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 Reisen am Pulverfass

Vulkan in Chile

Die Sonne brennt aufs Deck, nur ein paar kleine Quellwolken zieren den Himmel. Gemächlich zieht das grüne Flusswasser unter unserem Kiel durch, lässt LA BELLE EPOQUE in seinen Rippeln leicht auf und ab gehen. Wir liegen am Steg von Alwoplast, einer kleinen chilenischen-deutschen Werft, die Luxuskatamarane herstellt.

Am fertigen Kat neben uns sind die neuen amerikanischen Eigner gerade eingezogen, versuchen - leicht überfordert - ihre neue Segelyacht in all ihren Details zu verstehen. Daneben ein Boot, dass nicht verschiedener von der neuen Yacht sein könnte. Es ist die kleine, amerikanische Gaffelketsch NESS. Ein paar Muscheln hängen an der Wasserlinie ihres schwarzen Stahlrumpfes. Aber wer jetzt vermutet, der Bewuchs am Boot stammt von einer langen Liegezeit, der täuscht sich schwer. NESS ist vor wenigen Tagen erst hier eingetroffen - nach knappen drei Monaten auf See! Der Einhandsegler Phil ist mit seinem traditionellen Schiffchen direkt aus Tonga hier eingetroffen. Wir wundern uns, Phil war zur selben Zeit als wir im selben Seerevier, hat für eine vergleichbar lange Distanz die doppelte Zeit als LA BELLE EPOQUE benötigt. Und das, obwohl wir schon relativ langsam unterwegs waren. Und die traditionelle NESS nicht so viel langsamer sein kann als vergleichbar große Blauwasseryachten. Bei einem Vergleich unseres Kurses mit dem von Phil fällt auf, dass wir ihn irgendwo entlang der Reise ganz in seiner Nähe überholt haben müssen. Phil lacht zu unseren verwunderten Mienen. Er hatte es nicht eilig. Ohne einer Möglichkeit, Wetterreport an Bord zu empfangen musste er eben nehmen, was sich ihm an Wind entgegenstellte. Und mit "entgegenstellen" ist auch recht gut beschrieben, was der Wind dem alten Hippie aus dem Nordwesten der USA so bot: Phil erlebte den Großteil der Reise hart am Wind. Es stimmt schon, auch wir haben in den "Brüllenden Vierzigern" keine konstanten Westwinde gefunden, auch wir haben viele Seemeilen am Wind gemeistert. Und doch können wir am Vergleich unserer beiden Reisen - zur selben Zeit durch dasselbe Seegebiet - sehen, wie wichtig uns laufende Wetterberichte an Bord sind. Welchen Unterschied der Empfang der Vorhersagen und das laufende Abstimmen der Route zum Wetter gemacht haben!

Aber genug von Booten, von Überfahrten und von Seemeilen. Wir wollen unsere Zeit hier am Steg nützen, um einen ersten Eindruck von Chile zu bekommen. Wir wandern über die Landstraße nach Valdivia, genießen den Trubel der sommerlich fröhlichen Stadt und entdecken mit dem Dingi weite Teile des weidverzweigten Flussdeltas, in dem wir uns befinden. Schließlich mieten wir ein Auto, um unsere Entdeckung des Landes ein wenig zu erweitern. Auch wenn der Reiz groß ist, mit dem Boot in den Norden zu ziehen, so entscheiden wir uns doch für eine Autofahrt, die Küste hat nicht viele Ankerplätze zu bieten und wir wollen auch etwas vom Inland sehen, ein erstes Gefühl für Chile aufbauen.

Auf unseren Weg in den Norden verlassen wir bald die Autobahn. Wie überall auf der Welt ist es unmöglich, einen Eindruck vom Land von der Autobahn aus zu bekommen, wir wollen lieber über Landstraßen, durch die vielen kleinen Dörfer, über die Küstenstraßen und durch die Weingebiete des Landes fahren.

Doch unsere Reise füllt uns mit gemischten Gefühlen. Wir ziehen durch unendliche, hässliche Industriewälder. Ein Eukalyptus nach dem anderen stehen in Reihe und Glied, wo einst liebliches Land oder schöner Wald gewesen sein muss. Riesige Eukalyptuswälder, in denen nichts anderes mehr wachsen kann und die irgendwann das Land als triste Wüste hinterlassen werden. Erschrocken lese ich nach, dass all die Wälder in den Händen von zwei riesigen Konzernen liegen und die hier lebenden Einheimischen nicht viel von dem wirtschaftlichen Erfolg der Verwüstung haben. Dass Eukalyptus siebzig Prozent mehr Wasser benötigt als einstige Wälder voll einheimischer Bäume und die weiten Teile so nicht nur durch die unglaubliche Monokultur belasten. Und das alles ist noch nicht genug. Denn wir erleben zur Zeit eine Hitzewelle, die viele Teile des Waldes in Brand gesteckt hat. Ein Land, das nun nben Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis nun auch noch mit Waldbränden kämpft!

