Segelabenteuer Patagonien
  
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 Südwerts durch den Golf der Schmerzen

Iceberg Gletscher

Donnerstag, 4. Mai 2017
Nach einem durchgezogenen Sturm mit 10 Beaufort aus Nordwest abnehmend und drehend auf Nordost 7 Beaufort. Restsee mit acht Meter abnehmend auf fünf Meter aus Nordwest, sekundäre See mit 4 bis 5 Meter aus Südwest. Am 5. Mai weiter abnehmend auf 5 bis 6 Beaufort, Ost drehend.

In Patagonien zu segeln ist in mancher Hinsicht weniger schwierig als sein Ruf vermuten lässt. Das kommt daher, da Segelyachten in der Regel die geschützten Gewässer der Patagonischen Kanäle kaum verlassen müssen. Kanäle, deren dicht bewaldete Küsten oft genug tobende Sturmwinde mildern. Deren enges Fahrwasser den Aufbau von massiver See verhindert und deren unzählige Inseln eine riesige Auswahl an bestens geschützte Ankerplätze bietet. Ankerplätze, die in einigen wenigen Küstenhandbüchern bestens beschrieben werden und in denen die Yacht meist mit Landleinen dicht unter dem Schutz von Bäumen verholt werden kann.

Wer nun aber glaubt, Patagonien bietet ein leichtes Seerevier, sei gewarnt. Schlechte Seekarten, kaltes, nasses Wetter, Nebel, Williwaws und häufiger Starkwind fordern selbst erfahrene Blauwassercrews heraus. Und dann gibt es da noch die Achillesferse Patagoniens. Jenes Revier, dass die Yachten aus dem Schutz der Kanäle treibt. Jenes Seestück, tief in den Brüllenden Vierzigern, in einem der sturmgeplagtesten Gebiete Chiles.

Die Rede ist nicht vom sagenumwobenen Kap Horn. Denn Kap Horn gibt eine Wahl. Es muss nicht umrundet werden - schon garnicht Non-Stop. Jeder Yacht steht zur Wahl, in den geschützteren Gewässer des Beagle Kanals zu bleiben, die Passage ums Kap zu einem Ausflug in Tagesetappen zu brechen und die Umrundung des gefährlichsten Kaps der Geschichte der Seefahrt in relativer Sicherheit zu bewältigen. Oder das Kap ganz einfach aus zu lassen.

Die Rede ist von einem Seerevier, das keine Wahl, keinen Kompromiss, keine Abkürzung durch Kanäle bietet. Die wahre Achillesferse Patagoniens ist der Golfo de Penas. Ein Golf, der sich selbst zwar nur 60 Seemeilen zwischen Nord-Süd streckt, der Schiffe aber zu einer Etappe von 170 Seemeilen entlang der Küste zwingt. Ein Golf am Kontinentalschelf Südamerikas, wo die gesamte Wucht des Südmeeres gegen das Land prallt und sich gefährliche See aufstellt. See, die in Echowellen vom Land zurückgeschwappt wird und von den starken Strömungen aus den Kanälen weiter verschärft wird. Ein Revier, in dem auflandiger Starkwind normal ist und in Kombination mit der Osttrift durch die immerwährende See aus West eine Yacht schnell in lebensgefährliche Probleme bringen kann. Ein Seerevier, das am Besten von Yachten nur bei östlichen Winden nach dem Durchzug eines Tiefs herausgefordert werden sollte.

Östliche Winde, auf die wir eine gefühlte Ewigkeit gewartet haben. Allerdings sind die momentanen Windprognosen nicht besonders rosig. Die letzten Tage ist ein massives Sturmtief über uns durchgezogen. Ein Tief, das der momentanen Saison mehr als gerecht ist. Immerhin befinden wir uns mitten im Herbst der Südhalbkugel. Und Herbst zählt wohl nirgendwo zur einfachen oder guten Jahreszeit für Segler.

