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Fischfarmen in Chiloe

Seewetterbericht: Südlich von Valdivia trifft eine Front auf die Küste, die Montag Nachmittag in der Höhe von Canal Chacao Winde mit 7-8 Beaufort aus Nord-Nordwest bringt. Dahinter relativ konstante Nord-Nordwest Winde 3-4. Ab Mittwoch eine Winddrehung, dann südliche Winde.

Zirka 140 Seemeilen trennen uns von Canal Chacao, den schmalen Kanal zwischen dem Festland Chiles und der großen Insel Chiloe. Der schmale Kanal in den "Golfo de Ancud". Ein Kanal, der für uns das Tor zu den Kanälen Patagoniens darstellt.

Ein Kanal, der mit äußerster Vorsicht zu befahren ist. Denn hier trifft nicht nur die lange und legendäre See des Südmeers auf das Kontinentalschelf Südamerikas, zu Ebbe steht auch noch starke Strömung aus dem Kanal gegen diese See. Dann kann das Wasser an der Kanaleinfahrt zu Kochen beginnen und jeder Yacht den Einlass verweigern. Eine Situation, in die man nicht geraten möchte. Immerhin befindet man sich hier bei Nordwest Wind an einer Leeküste, verschlechtert sich das Wetter, kann die Küste zur Falle werden.

Obwohl wir in der Regel starke achterliche Winde möglichen Gegenwind vorziehen und wenig Respekt vor schnell durchziehenden Fronten mit sieben bis acht Beaufort haben, planen wir unsere Fahrt von Valdivia in den Süden so, dass wir erst hinter der Front das Seerevier zum Canal Chacao erreichen werden. Immerhin kennen wir das Seegebiet noch nicht. Wissen nicht, wie stark sich die See entlang des Kontinentalschelfes aufstellt und ob das Land eventuell den angesagten Wind durch Küsteneffekte verstärkt. So beschließen wir, Montag Mittag auszulaufen, um erst Dienstag, nachdem die Front längst durchgezogen ist, Canal Chacao bei einlaufender Flut zu erreichen.

So hübsch Valdivia Fluss ist, er erlaubt es uns nicht, seine schönen Ufer vom Wasser aus bestaunen zu dürfen. Vor einem Monat sind wir in dicksten Nebel hier eingelaufen - nun laufen wir in verregneten, grauem Wetter bei schlechter Sicht wieder aus. Ich bin froh, dass wir die Uferstraße per Fahrrad befahren haben und so die Schönheit des Flusses vom Ufer aus gesehen haben!

Valdivia Fluss im Abendlicht

Kaum auf See werden wir enttäuscht. Anstelle des gemeldeten Segelwinds regt sich vorerst kein Luftzug, LA BELLE EPOQUE zieht unter Motor über das spiegelglatte Wasser dahin. Der Himmel bleibt grau verhangen, hüllt die Welt in seine Farblosigkeit. Schnell verschwindet die Küste hinter der dicken, nassen Luft und doch können wir uns nicht der Illusion hingeben, weit weg vom menschlichen Treiben zu sein. Denn das Meer um uns ist nicht nur spiegelglatt, es spiegelt! Mit Entsetzen stelle ich fest, dass wir uns durch einen riesigen, stinkenden Ölteppich bewegen. Über Stunden, und so weit das Auge reicht. Das Meer richt nach toten Fisch, nach verwesenden Tang. Der Ölteppich bleibt ein Rätsel. Hat ein Schiff illegal seine Tangs auf Hochsee gereinigt? Oder haben die Regenfälle der letzten Tage Öl und Schmutz vom Land aufs Meer gewaschen? Laut Seekarten kreuzen wir ein Ölabbau-Gebiet, doch ist weit und breit nichts von eventuellen Bohrungen zu sehen - keine Inseln, keine Schiffe, keine Lichter. Kann der Ölteppich von einer defekten Bohrleitung sein? Keine Ahnung, auf jeden Fall hat hier jemand ganze Arbeit geleistet.

Erst nach halber Strecke kommt endlich etwas Wind auf, wir setzten Segel und erreichen unter Vollzeug am Dienstagabend die Einfahrt zwischen Chile Festland und der großen Insel Chiloe. Ein perfektes Timing. Der Kanal liegt ruhig vor uns, ein bis zwei Knoten Strom schieben uns in die Inselwelt von Chiloe, vorbei an den Fähren und kleinen Fischerbooten, die hier im Canal Chacao ihrer Arbeit nachgehen. Obwohl das Land um uns niedrig und lieblich bleibt, folgt der Wind dem Kanal, dreht mit und schiebt uns die ganze Strecke bis zum Ankerplatz von Puerto Abtao voran. Ein Ankerplatz, der zwar gut geschützt ist, aber sonst nur wenig reizvoll bleibt.

