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 Der Tag, an dem wir den Passat fanden

Pazifiküberquerung

22. März 2015

Der fünfte Tag auf See ist angebrochen. Sanft und friedlich wiegt uns der Pazifik in seinem langem Atem. Dreidimensional leben, ohne festen Boden unter den Füßen! Umgeben von Blau - tiefblaues Wasser, himmelblaue Luft, ein paar kleine weiße Quellwöklchen voraus, leuchtend weiße Segel, von einer leichten, achterlichen Brise gefüllt. Längst kein Land mehr in Sicht.

Wir sind noch nicht sehr weit gekommen.

Unsere ersten Seetage dieser Reise verbrachten wir bei kaum spürbarer Brise im Golf von Kalifornien und zwischen langsamen Segelschlägen lagen lange Stunden der Flaute. Flaute, in der LA BELLE EPOQUE in der stillen See trieb und die Bootsbewegung mehr nach einem rolligen Ankerplatz anmutete als nach Segeltage. Doch was macht das schon, sind wir doch zu einer Seereise aufgebrochen, die zirka ein Monat dauern wird. Ein paar Tage mehr oder weniger spielen dabei wohl keine Rolle. Außerdem wussten wir ja, dass draußen kaum Wind herrscht und sind trotzdem aufgebrochen. Aufgebrochen in der Hoffnung, während der müßigen Tage im Golf von Kalifornien ohne großen Leid unsere Seebeine wieder zu finden. Vielleicht klug, vielleicht nur ein hoffnungsvoller Versuch. Wie auch immer, ganz die alten sind unsere Seebeine wohl immer noch nicht!

Seit zwei Tagen haben wir Mexiko hinter uns gelassen, segeln über den offenen Pazifik. Der friedliche Ozean meint es gut mit uns, zeigt sich von seiner sanftesten Seite und begrüßt uns mit seiner herrlichen Tierwelt. Wie zum Abschied aus Mexiko kam in unserer ersten Nacht hier draussen ein Buckelwal an unsere Bordwand, tauchte neben uns auf, blies seinen Gruss an uns und verschwand in den Tiefen. Nun sind wir alleine. Alleine? Wohl kaum. Eine Schule Delfine kam gestern zu Besuch vorbei. Zu Duzenden spielten und jagten sie um LA BELLE, surften in der Bugwelle, drehten sich zur Seite und blickten mich mit ihren runden Augen an. Doch irgendwann war ihnen die grüne Stahlyacht mit der leichten Brise in ihren Segeln zu langsam, mühelos schossen sie davon.

Gelegentlich kreist ein Blaufußtölpel um die Masten. Beobachtet uns, wiegt ab, ob er hier zur Rast landen kann. Keine Sorge, wir haben keinen Windgenerator mehr, eine Landung auf Deck ist kein Problem! Doch sie entschließen sich bisher immer dagegen und fliegen weiter.

Jeden Tag schleppen wir unseren Angelköder hinter LA BELLE EPOQUE her. Heute morgen gab´s den ersten "Fang", zu dem wohl die Angelrute keinen großen Beitrag geleistet hat. Während der Nacht sind zwanzig kleine Calamar und ein Fliegender Fisch auf Deck gelandet. Wahrscheinlich sind sie von einem Jäger vor sich her getrieben worden und haben in ihrer Aufruhr das vorbeifahrende Schifferl übersehen. Sie müssen morgens nur eingesammelt werden. Mit etwas frischem Knoblauch und in Salz gelegten Koriander sind die "Hüte" der Calamar eine wahre Delikatesse! Der Fliegende Fisch wird zum Köder.

Von nun an bleibt der Angelhaken auch während der Nacht im Wasser. Mal sehen, vielleicht bringen die traumhaft schönen Nächte hier auf See etwas mehr Erfolg als die heißen Tage. Hoffentlich beißt jedoch nichts Riesiges in meiner Wache! Ein kleiner Tunfisch oder eine junge Dorade, bitte blos kein großer Marlin oder Hai!

Calamar an Deck

24. März 2015

Sechs Tage auf See.