Wir retten uns an die Küste, wollen dem dichten, hässlichen Wald entgehen. Doch auch die Küste zwischen Valdivia und Conception ist bepflanzt mit Bäumen und wir teilen uns die Straßen mit Holztransportern, Trucks mit immer derselben Firmenlackierung, immer geladen mit Stämmen an Eukalyptus. Selbst die Dörfer können uns nicht recht begeistern, sobald sie etwas größer als ein paar Häuser werden. So gleichmäßig wie die Wälder sind auch viele Siedlungen. Hunderte von gleichen Häusern stehen in Reihe und Glied, irgendwelche unglaublich geschmacklose Wohnprojekte haben dieses Land wie eineTsunami überrollt. Alles ist billig gebaut und sobald die Siedlungen ein paar Jahre am Buckel haben, können sie ihre Tristesse kaum noch verbergen. Wir sind erstaunt, selbst hier nur freundliche und gut gelaunte Chilenen anzutreffen.

Bald schon erreichen wir die ersten Gebiete der Waldbrände. Von nun an werden wir hunderte Kilometer unter den dicken Rauchschwaden der Brände weiterfahren, den blauen Himmel sollten wir für den Rest der Reise in den Norden nicht mehr sehen. Was mit kleinen Feuern hier und da begonnen hat, geht bald über in große, schwarze Flächen, aus denen verkohle Baumstämme und braungebrannte Überresten von Sträuchern stehen. An vielen Stellen brennt es direkt am Straßenrand, die Einsatzkräfte sind längst mit den vielen kleinen Feuerherden überfordert. Zwischen den glosenden Wäldern stehen nervöse Kühe auf den kleinen Weideflächen bei ländlichen Wohnhäusern.

Im Rauch der Waldbrände

Die Brände reichen direkt bis zu den Siedlungen und Stadtgrenzen. Hinter den Häusern von Conseptión stehen bereits die Bäume in Flammen, keiner scheint sich viel darum zu kümmern und ich hoffe, dass die leise lodernden Flammen nicht auf die schäbigen Häuser überspringt. Die Luft ist dick mit Rauch, kein Sonnenstrahl dringt mehr durch die bräunliche, stinkende Wolke. Der Rauch gibt den schlechteren Wohngebieten von Conseptión eine noch größere Triste und spätestens im Hafenviertel müssen wir unseren Plan, einen geeigneten Campingplatz zum Zelteln zu finden, aufgeben. In dieser Rauchwolke wäre Camping ohnehin eine dumme Idee, diese Nacht wird ein Hotelzimmer bezogen.

Nach einem langen Frühstück gehts weiter auf der Landstraße. Viele Straßen in den Norden sind bereits gesperrt und so enden wir schließlich erneut auf der Autobahn. Gegen Mittag ändert sich das Landschaftsbild, wir haben die Obst- und Weingebiete von Chile erreicht. Wieder suchen wir uns kleine Landstraßen. Teilweise sind die Straßen top ausgebaut, um nach der nächsten Kurve wieder in eine Schotterstraße voll Schlaglöcher zu münden. Aber man kommt durchaus gut voran. Die Landschaft ist schön geworden, ausgedehnte Wein- oder Obstplantagen ziehen sich über das hügelige Land, kleine Dörfer liegen zwischen ihnen. Überall bieten die Menschen frisches Obst, Gemüse oder Snacks entlang der Straßen an. Hin und wieder sehen wir riesige Lagerhallen und Betriebsgelände international bekannter Obsthändler und größere Anlagen von Weinproduzenten. Einige der Firmenamen, die wir auf den Lagerhallen lesen, lassen sich in den Geschäften Chiles nicht finden. Sie produzieren offensichtlich für den internationalen Markt, die Chilenen kaufen ihre frischen Produkte lieber von den reich beladenen Obst- und Gemüsemärkten.

Weingebiet in Chile

Hin und wieder werden die Obstplantagen auch durch Pferdekoppeln unterbrochen. Die im Schatten einzelner Bäume grasenden Pferde sind in der Regel ausgesprochen schöne Tiere mit glänzenden Fällen und feinen Linien. Manchmal sehen wir Gauchos über die dürren Wiesen traben, sie sehen stolz und anmutig aus. Tier und Reiter scheinen perfekt aufeinander getrimmt zu sein.

