winterreise kanada
  
english
zur Kaffeekasse...

 Urlaub in der Prärie

eisfischen

Gefühllos, als seien meine Finger blos dürre Äste. Kalt, ein stechen von tausend Nadeln im Gesicht und über die Wangen. Meine klammen Hände gehorchen mir nur ungefähr und das Streichholz, mit dem ich endlich das Feuer im Kamin entzünden will, rutscht mir zweimal aus den Fingern.

Aber im Blockhaus ist es ohnehin gut warm und bald züngelt das Feuer im Kamin und ich strecke mich müde am schwarzen Ledersofa und lausche dem Gespräch zwischen Jürgen und meinen Brüdern, während ich genüsslich etwas Tee schlürfe. Wieder einmal haben wir einen herrlichen Tag hinter uns, wieder einmal habe ich erfahren, wie schön der Winter sein kann und wie aufregend es eigentlich ist, seine Ausflüge in Richtung Norden zu unternehmen.

Zugegeben, Lake Winnipeg ist nicht unbedingt die nördlichste Destination während unserer jahrelangen Arktis-Reisen, doch man darf mir glauben: einen derart kalten Winter wie hier haben wir bisher noch nicht erlebt. Und kalt ist der heurige Winter in Kanadas Prärie nun wirklich: -30 Grad mit Wind Chill (gefühlte Kälte im Wind) bis -45°C und kaum eine Woche ohne Schneesturm.

Und während die Kanadier um uns ein wenig stöhnen (kaum einer hatte bisher einen derartig kalten Winter wie jetzt erlebt), bin ich mehr als begeistert. Immerhin habe ich insgeheim gehofft, dass unser Besuch in Manitoba ein kaltes Erlebnis wird und mir noch einmal die Chance gibt, ein paar Wintermonate so richtig zu genießen.

Zur Zeit befinden wir uns am Ufer des Lake Winnipeg, genauer gesagt, in Manigotagen im schönen Blockhaus von Arnold, eines Freundes meiner Familie. Das Haus nützen wir allerdings nur für die Nacht, denn schon nach dem großen Frühstück ala Nordamerika - mit Eier, Speck und Würste - geht´s hinaus aufs Eis. Dann wird geschäftig der Schlitten vom Snowmobil bepackt: mit Eisbohrer, Zelt, warme Hauben und extra Handschuhe, Köderfische und Angelruten, "Tip-up"-Angeln und Eisschöpfer, einige wenige Bier und eine Thermoskanne Tee, ein paar Campingstühle und eine Schneeschaufel. Die Jause und eine zweite Runde Bier hohlen wir später, bis wir sie brauchen sind sie so und so gefroren.

manigotagen

Als nächstes kontrollieren wir den Ölstand bei den Motorschlitten und starten sie. Jetzt heißt es warten, die Geräte müssen erst einmal warm werden. Doch bald geht es los, langsam arbeiten wir uns durch den Wald zum Ufer, die Strecke haben wir schon die letzten Tage präpariert, damit wir nicht mit dem Schlitten in Schlepptau stecken bleiben.

Wir erreichen das Ufer und fahren auf die Meterdicke Eisdecke. Fahren kann man hier nur langsam, der Wind hat die Schneedecke zu steif gefrorenen Wellen am Eis gefirnt. Weiße Wellen, die sich die kommenden Monate kaum von ihren Platz bewegen werden und die dort am höchsten sind, wo sich das Eis zu kleinen Eispressungen aufgestellt hat. Es dauert eine Weile und mein Atem hat sich längst zu wirren Eisrosen in meinem Visier angelegt, bis wir eine Stelle am See erreichen, die uns gefällt. Hier, wo ein Fluss den großen See speißt und das Wasser unterm Eis nur wenige Meter tief ist, hier wollen wir es versuchen und schon arbeitet Jürgen und Andi am Eisbohrer, während Hermann und ich das Zelt aufstellen und die Angeln vorbereiten. Die Köder für die Tip-up Angeln haben wir schon im Blockhaus geriggt, zu kalt ist es hier, um die Handschuhe länger ausziehen zu können und die gekauften toten Heringe auf die passenden Harken aufzuspießen.