Welch eine Nacht. Ich kann es kaum glauben, wie herrlich der Nachthimmel ist. Nur eine dünne Sichel ist der Neumond, umgeben von einer Sternenpracht, die nur die Einsamkeit des Ozeans zu offenbaren weiß. Doch, ich weiß. Ich sehe das nicht zum ersten mal. Ganz sicher nicht. Ganze Monate habe ich in meinem Leben damit verbracht, meinen Blick zu den Sternen zu richten und den Kurs nach ihnen zu halten, die Gedanken bis zu ihrer Unendlichkeit fliegen zu lassen. Dennoch. Der stille Weite des Nachthimmels zieht mich doch immer wieder in seinen Bann, lässt ein Hochgefühl in mir erwachen. Ja, wenn irgend etwas romantisch am Segeln sein soll, dann kann es nur das stille Weiterziehen unter dem endlosen Sternenhimmel sein!

Ich betrachte die Sternbilder. Wundere mich, wie die alten Griechen diese Figuren in ihren Bildern entdeckt haben. Wundere mich, ob ich selbst Figuren in die Sterne zeichnen kann. Und wenn ja, welche Figuren würden es werden? Frage mich, ob ich bemerken werde, wenn der Südhimmel das gewohnte Bild meiner Nächte ablösen wird. Ob ich wohl das Kreuz des Südens sehe, wenn es sich mir zum ersten mal zeigt? Oder leuchtet es schon längst Bug voraus. Fast möchte ich den Sternenatlas und die Taschenlampe aus der Kajüte holen. Nachsehen, ob ich die wenigen Figuren, die ich kenne, richtig deute. Bestimmen, welche Bilder über mir glitzern. Doch halt. Später vielleicht. Nicht jetzt. Jetzt ist die Zeit des Zaubers der Nacht. Ich bleibe am Heckkorb lehnen. Die Akkordionklänge von Yann Tiersen mischen sich mit dem Plätschern des Heckwassers, während LA BELLE sich in der sanften See wiegt und meine Arme beginnen, wie die eines Dirigenten den Tackt in den Himmel zu zeichnen!

Noch immer segeln wir mit einer leichten Brise. Über den Mathematicans Seamounts wird die Welle etwas ungemütlich und die Segel protestieren mit lauten Schlägen. Doch es dauert nicht lange, hat sich der Atem des Pazifiks wieder beruhigt.

Herrlicher Sonnenschein. Wunderbar, ruhige Tage. Kleine Arbeiten hier und da: Miss Aries erhält ihre tägliche Dosis Fett, am Vordeck werden die Calamar und Fliegenden Fische eingesammelt. Der Angelhaken ist verschwunden, ein neuer Köder muss geriggt werden. Heute ist Waschtag. Ich schleppe die verschwitzten T-Shirts, Unterwäsche und Badesachen an Deck, Jürgen füllt die Wascheimer. Bald schon ist das Cockpit ein Waschsalon. Unseren "Steuermann" stört´s nicht weiter: Miss Aries erledigt ihren Job ohne zu Murren.

Der Waschtag geht weiter. Jürgen hat Lust auf ein Vollbad und bald schon wir seine Idee zum Plan. Wir drehen das Dingi am Vordeck, pumpen die Luftschläuche fest und holen Wasser an Bord. Luxus vom Feinsten: über Stunden liegen wir im lauwarmen Wasser unserer ganz persönlichen Freiluftbadewanne, Wellengenerator inklusive!

Wie jeden Abend streiten sich einige Tölpel und die beliebtesten Plätze an Bord: die beiden Mastspitzen. Ein Gezeter und Gezanke bricht los. LA BELLE wird umkreist und umkreist, aus drei Tölpel werden fünf Tölpel und das Landen auf rollenden Mastspitzen wird zum Kunststück. Irgendwann kehrt Ruhe ein, die Plätze sind belegt. Nach der erhaltenen Abendunterhaltung sind wir von den Flugartisten jedoch wenig begeistert: Alle Decksluken zu - heute Nacht gibts wieder Bomben von Oben!

