenen Bergen und unberührten Seen zwischen zwei Nationalparks. Dem touristisch wichtigsten Park von Tores del Pine, und dem größten und unberührtesten Park Chiles, dem Nationalpark Bernardo O´Higgins.

Noch bevor wir die Station der Ranger von Bernardo O´Higgins erreichen, plagt mich schlechtes Gewissen. Wir haben vergessen, etwas Bargeld in Puerto Natales abzuheben. Falls die Ranger einen Eintritt in den Nationalpark verrechnen, werden wir ihnen nur ein paar Euros anbieten können.

Wenige Seemeilen von der Rangerstation entfernt, kommt uns ein Boot entgegen. Die beiden Ranger lassen uns wissen, dass wir auf ihrem Steg festmachen können, sie werden erst am Abend zurückkommen, ihr Boot werden sie ohnehin an Land legen.

Ein schöner Wanderweg führt zu einer kleinen Gletscherzunge. Sie reicht nicht bis in den Fjord, ein hübscher See hat sich an ihrem Ende gebildet. Der See ist mittlerweile zugefroren, die vielen Eisstücke des Gletschers liegen starr in der Eisdecke des Sees. Nur hin und wieder grummelt und bebt der Gletscher. Dann bewegt sich die Eisdecke knirschend und krachend, neues Eis vom Gletscher macht sich geräuschvoll Platz im kleinen, von Nadelwald eingerahmten See.

Gletscherzunge von Bernardo O´Higgins Nationalpark

Ich hätte mir keine Sorgen wegen einer Bezahlung machen müssen. Die Ranger denken garnicht daran, uns zu verrechnen, viel mehr nehmen sie uns bei sich auf, als wären wir alte Freunde. Noch am selben Abend wird uns Kaffe und frisches Gebäck in ihrer gemütlichen Stube serviert, während wir gemeinsam die Pläne für morgen schmieden. Obwohl unser Spanisch immer noch katastrophal schlecht ist, bricht die Unterhaltung nicht ab. Wir erfahren, dass die Ranger kaum eine Yacht hier sehen, maximal ein oder zwei Yachten kommen im Jahr bei ihnen vorbei.

Am nächsten Morgen packen wir uns in unsere Winterkleidung: mehrere Lagen Socken und lange Unterwäsche unter isolierten Gummistiefel und wasserdichten Winteroveralls, dazu unsere wärmsten Mützen und Handschuhe. Im schnellen Außenborderboot der Rangerstation gehts einige Seemeilen in einen nahen Fjordarm, vorbei an einer schönen Gletscherzunge und unzähligen Wasserfällen. Unser Ziel ist eine seichte Bucht, ruhiges, glasklares Wasser an der Mündung eines kleinen Baches, umgeben von unberührten Gehölz.

Noch bevor wir das Flussufer erreichen, stellen wir den Außenborder ab, montieren die langen Ruder und pirschen uns leise näher. Rodrigues springt über Bord, schnappt das Ende des Fischernetzes und bindet es am Ufer fest. Langsam bringen wir das Netz aus, bis wir fast die ganze Bucht abgesperrt haben.

Fischen in Seno Ultima Esperanza

Nun ists vorbei mit Ruhe! Rodrigues, der eine wasserdichte Anglerhose trägt, schnappt sich einen langen Stock und springt erneut ins hüfttiefe Wasser. Auch Jürgen ist mit einem langen Ast bewaffnet, wie verrückt peitschen die beiden mit ihren Stöcken aufs Wasser, wir schreien und treiben. Alfons paddelt uns während dessen immer näher ans Netz ran. Eine Unterwassertreibjagd, im glasklaren Wasser kann ich sehen, wie die Fische vor uns fliehen, sich im Kiemennetz verfangen. Unser gemeinsamer Fischerausflug ist unglaublich erfolgreich: Über fünfzig schöne Fische sind ins Netz gegangen, zwei davon sind grosse Lachse.

Am Abend werden wir zum patagonischen Festessen eingeladen. Frischer Wildlachs aus dem Ofen mit Kartoffel und mehreren Sorten Salat, dazu chilenischer Wein. Zum Nachtisch gibts österreichisches Germteiggebäck.

Nationalpark Bernardo O´Higgins bleibt ein Highlight unserer Patagonienreise. Unter klaren Sternenhimmel unternehmen wir eine Nachtwanderung zur Gletscherzunge. Mit LA BELLE EPOQUE exploren wir die Ankerplätze von Puerto Bellavista. Per Dingi laufen wir in einen Fluss ein und erreichen Lago Azul. Einen Gebirgssee von bezaubernder Schönheit und umwerfender Unberührtheit. Seine meilenweiten Strände verlocken zu langen Wanderungen. Egal, wie weit abseits uns unsere Reise von menschlicher Zivilisation bisher gebracht hat, eine Besonderheit ist kaum noch an einer Küste zu finden: Das absolute Fehlen von menschlichen Müll! Kein buntes Plastik, kein Stück altes Netz, keine Kappe eines Ölkanisters verunstaltet den roten Uferschotter des Sees. Nichts. Nicht einmal in Grönland, in Alaska oder auf einsamen Inseln in der Südsee haben wir diese unberührte Natur erleben können!

Nach Tagen im traumhaften Seno Ultima Esperanza gehts zurück nach Natales. Unser Zarpe - die Fahrtgenemigung in chilenischen Gewässer - muss erneuert werden und unser Weg wird uns schon bald zurück an die Westflanken der Anden bringen. Weiter in den Süden, zur berühmten Meeresstrasse von Magellan, die das Festland Patagoniens mit ihrer großen, südlichen Insel trennt: Terra del Fuego!

 

 

 

Famingos

Einige Flamingos überwintern im Fjord von Puerto Natales

Fischkutter

Die Fischer von Puerto Natales heißen uns willkommen.

Abendstimmung

Abendstimmung an der Küste von Puerto Natales

Pampa

Die Pampa ist das Land der Ranger

Gletscher

Zu Besuch im Bernardo O´Higgins Nationalpark

Gletscher

... der größte Park Chiles voll Gletscher...

Wasserfall

...und Wasserfälle

Nachtwanderung

Eine Nachtwanderung...

Gletscherzunge

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Lachsfischen

Delikates Chile!

Rangerstation

Die Station der Ranger.

 

 

 

 

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