Jürgen und ich sitzen vor den Wetterkarten. Beratschlagen, diskutieren, schmieden Pläne. Die gemeldeten Winde scheinen optimal, die massive Restsee des durchgezogenen Systems ist allerdings weniger gut. Die Wetterberichte zeigen zwei bis drei Tage mehr oder weniger stabiles Wetter aus Ost, gefolgt von starken Südwinden und den raschen Umschwung auf erneuten Starkwind aus Nordwest. Sollten die Wetterkarten richtig liegen, könnten wir die Abfahrt um einen Tag nach hinten verlegen. Einen Tag, an dem sich die Sturmsee aus West weiter legen kann und der Golf ruhiger wird. Allerdings haben wir gelernt, den Wetterkarten in dieser Jahreszeit nicht so ganz zu vertrauen. Rückt das nächste Tief schneller nach, kann sich das knappe Fenster schließen. Der gemeldete Südwind könnte etwas früher eintreffen und würde uns zur Umkehr zwingen. Legen wir früher ab, haben wir gute Chancen, bei leichteren und gefahrlosen Ostwinden in die südlichen Kanäle von Golfo de Penas einzulaufen und das verteufelte Seestück hinter uns zu bringen.

Allerdings wäre es dumm, sofort abzulegen. Niemand fährt in eine acht Meter hohe Restsee! Wir fassen einen Beschluss. Wir werden den heutigen Tag abwarten und erst Nachts auslaufen. So hat das Meer noch einen halben Tag Zeit, um sich etwas zu beruhigen. Der aufgezeichnete Track auf unserer elektronischen Seekarte wird es uns erlauben, auch bei Dunkelheit aus der Ankerbucht zu finden. Die Fahrwasser von Boca Wickham und Bahia Anna Pink zum pazifischen Ozean ist die reguläre Schifffahrtsstrasse dieser Region und somit können wir mit ungefähr akkuraten Seekarten rechnen. Auch gibt es einige Leuchtfeuer und ein Seezeichen an der gefährlichsten Untiefe des Kanals. Mit viel Vorsicht und gemeinsamer Wache im Kanal können wir hier auch Nachts segeln.

Allerdings ist uns klar, dass wir bei einem nächtlichen Aufbruch riskieren, ebenfalls Nachts in den südlichen Kanälen von Golfo de Penas einzulaufen. Wir suchen uns den einfachsten Ankerplatz im Süden aus dem Küstenhandbuch, beschließen, notfalls bis in die Morgenstunden in einem breiteten Teil der Kanäle beizudrehen. Sollte ein Einlaufen in die Ankerbucht vor Ort zu gefährlich wirken.

Dann verabschieden wir uns von der australischen Yachtcrew neben uns, lösen unsere Landleinen und verholen LA BELLE EPOQUE in die Mitte der Ankerbucht, wo wir frei vor Anker schwojen können. Wir holen das Dingi auf Deck, räumen die Leichtwindgenua unter Deck und schlagen die Starkwindsegel an. Frisches Brot für die Überfahrt geht in den Ofen und schließlich entspannen wir uns bei einer Tasse Tee. Das Tageslicht verschwindet bereits gegen sechs Uhr abends um diese Jahreszeit und bald schon ist unsere Geduld des Wartens überdrüssig. Um acht Uhr Abends gehen wir Anker auf.

Ankern in Chile

Im Kanal grüsst uns vorerst leichter Ostwind. LA BELLE rauscht unter Genua zwei und vollem Groß dahin, dunkle Wolken verhängen den Himmel und kämpfen gegen das bisschen Licht des Mondes, die schwarzen Umrisse der Inseln neben uns sind kaum noch auszumachen. Im Steuerhaus hilft das Radar und die elektronische Seekarte zur Orientierung. Voraus zeigt das AIS einen Containerfrachter mit Kurs in den Kanal. Perfekt! Ich drücke auf den Track des Frachters und gebe den Computer das Komando, diesen Track zu speichern. So können wir sicher sein, tiefes Fahrwasser bis in den Pazifik zu finden, selbst wenn die Seekarten nicht stimmen sollten. Sobald uns der Frachter passiert hat, werde ich uns auf seinen Track steuern, wo ein Frachter durchpasst, gibt es kein Problem für eine Segelyacht!

Dann stelle ich das Funkgerät an und melde mich bei dem Containerschiff. Lasse der Crew wissen, dass ein kleines Segelboot vor ihnen ist. Erfahre, dass wir bereits entdeckt wurden. Port-to-Port werden wir passieren.

Mittlerweile hat der Wind zugenommen. Wir wechseln auf die Fock und reffen nach und nach das Großsegel. Bis ins dritte Reff! Wenn in Patagonien der Wind zunimmt, dann richtig! Die Seekarten stimmen, problemlos passieren wir die Untiefen, die ruppige See nimmt zu, am Computerbildschirm beobachte ich die Fischereifrachter Chiles. Eine wahre Prozession müht sich die Küste hoch zum Kanal. Auch ihnen muss der Sturm der letzten Tage zu heftig gewesen sein, sie haben vermutlich weiter im Süden gewartet und sind bei erster Gelegenheit ausgelaufen. Ihre extrem zittrigen Kurslinien und ihre Geschwindigkeit zwischen eineinhalb und drei Knoten zeigen uns, dass die Bedingungen vor der Küste noch weit von ideal sind. Macht nichts, wir rauschen mit acht Knoten Fahrt dem Meer entgegen.