Dingivollbad

26. März 2015

Der achte Tag auf See bringt Veränderung! Wir jubeln, beobachten begeistert, wie LA BELLE EPOQUE den Meister in ihr zum Vorschein bringt, unter ihren vollen Segel läuft und unbeeindruckt von der See kaum rollt. Wir haben den Passatwind gefunden, ziehen platt vorm Lacken über das tiefblaue Meer. Hinter uns schäumen die Wellenköpfe im hellen Weiß, sanft wiegt uns die lange Dünung des Pazifiks. Am Himmel stehen Quellwolken, der Horizont ist milchig weiß. Die leere Weite streckt sich bis weit hinter dem Horizont.

Doch herrscht Leben um uns. Mittlerweile begleiten uns acht Tölpel und ich bin nur wenig neugierig, wo sie heute Nacht zu schlafen und furzen planen. Wieder kommt uns eine Schule Delfine besuchen, kreisen die grüne Stahlyacht ein und spielen in ihrer Bugwelle. Nur schade, dass wir sie nicht singen hören können. Ich kann es nicht verstehen, konnten wir sie doch an Bord unseres ersten Boots, unserer IRISH MIST, stets gut hören. An Bord LA BELLE EPOQUE bleibt es still - einmal abgesehen vom Säuseln des Winds, dem Gurgeln der Bugwelle, dem Knirschen des Falls und dem plätschern der Wellen!

Segeln im Passat

31. März 2015

13 Tage unterwegs. Seit gestern Nacht sind wir in den Gewittergebiet der Kalmen. Ganz passend sprechen unsere Wetterkarten von einem "Monsun-Trog". Wir haben dieses Flauten- und Regengebiet weiter im Norden gefunden als erwartet. Denn wir sind gerade mal auf 8°N. Aber gut. Bis hierher ist das Segeln wirklich einfach gewesen. Uns selbst hier zwischen den hoch auftürmenden Gewitterwolken scheint keine Gefahr zu sein - noch haben wir keinen Starkwind unter ihnen angetroffen. Aber sie bringen Regen. Monsunartigen Regen. Regen, der dem grauen Meer die Wellen glättet und unser Deck blank spült. Regen, der uns willkommen ist, den wir in Kanister sammeln und der uns etwas Abkühlung verschafft.

Zwischen den Gewitterwolken und Regenfällen: Flaute, manchmal auch variabler Leichtwind. Nicht so toll. Aber wir kommen voran und die Wetterkarten lassen Hoffnung aufkommen. Immerhin sollten wir das größte Flautengebiet Morgen Abend hinter uns bringen. Aber mal sehen.

Mittlerweile ist es heiß geworden. Unerträglich heiß, sobald die Flaute einsetzt. Auch wenn das Thermometer gerade mal bei 33 Grad steht, wir haben über 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und es ist drückend schwül. Nachts fällt das Thermometer niemals mehr unter 28 Grad Celsius. Das Wasser unter uns hat ebenfalls bereits 28 Grad und hilft nicht mehr, das Boot abzukühlen. Aber es ist voller Leben. Seit Tagen essen wir nur noch Fisch. Bonito, Tunfisch, Makrelen. Letzte Nacht hing eine eigenwillige Kreatur an unserem Haken: eine Schlangenmakrele (zumindest heißt sie auf Englisch Snake Makrel, ein Name, den ich ganz einfach mal wörtlich übersetzt habe). Das Fleisch ist ölig, fast wie ein Hering und ich bin schon gespannt, wie die aalförmige Makrele schmecken wird. Gestern ist uns ein Tunfisch mit samt unserem Köder abgefahren. Ein Prachtexemplar mit vielleicht 1,5 Meter Länge, das ohnehin besser am Leben bleibt. Auf jeden Fall hat er einen Freudensprung aus dem Wasser gemacht, nachdem er freigebrochen war und ich habe seine Schönheit bestaunt. Und wie schon gewöhnt: Täglich begleiten uns Delfine!