Die Landschaft ist hügelig. Lieblich. Schön. Erinnert ein bisschen an die dänische Südsee, die hübschen Inseln des Kattegats. Doch hat die Industrie diesem einst schönen Seestück ihren Flair geraubt. Heute zählt Chile zu den weltweit größten Fischproduzenten - die Buchten und Küsten des Golfo de Ancud sind zugepflastert mit Fischfarmen. Fischfarmen, die norwegischen Firmen gehören und die Europa und Amerika vor allem mit Lachs beliefern. Dazwischen riesige Muschelfarmen, es gibt so gut wie keinen Ankerplatz ohne Produktion mehr.

Ankern in Puerto Abtao, nicht am Foto: die vielen Fischfarmen hinterm Heck von La Belle Epoque

In Puerto Abtao zu ankern fühlt sich an, wie sich Camping neben einem Industriestall für tausende Schweine oder Hühner anfühlen muss. Das Meer ist schmutzig, die Luft stinkt nach Fischmehl. Tag und Nacht herrscht ein Kommen und ein Gehen, die Kuttermotoren und Generatoren lassen uns kaum Schlafen. Für die Menschen und Tiere von Chiloe scheinen die Fischfarmen zum Alltag zu gehören. Kinder baden am Strand, Seelöwen sonnen sich auf einen Felsen. Ein Pinguin schwimmt an LA BELLE EPOQUE vorbei, drei Delfine ziehen durch die Bucht. An Land suchen ein paar Chilenen den Strand nach Muscheln ab, die Strassenhunde liegen, wie überall in Chile, faul in der Sonne, genießen ihr Leben.

Wir warten auf gutes Segelwetter. Wandern am Strand, entlang der Straße, beobachten das Treiben in der Bucht und sehen uns die Kutter genauer an. Wer nicht auf den Fischfarmen arbeitet, geht zum Fischen oder Muscheltauchen. Viele kleinere Kutter haben lange Schläuche und einen Kompressor an Bord anstelle von Netzen. Über die Schläuche versorgen sie Taucher mit Luft, die den Meeresgrund nach Muscheln absuchen. Abends werden Säcke voll Klammmuscheln, Miesmuscheln oder Austern am Strand abgeliefert. Nur ein paar offene Boote gehen zum Fischen. Sie kommen mit Makrelen heim. Auf keinem der Kutter können wir Eis entdecken, auch auf den Fischmärkten in den Städten wird meist der Fisch ungekühlt gehandelt. Nichts für meinen empfindlichen Magen, so viel steht fest.

Die Häuser entlang der Straße von Puerto Abtao erinnern an Tonga. Es sind Holzhäuser mit Blechdächern in unterschiedlichsten Zustand. Die Menschen, die sie bewohnen, scheinen zufrieden zu sein. Die Gärten sind voll mit Obst und Gemüse, auf den Straßen laufen Schweine, Ziegen und Schafe herum. Viele Häuser haben eine kleine Wiese mit Hütte für ihre Hühner extra eingezäunt. Faule Hunde liegen im Schatten der Häuser, ein paar Katzen streichen umher. Auf der Straße spielen Kinder und junge Hunde. Ein paar Männer arbeiten an einem Vordach, eine Hausfrau jätet ihr Gemüsebeet. Jeder vorbeikommende Autolenker grüßt uns winkend, auch Fußgänger begrüßen sich.

Wir segeln weiter, ziehen zwischen Fischfarmen und Muschelfarmen in Richtung Osten. Wir wollen die bergige Küste des Festlandes sehen, in die ersten Fjorde eintauchen. Wir sehnen uns nach einem unbewohnten Ankerplatz, ohne Fischfarm und mit sauberen Wasser. Wollen selber Fischen, die Natur genießen. Eine Beschreibung im Küstenhandbuch hat uns neugierig gemacht: "Estéro Quintupéu - der wunderschöne Inlet ist zirka drei Meilen lang, umgeben von hohen Gipfeln und mit donnernden Wasserfällen..." Ein Platz, der nicht nur schön ist, sondern der auch Geschichte geschrieben hat. Denn hier war es, wo sich das deutsche Kriegsschiff DRESDEN während seiner erfolgreichen Flucht nach verlorener Schlacht um die Falkland Inseln verstecken konnte.