Schon sitze ich vor meinem Loch und lasse den ersten Köder durch das ein Meter dicke Eis in die Tiefe sinken. Wir haben nicht alle Platz in dem Zelt und für den Anfang wollen wir ohnehin nicht drinnen sitzen. So sieht unser Camp bald recht geschäftig aus: die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und den Schal bis unter die Augen gewickelt, im dicken Schneeschlitten-Outfit und mit verfrorenen Wimpern tippen und zupfen wir an unseren winzigen Eisangeln herum. Das mitgebrachte Bier muss schleunigst getrunken werden, egal, dass wir immer noch Vormittag haben. Aber einerseits will keiner von uns von einem Wildhüter mit einem offenen Bier am Eis erwischt werden und andererseits - die größere Gefahr - ist es so kalt, dass nach kurzer Zeit noch maximal Biereis-Würfel gelutscht werden können.

eisfischen

Es dauert ein bisschen, aber dann geht´s los: dem ersten Zupfer folgen bald schon die ersten Bisse an der Angel und es ist beinahe aufregend, als der erste Zander am Eis landet. Irgendwann bin ich allerdings frustriert: zwar fische ich einen Zander nach den anderen, schaffe es aber trotzdem, am Abend mit nur einem kleinen Zander nach Hause zu kommen. Alle anderen waren zu klein und wurden von mir schleunigst wieder ins kalte Nass entlassen.

Am Abend - nach dem Aufwärmen vorm Kaminfeuer - wird gemeinsam filetiert und gekocht und wir sind erstaunt, wie müde wir eigentlich sind.

Doch nicht alle Tage in Manigotagen verbringen wir am Eis und starren in selbst gemachte Löcher. Zu verlockend ist es, weite Ausflüge mit den Motorschlitten zu machen. Früher als sonst starten wir die Schlitten, packen ein paar Grillwürste ein und preschen über den See. Nun haben wir keinen Geräteschlitten angehängt und so keinen Grund, langsam und vorsichtig übers Eis zu fahren. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, springen über die Schneewehen und drehen die Snowmobils auf. Bald erreichen wir die erste Insel und biegen in den präparierten Weg in den Wald ein.

Unglaublich schön glitzert der Wald in seinem weißen Kristallkleid um uns, selbst die Luft glitzert mit ihren Eiskristallen in der Kälte. Ich presche Jürgen hinterher. Er ist bereits vor Tagen mit meinem Bruder diese Tour gefahren und kennt die Strecke. Noch einmal geht es übers Wasser, oder besser gesagt, übers Eis und wir erreichen Gull Harbour. Ich muss lachen, ist doch irgendwie alles wie wir es gewöhnt sind: immer erreichen wir neue, uns unbekannte Flecken dieser Erde über Wasser. Immer ist der Hafen oder die Ankerbucht das erste, was wir vom nächsten Dorf, von der nächsten Insel oder vom nächsten unbewohnten Land sehen. Nur, dass wir dieses mal nicht per Boot kommen. Nicht nach einem Platz suchen, kein Dingi und keine Stege brauchen, um an Land zu kommen. Jetzt fahren wir einfach übers Eis und merken kaum, ob wir noch das Eis des Sees oder schon den Schnee des Ufers unter unsere Kufen haben.

lake winnipeg

Wir lassen den See und den Hafen hinter uns, schießen übers Land in den Westen. Kleine Wälder und weite Flächen schneebedeckte Felder fliegen an uns vorüber, hin und wieder überqueren wir eine schnurgerade Straße, die sich scheinbar in die unendliche Weite Kanadas verläuft. Wir brausen an einzelnen Farmen vorbei, folgen einen weiteren Snowmobil-Trail und biegen in den Süden ab. Irgendwann kommen wir bei einem "Warm-up-Shelter", einer Holzhütte mit Ofen und Feuerholz, Plumpsklo und Pritschen zum Schlafen, vorbei. Wir parken unsere Motorschlitten vor der Hütte und starten das Feuer im Ofen. Es braucht eine Weile, bis wir endlich unser Mittagslunch genießen können - immerhin sind Würste und Brot steif gefroren und müssen erst über dem Feuer geröstet werden.