Delfinbegleitung

3. April 2015

Der sechzehnte Tag auf See beginnt geschäftig. Während ich die schottischen "Scones" fürs Frühstück ins Backrohr schiebe, meldet sich die Angel. Jürgen hat Freiwache und schläft, also bleibt mir nichts anderes übrig als in der Pantry alles liegen und stehen zu lassen und nach draußen zu stürmen. Der kleine Bonito währt sich nicht lange und so liegt er bald erledigt und ausgenommen im Cockpit. Auch Jürgen hat die Angel gehört und späht neugierig aus der Luke. "Bonito fürs Mittagessen! Perfekte Größe, genau ausreichend für uns zwei. Willst du vor, oder nach der Regenfront frühstücken?" "Nachher. Will noch nichts wissen vom Regen!" kommt die Antwort und schon ist Jürgens Kopf wieder im Boot verschwunden.

Gestern haben wir die halbe Strecke zu den Marquesas Inseln geloggt. Doch wir waren zu müde, zu faul, um ein kleines "Bergfest" zu feiern. Mittlerweile verstreichen die Tage und Nächte ineinander. Jedes Gefühl für Zeit versinkt im ewigen auf und ab des Pazifiks. Was spielt es auch noch für eine Rolle, welchen Tag wir haben oder wie lange wir schon hier draußen sind? Selbst die Erinnerung an trockenes, bewegungsloses Land scheint zu verblassen. Alles, was es noch gibt ist das nasse Element, dass uns von allen Seiten einzunehmen scheint. Wasser umgibt uns. Nicht nur unter dem Boot, die Luft ist schwer vor Feuchtigkeit, die Körper dunsten vor Schweiß. Ich würde mich auch nicht wundern, wenn mir bald Schwimmhäute wachsen!

Das Meer lässt uns auf seiner Oberfläche tanzen, manchmal stolpern wir auch nur dahin. Das Meer füttert uns, bringt in seinen Wellen Besucher und ändert unsere Stimmungen an Bord mit seinen Farben. Mit seinen Geräuschen, mit seinen Launen. Ja, es ist unglaublich, wie fragil, wie zart unser Nervenkleid im Anbetracht dieser Weite ist. Dieser von Leben gefüllten Einsamkeit. Hochgefühl, Langeweile, Verzauberung, Müdigkeit, Erschöpfung, Tatendrang, Gereiztheit. Alles liegt so nahe aneinander.

Obwohl das Segeln leicht fällt, uns keine Stürme plagen und keine schweren Seen schikanieren, LA BELLE ihre Fahrt durchs Wasser zieht ohne große Hilfe von uns zu benötigen und wir viele Stunden am Tag nichts anderes als Passagiere an Bord sind, ist das Leben auf Hochsee anstrengender als gedacht. Es ist ermüdend, sich mit jeder Bewegung dem tanzenden Schifferl anpassen zu müssen. Flaut der Wind ab und tanzt das Boot in den Wellen, rauben schlagende Segel die letzten Nerven. Das Grau des Himmels raubt dem Meer jede Farbe und verhüllt auch unsere Launen mit farbloser Trostlosigkeit. Klart der Himmel auf, leuchtet der Ozean in tiefsten Blau, sind alle Strapazen vergessen, wir fühlen uns voller Energie und Bewunderung. Dann ziehen Tölpel und andere Seevögel ihre Kreise ums Boot und Delfine springen in der Bugwelle und unser Hochgefühl könnte kaum weiter fliegen. Abends ist endlich die Hitze der Sonne verschwunden. Mit etwas Musik in den Kopfhörern und einer kühlen Brise auf Deck lässt sich die wahre Schönheit vom Ozeansegeln bewundern: die Nacht. Dann verliert man sich in den glitzernden Lichtspiel des Kielwassers, erfreut sich am ewig weiten Sternenhimmel und lässt seine Gedanken wie Sternschnuppen durch den Kopf ziehen.