Nach einem schönen Segeltag öffnet sich der Fjord vor uns. Das Handbuch hat nicht zuviel versprochen, steile dunkelgrün bewaldete Hänge reichen bis ans Wasser, ein paar Wasserfälle schießen über nasses, dunkles Gestein bis ins Meer. Am Ende des Fjordes wieder eine Fischfarm, doch sie ist klein und wir finden einen Ankerplatz weit genug entfernt und ohne Sicht auf die Farm. Wir ziehen das Heck von LA BELLE EPOQUE mit Landleinen in Richtung Ufer, verstecken uns vor einfallenden Winden tief unter der Küste, im Schutz der hohen Bäume. Und lassen die Ruhe und den Gleichmut des Fjords auf uns wirken.

Fjorde Patagoniens

Jeden Nachmittag öffnet sich die Wolkendecke, verschwindet bis auf wenige kleine Wolkenstücke an den Gipfeln. Lässt uns in der Sonne baden und lockt zu Ausflügen. Ausflügen per Dingi zu einem der Wasserfälle, oder über Land zu einem anderen. Rechtzeitig vorm Hungrigwerden lassen wir vom Dingi aus die Angeln ins Wasser, dippen ein paar Mal auf und ab und ziehen einige kleine aber leckere Schnapper aus dem Fjord. Dann gehts zurück an Bord, Fische putzen und filetieren, kochen. Wir duschen im eisigen Wasser eines kleinen Wasserfalls, schließen am Abend alle Luken, um in der Kajüte die Wärme des Tages möglichst lange zu spüren. Abende in trauter Zweisamkeit.

Irgendwann lösen wir die Landleine, ziehen den Anker an Deck. Nordkurs bis Puerto Montt folgt. Hier werden wir ein paar Tage verbringen. Werden noch einmal ein paar Lebensmittelschapps füllen und die Dieseltanks vollbunkern. Werden darauf warten, dass mein Bruder per Flugzeug ankommt, um mit uns seinen Urlaub zu verbringen. Und wir werden erneut etwas Zeit mit Phil und seiner NESS verbringen und in fröhlicher Runde ein paar weitere Patagoniensegler kennenlernen.

 

 

 

Fotoausflug an der Küste

Fotoausflug an der Küste von Puerto Abtao, auch hier im Hintergrund eine Fischfarm

Chilenischer Fischkutter

Perspektive ist alles: wir lassen die Fischfarm im Hintergrund hinter einem Felsen verschwinden und schon scheint die Szene am Foto makelloser als in Natura!

Schwein

Begegnungen auf Chiles Straßen...

Fjord Estero Quintupeu

Manche Wasserfälle von Estéro Quintupéu reichen direkt in den Fjord...

Wasserfall klein

... andere verstecken sich zwischen der dichten Ufervegetation.

Dingiausflug

Dingiausflug...

Wasserfall

... zum schönsten Wasserfall von Estéro Quintupéu

Morgenstimmung

Morgenstimmung im Fjord

Puerto Montt

Wir segeln weiter nach Puerto Montt.

Gemüsemarkt von Puerto Montt

Wo wir am Gemüsemarkt frischen Proviant besorgen.

Händler

Abends rudern hier die Markthändler nach Hause.

Fischerin

Eine Fischerin am Steg beim Fischmarkt. Der Fischhändler kommt, um frischen Fisch von Bord der MUCHACHA abzuhohlen.

Straßenhund

Einer der vielen Straßenhunde von Chile. Sie sind freundliche Tiere, die auf uns gesund und zufrieden wirken.

Puerto Montt

Straßenverkäufer

Straßenverkäufer, wer kann bei so einem Modell einem neuen Sonnenhut wiederstehen?

Albaca

Das Hutmodel ist nicht das einzige Albaca in Town!

Am Hafen

Am Hafen

NESS

In Puerto Montt treffen wir erneut auf NESS, Phil hält sie gut in Schuss, sie wird geschliffen und gestrichen.

Shoppingtour unter Cruisers

Fahrtensegler auf Shoppingtour: Jürgen, Dean und Phil unterwegs von Eisenwarenhändler zu Fischereibedarf.

 

 

 

 

 

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