Weiterzufahren, aus der warmen Hütte in die Kälte zu treten und die abgekühlten Muskel erneut anzustrengen ist wohl das einzig ungemütliche an so einer Fahrt. Doch wir wollen weiter, haben noch einen weiten Weg vor uns. Es dauert nicht lange, sind die Muskel wieder warm und der Fahrspaß lässt den kalten Wind vergessen. Wir sind ohnehin gut eingepackt und kommen eher ins Schwitzen als ins Frieren. Speziell entlang des weniger schönen Teil der Strecke, in dem wir im Tiefschnee fahren müssen. Unglaublich, wie anstrengend es ist, die schweren Motorschlitten am Schnee zu halten, nicht den Abhang hinunter zu rutschen und nicht im Schnee stecken zu bleiben. Umso härter fallen da auch ein paar Sprünge aus, sind die gefierten Schneehügel im einheitlichen Weiß kaum bald genug zu sehen. Natürlich geht´s auch nicht ganz ohne Stecken zu bleiben und so sind wir ganz froh, in Gimli endlich wieder den Snowmobil-Trail zu erreichen.

Nach dem Tanken geht´s in den Hafen. Dort liegt das Forschungsschiff von Lake Winnipeg im Eis. Wir drehen eine Runde im Hafen, schießen ein paar Fotos und fahren weiter raus aufs Eis. Offensichtlich fischen auch die Einheimischen von Gimli gerne, raucht doch das Abzugsrohr der einen oder anderen Eishütte und stehen ein paar Autos und Snowmobils herum. Wir überholen einen Pickup am See und biegen ab zurück an Land. Die Sonne ist bereits am unter gehen und unser Magen knurrt. Zeit, ein gemütliches Restaurant zu suchen.

lake winnipeg

Die Kellnerin lacht: "Klar könnt ihr zwei Tische belegen, eure ganze Ausrüstung hat ja ohnehin nicht an einem Tisch platz". Gesagt, getan und schon landen Helme, Handschuhe, Innenhandschuhe, Halskrausen und Sturmmützen, Jacken, Innenjacken und Pullover auf dem Tisch. Erstaunte Blicke vom Nebentisch: "Seid ihr heute wirklich mit den Motorschlitten ausgefahren? Bei Minus 42 Grad Celsius?" Noch mehr Erstaunen ernten wir mit unserer Antwort: "Klar, und keine kleine Runde. Wir haben immer noch über hundert Kilometer Heimweg vor uns!"

Das Abendessen könnte nicht besser schmecken und wieder wird es etwas ungemütlich in der Kälte, bis die Muskel wieder warm werden. Schnell gewöhnen wir uns an die Dunkelheit und durch den Wald geht es jetzt ein bisschen langsamer: zu gefährlich ist das Wild, das unerwartet aus der Dunkelheit auftauchen könnte...

Die lange Fahrt über den See wird spannend? Immerhin müssen wir heute ohne Seekarte und ohne Bojen unseren Weg nach Hause finden. Hätten wir nicht schon beim Aufbruch heute Morgen Gedanken über die Navigation nach Hause gemacht, währen wir wohl am Eis verloren! Der See ist riesig und bald schon sehen wir nichts als schneeverwehte Eisfläche im Lichtkegel unserer Scheinwerfer. Doch wir wissen, der rot blinkende Sendemasten am Horizont steht irgendwo in der nähe von Manigotagen, unserem Ziel. Zu dumm nur, dass wir das Licht im Haus nicht brennen ließen, denn am Ufer angekommen dauert es ein wenig, bis wir wieder die Orientierung finden.

Irgendwann packen wir unsere Ausrüstung zurück in den großen Anhänger meiner Brüder und lenken den Pick-up zurück Richtung Altona, wo wir seit Weihnachten bei meiner Familie leben. Und auch hier erleben wir eine schöne Zeit: auch hier fahren wir unsere Runden mit den Motorschlitten und gehen Eisstockschießen in einem nahen Teich. Wir machen Ausflüge in die Hauptstadt und haben einige Famileinfeste zu feiern. Selbst die Kultur kommt nicht zu kurz und ich genieße es, nach Jahren in der Arktis wieder einmal einen Theaterbesuch zu machen. Ich schaffe es endlich, mein letztes Buch fertig zu stellen und nütze den uneingeschränkten Internetzugriff im Elternhaus, um endlich mein Buch zu publizieren. Wir lassen uns von meinem Bruder und seinen unglaublichen Kochkünsten verwöhnen und freuen uns, meinen kleinen Neffen Ronan endlich näher kennen zu lernen. Und unter uns, er ist ein richtiges kleines Goldstück! Und natürlich folgen noch etliche Ausflüge ins Eisfischen und Snowmobilen!

familienfeier

Doch wir wollen auch einen Teil des Winters in Alaska erleben und so kommt der Tag, an dem wir unser Rückflug Ticket buchen. Kurz vor dem Abflug überrascht uns eine mail meiner besten Freundin aus Österreich: sie plant einen längeren Alaskaurlaub und wird gemeinsam mit ihrem Mann schon Anfang März aus dem Flugzeug in Anchorage steigen!