Mittlerweile hat sich der Wachrhythmus an Bord bei fünf Stunden Schichten über Nacht eingependelt. Nachmittags halte ich ein kleines Nickerchen, um acht Uhr abends geht meine erste Wache los. Ich verbringe meine Zeit mit Lesen, Musik hören, Schreiben. Oder auch nur dem Beobachten der Welt um mich und dem freien Spielen mit Gedanken. Alle fünfzehn Minuten widme ich mich dem Boot. Beobachte die Segel, überprüfe den Kurs. Halte Ausschau und suche den Horizont ab. Um ein Uhr morgens übernimmt Jürgen, der hoffentlich etwas geschlafen hat. Jürgen kann bei Helligkeit nicht recht einschlafen und so übergibt er mir die Wache um sechs - knapp vor Sonnenaufgang. Dann hat er nochmal einige Stunden Ruhe, während ich den Sonnenaufgang bewundere und das Frühstück koche. Manchmal überzieht er aber auch und lässt mich länger schlafen. Tagsüber gibt es bei uns an Bord keine direkte Wacheinteilung. Das ist nicht nötig. Wir passen ohnehin auf, dass jeder von uns genug Ruhe bekommt, dazu benötigt es keine Uhr und Einteilung.

Pazifiküberquerung

10. April 2015

Das Logbuch sagt mir, dass wir den 23. Tag auf See sind. Sie verlaufen ineinander und es ist nicht mehr so einfach, sie zu zählen und auf Stand zu bleiben. Aber was macht das schon? Zeit spielt ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle und die Bordzeit - immer noch Mexico-Zeit - stimmt längst mit der aktuellen Tageszeit nicht mehr überein.

Wir haben ein paar wechselhafte Tage hinter uns, in deren Verlauf uns weiterhin die Kalmen mit ihren Regenfällen und ihren unsteten Winden herausgefordert haben. Obwohl wir darauf geachtet haben, dem launischen Wind stets mit genug Segelfläche zu trotzen, haben wir uns langsam an die mageren Etmale gewöhnt. Zwischen 90 und 110 Seemeilen in 24 Stunden ist etwas ziemlich neues für uns, sind wir bisher doch die steifen Winde der nördlichen Breiten gewöhnt gewesen.

Am 7. April um 4.30 morgens war es dann soweit: Jürgen weckt mich mit zwei kleine Gläschen österreichischen Zwetschkenschnaps (danke Andi!) in der Hand. Am Himmel leuchtet das Kreuz des Südens und La Belle Epoque zieht unbeeindruckt über die imaginäre Linie. Wir haben den Äquator erreicht. Zum ersten Mal in meinem Leben "betrete" ich die Südhalbkugel und das muss schon gebührend gefeiert werden. Trotzdem, fünfzig Prozentiger Schnaps mitten in der Nacht ist nicht ganz unser Ding.

Vorgestern kam die schlechte Nachricht: eine weitere Intertropische Konvergenz Zone sollte sich bei 4 bis 5 Grad Süd bilden und sich bald über den ganzen Weg bis zu den Marquesas strecken. Und wir dachten, wir hätten wenigsten das hinter uns! Es kommt noch schlimmer: das Wettergeschehen des El Niño scheint sich zu verstärken und könnte die kommenden Tage den Passatwind südlich der Konvergenz Zone zusammenbrechen lassen. Unser Segelfreund Christian, mit dem wir Abends über Amateurfunk tratschen, bestätigt die Neuigkeiten. Über Internet verfolgt er unsere Reise und beobachtet die Wetterdaten. Oh weihe, wenn der Passat wirklich zusammenbrechen sollte, wird unsere Reise wohl noch eine ganze Weile dauern. Und ich träumte schon von grünen Inseln und frischem Obst.