Dann erreichen wir die Küste, hoch über dem Meer freuen sich unsere Augen über den weiten Horizont, während uns die Küstenstraße langsam hinunter bis zu den Städten mit ihren weiten Sandstränden bringt. Halb Chile scheint auf Sommerurlaub zu sein, die Strände sind vollgepackt mit sonnenhungrigen Urlaubern, die Eisdielen, Essbuden, Restaurants, Streetfood-Stände und Obsthändler entlang der Straßen scheinen vor Gästen aus allen Nähten zu springen. Überall wird gelacht und gefeiert. Wie schon in Valdivia erleben wir die Chilenen als unglaublich freundliches und gut gelauntes Volk. Die kommende Nacht finden wir uns einen kleinen Campingplatz an der Küste. Doch wird die Nacht etwas unruhig, die vielen Hunde des Dorfes Heulen die Nacht durch und lassen uns kaum in Ruhe Schlafen.

Pazifikküste

Seit wir in Chile sind, habe ich noch nicht ganz herausgefunden, ob die vielen Hunde Strassenhunde sind, oder ob sie alle ein Daheim haben. Denn fast alle sehen gesund und gefüttert aus. Sie sind offensichtlich freundlichen Umgang der Menschen gewöhnt und weder verschreckt noch bösartig. Immer wieder beobachte ich, wie Spaziergänger über den Rücken eines vorbeikommenden Hundes streicheln oder wie sie Umwege laufen, um rastende Hunde nicht aus ihrem schattigen Plätzchen zu vertreiben. Rauen Umgang, den man in manchen anderen Ländern mit Straßenhunden sieht, scheint es hier nicht zu geben. Dennoch laufen die Tiere frei herum, teilweise in Gruppen bis zehn oder mehr Hunden, durchwühlen die Misteimer der Städte und treiben sich Tag und Nacht herum.

In Valparaiso angekommen können wir die vielgepriesene Schönheit der alten Hafenstadt nicht sehen. Wir fahren durch ausgeprägte Slums, bevor wir überhaupt die Hafenanlagen sehen können. Primitiv zusammengezimmerte Blechbaracken hängen hoch über den Hügeln, Müll liegt überall herum. Die alten Gassen weiter innen sind dreckig und heruntergekommen, einzig die vielen Graffiti und Zeichnungen an den Häusern geben der Stadt ein buntes und junges Aussehen. Die große Zeit des einst wichtigsten Hafens im Pazifik ist lange vorüber und so kann Valparaiso uns nicht lange halten, wir treten die Fahrt zurück in den Süden an und sind froh, mit LA BELLE EPOQUE nicht bis hier rauf gesegelt zu sein.

Valparaiso

Zurück in Valdivia biegen wir in den Osten - und finden den bisher schönsten Teil von Chile für unsere Augen. Das Seengebiet östlich von Valdivia ist unglaublich schön, ein Salzkammergut der Superlative. Herrliche Flüsse bringen ihr Wasser von den Anden ins Küstenflachland, in den klare Seen spiegeln sich die schneeverhangenen Gipfel der perfekt geformten Vulkane. Eine Landschaft, wie aus dem Bilderbuch. In den kleinen Dörfern entlang der Fluss- und Seenufer scheint man gut zu leben, sie sind gepflegt und voller Energie. Wir besuchen ein Almgebiet, die Ansiedlung der hier heimischen Mapuche ist gepflegt und umgeben von Almweiden mit zufrieden wirkenden Kühen.

Den letzten Tag mit Mietauto nützen wir für die Proviantierung. Wir füllen LA BELLE EPOQUE bis unter den Kajütsaufbau. In wenigen Tagen starten wir zu unserer Reise nach Patagonien und obwohl wir noch an einigen Plätzen mit Supermärkten vorbeikommen werden, bevor wir in die Einsamkeit der Kanäle biegen, ist es doch leichter, schwären Proviant per Mietauto an Bord zu bekommen. Tage verbringen wir beim Einkochen und verstauen. Dann heißt es noch, uns ein wenig um LA BELLE EPOQUE selbst zu kümmern. Beim neuen Riggcheck stellen wir fest, dass wir die letzten über fünftausend Seemeilen doch nicht ganz bruchfrei hinter uns gebracht haben, die Beschläge der Unterwanten am Besan sind eingerissen und müssen getauscht werden. Problemlos erhalten wir neue Edelstahlbleche von der hilfsbereiten Werft, aus denen Jürgen neue Beschläge baut. Hundert weitere Kleinigkeiten wollen von uns erledigt werden: Das Großsegel muss überprüft werden, einige Segelösen auf den beiden Genuas müssen ausgetauscht werden. Der Motor braucht einen neuen Dieselfilter, die neuen Edelstahl Steuerseile des Cockpitsteuerrads haben sich nicht bewährt und müssen getauscht werden. Neue Wasserfilter wollen gefunden und montiert werden.