Mit rau sind die Bedingungen vor der Küste kaum beschrieben. Dumpf rollt die hohe Kreuzsee auf uns zu, Tonnen an Wasser prallen im Takt weniger Sekunden gegen die Kajüte. Konzentriert halte ich die Yacht in dieser See vor den aufbrausenden, böigen Wind. Wir haben das vierte Reff ins Großsegel gebunden und LA BELLE EPOQUE scheint in ihrem Element zu sein. Die alte Dame hat ein Lächeln aufgesetzt, zeigt dem wilden Ozean, dass sie sich hier wohl fühlt und es etwas mehr bedarf, sie zu beeindrucken.
Uns selbst genügt es dennoch. Der Wind hat sich nicht ganz an die Vorhersagen gehalten, die 7 Beaufort sind nirgends zu finden. An ihrer Stelle jagen ehrliche 9 Beaufort aus Nord hinter uns her, treiben La Belle zu neun bis zehn Knoten Fahrt. Ich achte darauf, der Küste lieber nicht zu nahe zu kommen, doch bei Nordwind ist das Freikommen von der Küste ohnehin kein ernsthaftes Problem.

Ich übernehme die erste Wache, Jürgen versucht, sich bei dieser böswilligen Schiffsbewegung eine Mütze voll Schlaf zu holen. Mittlerweile hat der Himmel etwas mehr vom Mondlicht freigegeben, manche der anrollenden Brecher erlauben einen kurzen Blick auf ihre steile Schönheit. Sie kommen aus wenigstens zwei Richtungen und müssen um die sechs Meter hoch sein. Ich bin froh, trocken und sicher im Steuerhaus zu sitzen, muss den ganzen Körper anspannen, um mich in diesem Seegang im Steuersitz zu halten und gleichzeitig den Kurs so gut wie möglich von Hand zu steuern.

Gegen vier Uhr morgens nimmt der Wind etwas ab und da wir mittlerweile nicht mehr so knapp unter Land sind, kann Miss Aries den Job der Steuerfrau längst übernehmen. Ich rufe Jürgen, und bleibe am Steuer, bis er am Steuerrad im Cockpit die Windsteueranlage getrimmt hat. Dann verdrücke ich mich in die Koje.

Am folgenden Nachmittag, tief im Golfo de Penas, nimmt der Wind ab. Und ab, und ab. Flaute - bei immer noch vier Meter Kreuzsee. Eine Kreuzsee, die zwar niedriger, aber noch brutaler geworden ist. Hier im Golfo de Penas ist die Echowelle von der Küste und die aufgeworfene See durch die Strömungen aus den Kanälen zu spüren. Eine See, wie wir sie seit Alaska nicht mehr angetroffen haben. Eine See aus Löchern - zwischen steilen Gipfeln. Mit flauen Wind wird La Belle Epoque bösartig vom Seegang herumgeworfen. Der Himmel hat etwas aufgeklart, im Moment regnet es nicht. Wir sind beide im Cockpit, versuchen, LA BELLE so gut wie irgend möglich zu trimmen. Ich könnte mittlerweile auch nirgends anders mehr sein als im Cockpit - die Seekrankheit hat wieder einmal zugeschlagen, ich bleibe in der Nähe der Reeling bis mein Magen leer ist.

So plötzlich wie der Wind gestorben ist, kommt er auch wieder. Ostwind setzt ein, nimmt zu und bald schon sind wir wiederum am Reffen. Unter Fock und doppelt gerefften Groß laufen wir in Bahia Tarn in den Canal Messier ein. Schauerböen jagen uns vor sich her, verdecken immer wieder die Sicht auf den Leuchtturm der Insel San Pedro. Dazwischen ist die Sicht trotz Dunkelheit erträglich, das Radar zeigt, dass die Seekarten etwas in den Süden verschoben sind. Der Seegang hat sich mittlerweile beruhigt, die Inselwelt um uns gibt Schutz und sperrt die Kreuzsee aus.