Ja, morgen zum Frühstück werden wir unseren letzten Apfel verspeisen. Schade, sie waren wirklich gut. Orangen und Limonen sind noch etliche an Bord, es fehlt also an nichts. Auch unser Wasserverbrauch ist gering. Gestern haben wir unseren ersten Tank leer getrunken - damit haben wir erst ein Viertel unseres Trinkwassers verbraucht. Wir kommen auf einen Wasserverbrauch von 5,5 Liter per Tag. Das ist wirklich nicht schlecht für zwei Personen in den Tropen, würde ich sagen! Im Ganzen sind wir verwundert, wie wenig Proviant wir benötigen. Zwei Gläser Eingekochtes sind erst aufgebraucht, noch haben wir einiges an Frischgemüse, eine ganze Kiste voll Kartoffel und Karotten und etliche Zwiebel. Über lange Strecken hat uns das Meer ernährt. Gestern ist allerdings ein weiterer Fisch mit unserer gesamten Ausrüstung abgehauen. Nicht der Angel, aber allem, was so drauf war! Damit sind unsere zwei besten Köder nun dahin und die neu gewickelte Angelschnur ist nur noch halb so lang. Jetzt müssen wir wieder austesten, welche unserer übrigen Plastikköder den besten Gefallen finden.

Zurück zum Segeln und zum Wetter: wir haben uns gestern noch eine kleine Chance, der neu bildenden Konvergenz Zone aus zu kommen, gesehen. Und siehe da: der Passat setzte ein! Und das nicht schlecht. Bis 25 Knoten Wind aus Südost kamen auf, die schweren Regenwolken über uns lockerten auf und LA BELLE flog plötzlich in alter Frische dahin. Die Genua 2 am Bug, die Fock am Kutterstag, das volle Groß und der einfach gereffte Besan wie weiße Schwingen in den Wind gestreckt, das Seitendeck immer wieder mal ins Wasser getunkt und schon macht Segeln wieder Spaß! Weißer Schaum krönt die lebenslustigen Wellen und Cumulus vom Wolkentreiber über den Himmel gejagt - wir ziehen mit dem Passat in den Süden.

Schon sieht die Welt wieder anders aus: die neuen Wetterdaten zeigen, der Passat hat die Überhand genommen. Die Konvergenz Zone hat sich zurückgebildet, El Niño hat den Südostwind nicht vertreiben können. Wir fliegen den Inseln entgegen! Jetzt nur keine Seemeile trödeln, bevor sich der Passat wieder alles anders überlegt!

Pazifiküberquerung

14. April 2015

Gerade ist die Sonne aufgegangen. Tag 27 ist angebrochen. Vor uns liegen noch läppische 250 Seemeilen bis Hiva Oa, wo wir in Atuona einklarieren wollen. An Bord werden bereits fleißig die Unterlagen zu den Inseln durchgesehen. Wir sehen uns verschiedene Ankerplätze entlang der Inselgruppe an und überlegen, wo wir überall stoppen wollen, was es alles zu sehen gibt.

Ich nehme die Infos mit gemischten Gefühlen auf. Muss mich erst daran gewöhnen, dass wir uns auf der Barfuss-Blauwasser-Strecke befinden. Die Einheimischen haben sich an Tourismus gewöhnt: will man Tikis sehen, muss man Eintritt zahlen. Ein Mietauto? Ein Segler schreibt von 145 Dollar im Jahr 2009. Es gibt Agenten und Tourguides. Dazu überfüllte und chaotische Ankerplätze. Man sollte meinen, dass hier alle "Yachties" bereits die Kunst des Ankerns kennen.

Aber dann, Barfuss kann ja auch Spaß machen. Man lernt andere Segler kennen, vielleicht gibts mal einen Potluck. Und überhaupt: türkisgrünes Wasser und schöne Sandstrände, dahinter sattgrüne Berghänge mit wilden Gipfeln und verzauberten Regenwäldern. Dazu die Rufe von unzähligen See- und Inselvögel und den schweren Duft von tropischen Blumen. Eine neue, fremde Kultur zwischen Inselleben und Kolonialeinfluss. Am Morgentisch Obst frisch von den Bäumen, dazu französischen Käse und Pasteten auf frischen Baguette und Croissants. Amerikanische Segler berichten von "interessanten Lebensmitteln und unzähligen Pasteten" - ach wie freu ich mich auf französische Küche!