Vor ihrer Ankunft haben wir allerdings noch einiges an Bord zu erledigen und so sind wir schon im frohen Datendrang und mit dem Kopf schon fast wieder in Alaska, während wir am Fluggate in Winnipeg Airport sitzen. So schnell sollten wir allerdings nicht nach Hause aufs Boot kommen. Denn schon in Denver (ja, wir fliegen erst mal einen ordentlichen Umweg in den Süden, um nach Alaska zu kommen) stecken wir fest: Schneesturm! Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass wir einen kalten Winter haben?! Man sollte eben doch ein bisschen vorsichtig mit seinen Wünschen sein, denn das hab ich nun davon, dass ich mir einen superkalten Winter in Kanada gewünscht habe...

Einen langweiligen Tag im Hotel (was uns zum Glück die Airline gezahlt hat) später, sitzen wir auch irgendwann im Flugzeug, nachdem ich am unglaublich heiß geheizten Flughafen von Denver fast in meiner Winterausrüstung und meinen isolierten Wintergummistiefel gestorben bin. In Anchorage angekommen werden wir eine weitere halbe Nacht am Flughafen sitzen, bis das kleine Probellerflugzeug uns endlich nach Homer bringt. Natürlich haben wir mit der ganzen Fliegerei jetzt schon unsere Fähre nach Halibut Cove versäumt - sie fährt eben nur Dienstag und Samstag! Doch wie schön ist es, in der Ferne Freunde zu haben und so hat mir Jim aus Halibut Cove schon letzte Nacht geschrieben, dass er mit seinem Aluboot mit starken Außenbordern rechtzeitig in Homer sein wird, um uns eine Fahrt zurück zum Boot zu spendieren! Was werde ich mich freuen, wenn diese unendlich lange Flugreise hinter uns liegt und ich Jim im windigen Hafen von Homer zur Begrüßung umarmen kann!

warm up shelter

am Warm up Shelter

warm up shelter

...worin es richtig gemütlich hergeht!

abend in manitoba

ein Abend in Manitoba...

stecken geblieben

nicht immer einfach...

kalt

und auch nicht immer warm!

wind

Zeit, nach Hause zu kommen, der nächte Blizzard kommt bestimmt!

einfahrt

Nach jedem Wind muss erst mal der Tracktor her!

halo

Halo mit "Sundogs" - zwei falsche Sonnen am Horizont

Motorschlittenausflug

Und wieder ein Ausflug mit den Motorschlitten

zum Eisfischen

Neuer Ausflug zum Eisfischen - mit dem Schlitten geht´s nur langsam voran!

eisbohren

Eisbohren

Zum Eisfischen

... und schon kann gefischt werden!

Schneeschlitten

Einer muss die Jause hohlen!

eisfischen

...während wir fleißig Eisfischen

eisfischen

Herausforderung: Fischen!

Hecht

Jürgens Hecht!

eishütte

Wir helfen einem "Nachbarn"

Blockhaus

Morgends im Blockhaus - präparieren der Angeln

Tip up

Wir bereiten die Tip-up Angel vor

Blockhaus

Ausfahrt

Ausfahrt - am See vor "unserem" Blockhaus

warm up shelter

Neuer Ausflug - neuer Warm up Shelter!

motorschlitten ausflug

in Gimli

Arnolds Blockhaus

in Manigotagen

Manigotagen

am Morgen in Manigotagen

Ausflug am See

Ausflug am See, allerdings sind wir mit den Motorschlitten unterwegs!

zuhause

Zuhause bei meinem Bruder

Grillen

Kein Scherz - der Winter kann uns nicht kalt genug sein und so gibts einen Abend auch mal BBQ

Schneeverwehung

Wenn der Wind bläst...

Ausflug

Ein neuer Ausflug!

Fischen

Und noch mal Fischen!

Eisfischen

Mein Bruder Hermann im Zelt...

eisfischen

...und draußen!

 

zur Kaffeekasse...

[zum seitenanfang]

 

Winter in Kanada - Familienzeit, Eisfischen und Snowmobilausflüge

 

 

 

Impressum, Kontakt