Hinter der Insel Wager haucht sich der Wind in letzten Seufzer aus. Der Spuk des Golfo de Penas ist hinter uns, der Kanal liegt ruhig, sogar die Regenböen haben sich verzogen. Jürgen steht im Ölzeug mit dem Scheinwerfer bewaffnet am Bug, ich habe die Frontscheibe im Steuerhaus geöffnet, um seine Anweisungen besser zu verstehen und ihm die Zahlen am Echolot durchgeben zu können. Vorsichtig laufen wir durch die Dunkelheit in Caleta Ideal ein, die Einfahrt ist breit und gerade, der Ankerplatz groß und ruhig. Eine weitere Yacht schwoit vor Anker, sie ist am Radarschirm längst auszumachen, bevor Jürgen sie im Lichtkegel des Scheinwerfer entdeckt. Wir verankern LA BELLE EPOQUE hinter der fremden Yacht, verzurren die Segel und zünden den Dieselofen. Gut, in einer Ankerbucht zu sein. Jetzt wollen wir erst mal ausschlafen. Jetzt schon freuen wir uns auf ein langes, gemütliches Frühstück morgen, wir haben die letzten eineinhalb Tage kaum einen Bissen gegessen!

Die große Ankerbucht liegt ruhig im Morgenlicht, einige Nebelschwaden hängen unter dem grauen Himmel und verdecken die Gipfel der Insel Wager. Eine Insel, die ihren Namen einem Schiff zu verdanken hat. Wie oft erzählt der Schiffsname auf einer Untiefe oder einer Insel keine schöne Geschichte und auch die Insel Wager trägt ihren Namen in Gedenken an ein Schiffsunglück. Die WAGER gehörte zur großen Flotte englischer Kriegsschiffe, die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts versuchte, die Küste Patagoniens und damit den wichtigen Seeweg zum orientalischen Reichtum aus der spanischen Herrschaft zu reissen. Harte Bedingungen im Süden um das Kap der Kaps brachten der englischen Flotte schwere Schäden, nichts desto trotz schafften es einige Schiffe die Küste hoch bis zum Golfo de Penas, darunter die PINK ANNA und die WAGER. Der Golfo de Penas duldet keine beschädigten Schiffe und bald schon wurden diese beiden Schiffe im harten Kampf um Seeraum vor der Küste entmastet. Die 145 Mann an Bord der WAGER kämpften so hart sie konnten gegen Wind und See, doch half ihnen das nichts. Ironischerweise wurden die WAGER an der Nordküste jener Insel zum Wrack geschlagen, die an ihrer Südostküste einen der besten und leichtes erreichbaren Ankerplätzen der Gegend bietet. Auf Isla Wager teilten sich die Schiffbrüchigen in zwei Gruppen. Eine Gruppe, bestehend aus 80 Überlebenden, baute sich Boote aus dem Holz des Wracks WAGER und segelte in den Süden, durchquerte die Magellan Strasse. Dreißig Überlebende schafften die Odyssee zurück bis Brasilien. Zwanzig Überlebende blieben zurück auf Insel Wagner beim Kapitän und Schiffsarzt. Sie bauten zwei kleine Boote und versuchten noch einmal die Durchquerung des Golfo de Penas, um durch die Kanäle in den Norden die bewohnte Insel Chiloe zu erreichen. Der Golf war noch nicht fertig mit den Seeleuten, sie erlitten erneut Schiffbruch. Mit Hilfe der Informationen von Eingeborenen schafften es sechs Seemänner mit dem übrig gebliebenen Boot bis zum Flussdelta des Rio San Tadeo, der im Norden des Golfo des Penas zur Gletscherlagune von San Raffael und somit zu den geschützten Kanälen führt. Unter den Überlebenden war Leutnant Byron, einer der drei Seemänner, die es eventuell bis zurück nach Großbritannien schaffte. Als Nachfahre eines großen britischen Poet hielt er die Reise in seinen Tagebüchern fest.

CACHOEIRA, die schmucke Aluminiumyacht vor uns trägt eine französische Flagge. Wir sind neugierig auf unsere neuen Nachbarn und düsen mit dem Dingi zu ihnen. Eigentlich wollen wir uns nur schnell vorstellen, bevor wir die Lagune hinterm Ankerplatz per Dingiausflug erkunden. Doch werden wir unseren geplanten Dingiausflug niemals machen. Jackie steht im Cockpit und übernimmt unsere Trosse. "Come, come! Welcome on Bord! Go in, be welcome!"

französische Aluminiumyacht

Juliet und Jackie sind uns auf Anhieb sympathisch, sie versprühen eine Lebensfreude, eine warme Offenherzigkeit und ehrliches Interesse. CACHOEIRA ist heimelig und typisch französisch. Ein Boot, das in allen Gewässern zuhause sein kann. Nach einer Reise von Tahiti - wo sie Jackie und Juliet das Boot gekauft haben - westwärts bis Frankreich brachen sie erneut zur Blauwasserreise auf. Mittlerweile sind sie bereits das vierte Jahr in Patagonien und es gab sogar eine Reise in die Antarktis. Kommende Saison soll die Reise in den Westen weiter gehen.