Und außerdem will ich die Zeit mit Internet nützen und die jährliche Steuerabrechnung und einige anstehende Arbeiten am Computer machen. Außerdem brenne ich darauf, jede freie Stunde an meinen neuen Manuskripten zu arbeiten und vor allem etwas mehr Zeit damit zu verbringen, die neue Fotokamera endlich etwas besser verstehen zu lernen.

Zwischendurch radeln wir nach Valdivia, um frisches Obst zu besorgen oder die lebendige Stadt etwas zu genießen. Oder Phil kommt beladen mit frisch gebackenen Kuchen vorbei, um den Nachmittag im Cockpit zu sitzen und über Segeln und die Welt zu tratschen.

Valdivia

Valdivia, eine Stadt mit lebenslustigen Flair

Valdivia

Stadtzentrum Valdivia direkt am Fluss

Gemüsemarkt

In Chile kauft man Obst und Gemüse frisch am Markt

Valdivia

Abenteuerliche Stromnetze

Strassenkünstler in Valdivia

Lebenslust. Auf den Strassen wird getanzt, musiziert, schongliert, und gehandelt.

Fischereihafen Valdivia

Einige Kutter der großen Fischereiflotte von Valdivia

Im Fischmarkt von Valdivia

Fischmarkt von Valdivia

Seelöwen warten auf Abfälle am Fischmarkt

Vor dem Fischmarkt warten die Seelöwen auf Abfälle

Leben am Fluss

Leben am Valdivia Fluss - wir genießen unsere Aussicht vom Steg aus und unternehmen Ausflüge mit dem Dingi

Über Land in Zentral Chile

Wir starten zu unserer Reise über Land in Zentralchile

Waldbrände

...und erreichen bald die verheerenden Waldbrände. Hunderte Kilometer fahren wir durch brennendes oder rauchendes Gebiet

Hafen

Selbst die Hafenstädte entlang der Küste sind mit einer Rauchwolke verhangen

Obst- und Weingebiet

Wir fahren durch das Obst- und Weingebiet Zentralchiles...

Fluss in Chile

...wo die Landschaft wieder lieblich ist und die endlosen Baumreihen der Industriewälder weit entfernt wirken.

Küstenstadt in Chile

Wir erreichen die Küstenstädte südlich von Valparaiso und Santiago...

Uralub an der Küste

...wo halb Chile auf Urlaub zu sein scheint.

Valparaiso

Die alte Hafenstadt von Valparaiso wirkt auf uns ernüchternd...

Valparaiso

Wohngebiet in Valparaiso...

Valparaiso

...wo sich die Häuser abenteuerlich in den Hängen festhalten.

Strassenhund

Die Straßenhunde von Chile scheinen gut zu leben, auch wenn sie den Müll am Strand durchsuchen.

Seengebiet

Wir verlassen die Städte, fühlen uns wohler in der Natur und machen Ausflüge zu den Bergen und Seengebiete östlich von Valdivia...

Vulkan

...hier finden wir das Chile unserer Träume - herrliche Seen, atemberaubende Vulkane, schöne Dörfer und - wie überall in Chile - freundliche Menschen

Küste Valdivia

Zurück an der Küste bei Valdivia, wo wir mit dem Fahrrad Ausflüge zum Delta von Valdivia Fluss machen

Nebla

...und den kleinen Fischerort Niebla besuchen.

Nebla

Abenstimmung im Bootshafen von Niebla

Proviantierung

Am Boot gibts einiges zu tun. Ich koche neuen Proviant für die Weiterfahrt ein, während sich Jürgen um die Technik an Bord kümmert.

Rigg Check

Rigg-Check

Bruch der Besandunterwanten

...bei dem ich Bruch an den Unterwanten des Besans finden muss. Zum Glück sind wir in der Werft Alwoplast, wo Jürgen genug Material und die Werfteigene Werkstätte zur Verfügung gestellt bekommt, um neue Beschläge für die Wanten zu bauen.

 

 

 

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