Während wir über das wohin und woher tratschen, räumt Jackie Laptop und Paktor vom Salontisch und wir fragen nach, ob es denn ein Problem mit dem Funk gibt. Bei Espresso und Süßem stellt sich heraus, dass wir ihr Problem kennen. Mit einem neuen USB-Kabel und einige Ferrite von Bord LA BELLE EPOQUE können wir es lösen. Doch die wirkliche Hilfe kommt von Seiten CACHOEIRA. Für unsere geplante Reise in die Antartktis haben wir bisher nur Papierseekarten und einige Zeichnungen von Ankerbuchten an Bord, Jackie übergibt uns seine gesamten elektronischen Seekarten. Dazu eine unwahrscheinliche Sammlung an Skizzen und Informationen zu Ankerbuchten und Plätze!

Wir verbringen zwei Tage an Bord von CACHOEIRA, zeigen gegenseitig Bilder und Filme und erleben eine Freundschaft, als kennen wir uns schon immer. Auch beschließen wir nach Empfehlung von Juliet und Jackie, von hier aus in den Osten zum Dorf Tortel zu segeln.

Am zweiten Abend in Caleta Ideal bringt das letzte Abendlicht einen ungewöhnlichen Andrang an Yachten. Seit wir in Patagonien unterwegs sind, haben wir gerade mal drei Yachten getroffen, und nun teilen wir die Bucht mit vier anderen Yachten. Kein Wunder, morgen soll es Südwind geben. Alle Yachten, die um diese späte Jahreszeit ihren Weg in den Norden bestreiten, wollen dieses Wetterfenster für den Golfo de Penas nützen.

Bemerkenswert ist nicht nur die Anzahl der Yachten. Auch die Yachten selbst. Während wir im Mondlicht des Vollmondes zurück zu LA BELLE EPOQUE rudern, muss ich lachen: "Schau dir dass mal an," meine ich zu Jürgen, "insgesamt fünf Yachten, alle aus Metall, alle mit geschlossenem Steuerhaus, und drei davon - die Mehrzahl - Zweimaster!" Wo, ausser in den Hohen Breiten, trifft man noch auf so etwas!

Am nächsten Morgen sind die Yachten verschwunden. Schade, ich hätte gerne ihre Crews kennengelernt, vor allem, weil eine Yacht auch eine deutsche Flagge auf ihrem Heck gezeigt hat. CACHOEIRA geht als letzte Yacht vor uns Anker auf, dann sind wir alleine.

Jackie hat nicht übertrieben: Kanal Martinez wird zu einem der schönsten Fjorde, die wir bisher in Patagonien bereist haben. Wir sind mittlerweile auf knappe 48° Süd und die Landschaft ist schroffer und kahler geworden. Majestätische Granithänge säumen die ruhigen, dunkelgrünen Wasser des verzweigten Fjords, nur entlang der Ufer streckt sich noch dunkler Nasswald.

Kanal Martinez

Am zweiten Tag im Fjord ziehen dicke Nebelschwaden auf, wir müssen vorsichtig sein, die Navigation ist mehr als fordernd. Die Seekarten sind ungenau und teilweise ohne Angaben, selbst die neuesten Karten haben eine knappe Minute Versatz in der Breite und über drei Minuten Versatz in der Länge. Zu allem Übel haben wir die Strecke nördlich von Insel Teresa gewählt, wo das Flussdelta des Rio Baker den Fjord versandet hat. Vorsichtig schleichen wir uns das letzte Stück bei gestrichenen Segel und im Standgas über acht Meter Wasser dicht an der Küste Insel Teresa vorbei, der Nebel so dick, dass ich gerade noch Jürgen am Bug sehen kann. Dann ist der Spuk vorbei, die Wassertiefe fällt, wir laufen in Caleta Tortel ein und ankern mitten in der Bucht. Hoffen, von den durch die Bucht ziehenden Fischern rechtzeitig gesehen zu werden.

Tortel ist eine Besonderheit. Ein Dorf der Fischer war es bis vor wenigen Jahren nicht über Strassen mit dem Rest von Chile verbunden. Das Wasser war einziger Transportweg und ohne Autos waren auch im Dorf keine Strassen nötig. Ein Dorf, dass sich um die weite Bucht schlängelt und deren öffentliche Wege allesamt aus Stegen und Holzwegen besteht. Das Dorf duftet nach dem frisch geschnittenem Zedernholz, aus dem alles hier gebaut wird. Häuser, Märkte, Dorfplätze, Stege, Wege. Selbst der Kinderspielplatz ist mit Zedernholz überdacht. Die neue Strasse hat etwas Tourismus und damit etwas Wohlstand ins Dorf gebracht. Die Menschen wirken zufrieden und trotz des vielen Nebels fröhlich.

Tortel, Chile

Wir freuen uns besonders über die Wanderwege, die ohne Frage dieser neue Tourismus angeregt hat. Wanderwege sind in Patagonien eine seltene Gelegenheit, sich die Füße zu vertreten und die Landschaft von einem höheren Ausblick zu genießen. Und die Hügel von Tortel bieten einen besonderen Ausblick: die sanfte und fruchtbare Flussmündung des großen Rio Baker vor imposanter Bergkulisse einerseits, den vielverzweigten Fjord mit grünen Inseln und schneeverhangener Gipfel andererseits. Dazwischen das hübsche Dorf, mit bunten Fischerbooten in der Caleta und unserer roten Lady vor Anker.

Desto weiter wir in den Süden segeln, desto besser scheint das Wetter zu werden. Besser, weil sich nun zumindest hin und wieder ein Stückchen blauer Himmel zwischen den grau verwaschenen Wolken zeigt. Die kurzen Wintertage erlauben uns keine weiten Segelschläge mehr, zwischen dreißig und vierzig Meilen legen wir an guten Segeltagen zurück. Es ist kalt, aber das macht die Segeletappen nicht schlechter. Nord- und Westwinde bringen uns gemächlich in den Süden, bis wir die schreienden Fünfziger erreicht haben. Aber die wilden Breiten der Süden machen hier in den Fjorden keinen großen Ärger, die Inseln brechen jeden Seegang und selbst die berüchtigten Williwaws scheinen sanfter als wir sie entlang Alaskas Halbinsel kennenlernen durften. Aber aus dem Regen ist nun mitunter Schnee geworden. Manchmal schwimmen Delfine in der Bugwelle, Seelöwen halten in der Regel einige Meter mehr Abstand. Dann umkreisen uns Albatrosse und Sturmvögel, Komorane und Pinguine flüchten unter die Wasseroberfläche, wenn wir ihnen zu nahe kommen. Nur Wale sichten wir keine.

Wir segeln von Caleta zu Caleta, ankern über Nacht, sichern hier oder da LA BELLE EPOQUE mit Landleinen. Dann erreichen wir die südliche Spitze der großen Patagonischen Eiskappe. Im Seno Amalia kratzt treibendes Gletschereis am Antifouling und klarer Himmel mit blendenden Sonnenlicht erstrahlt den Gletscher in seiner ganzen Schönheit. Wie atemberaubend schön doch jeder Gletscher ist, egal, wie viele man schon in seinem Leben bestaunen durfte.

Amalia Gletscher

Schließlich sind wir auf den Weg zur "anderen Seite" der Anden. Wir folgen tiefen Fjorden bis weit ins Inland, wo wir beinahe bis zur Grenze von Argentinien segeln können. Puerto Natales wird das letzte Dorf für die nächsten Wochen sein. Die nächsten Wochen, in denen wir einen Teil der Magellan Strasse und schließlich den hohen Süden Patagoniens erreichen werden.

 

 

 

In den Fjorden von Patagonien

Leichter Frühnebel in den Fjorden von Patagonien

Tortel

Am Ufer des Canal Baker liegt das hübsche Dorf Tortel

Rio Baker

Rio Baker streckt sich tief in die Anden

Tortel Wanderweg

Der Wanderweg hoch über dem Flussdelta des Rio Baker

Segeln in Patagonien

Das Wetter bessert sich.

Iceberg Gletscher

Iceberg Gletscher, unser erster Gletscher der großen Patagonischen Eiskappe

Wrack

Navigation in den Patagonischen Kanälen kann kniffelig sein!

50°Süd

50°Süd. Es schneit!

Amalia

Gletscher Amalia an der großen Eiskappe Patagoniens

 

 

 

 

 

 

 

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