Alle (Wetter-) Zeichen stehen dafür, dass wir die Intertropische Konvergenz Zone wirklich hinter uns gelassen haben. Seit Tagen treibt uns steter Passatwind den Inseln entgegen. Achterlich, aber nicht von Achtern, so können wir alle Segel fliegen lassen: die alte Genoa, das Groß und der Besan fangen den Wind ein so gut sie können. Die Etmale sind auf zirka 130 Seemeilen gestiegen. Ich weiß, dass ist immer noch nicht das Gelbe vom Ei, aber wir sind damit zufrieden. Außerdem ist es ja nicht mehr weit. Allerdings sieht es so aus, als müssten wir den letzten Tag mit Flaute rechnen. Erst zum Wochenende sollte dann der Passat wieder zurück sein. Doch ist das Ziel zu nahe vor der Nase, um nochmal ein paar Tage in der Flaute zu treiben. Dann werden wir höchstwahrscheinlich doch die Dieselreserven anzapfen. Wir haben bis hierher genug Geduld gezeigt.

Segeln im Passat

16. April

Vermutlich fünf Uhr dreißig Marquesas Zeit. Der 29. Morgen auf See sieht uns etwas ungeduldig, oder, besser gesagt, unter Motor. Aber das liegt daran, dass das erste Licht des Tages die spektakuläre Kulisse von Hiva Oa zeigt. Wir wollen nicht die kommenden zwei Tage der Flaute mit Sicht auf Hiva Oa im Pazifik treiben, dass ist wohl nach 28 Tagen auf See ein bisschen viel verlangt. Nein, dann doch lieber die letzten Seemeilen unter Motor!

Langsam zieht LA BELLE EPOQUE entlang der Südküste von Hiva Oa. Noch können wir das Land nicht wirklich riechen, nur eine kurze Weile hatten wir einen Geruch wie fauligen Orangen in der Nase. Gut, nicht unbedingt, dass, was man sich vorstellt, doch der Anblick dieser grünen Oase im ewigen Blau bedarf keine zusätzlichen Akzente. Schon von Weiten sind die Marquesas wunderschön.

Wir sind nicht mehr alleine. Vier weitere Yachten sind im Gewässer vor Atuona unterwegs. Eine davon läuft kurz vor uns in die überfüllte Ankerbucht, an deren äußeren Ende wir noch einen guten Platz halb hinter der Mole finden. Ich blinzle in der Sonne und kann die Schönheit um mich kaum fassen. Haushohe Gummibäume, Kokos- und Bananenpalmen umgeben uns, blühende Hibiskus-Sträucher wachsen hoch wie Bäume und verwöhnen unsere Nasen mit ihrem zarten Duft. Die Geräusche der Bucht setzten sich zusammen aus krähenden Hähnen und dem donnern der Brandung draußen. Im Hintergrund hört man einen Rasenmäher und -trimmer. Die Flut treibt ein paar Kokosnüsse an uns vorbei. Kaum spürbar wiegt sich LA BELLE zwischen Bug- und Heckanker.

Wieder fester Boden unter den Füßen. Wir wandern ins Dorf Atuona. Der erste Eindruck: extrem sauber und freundlich. Schönheit, wohin das Auge fällt. Schmucke Häuschen mit sauberen Obstgärten, feminin gekleidete, schöne Frauen mit Blumen in den Haaren. Große, maskuline Männer mit Tätowierungen und freundlichen Gesichtern. Jeder grüßt uns, die Autofahrer winken. Hoher Lebensstandard ohne Stress. Auch das Wetter will uns auf den Marquesas willkommen heissen. Die Sonne lacht vom Himmel und Nachts kühlt es angenehm ab. Nicht einmal Mosquitos wagen es, die friedliche Stimmung zu stören.

Wir kaufen uns Eiscreme im Markt und schlendern zur Gendarmerie, wo uns der freundliche Beamte hilft, das französische Formular auszufüllen. Wie viele Monate dürfen wir bleiben, will Jürgen wissen. "No limit! Ihr könnt hier bleiben. Willkommen in Französisch Polynesien!" Während wir das kühle Gebäude verlassen grinsen auch wir über beide Ohren. Sowas ist eben noch nicht da gewesen. "Stell dir vor, wir könnten hier ein Holzhäuschen bauen und bleiben!" Was für ein irrer Gedanke!

Marquesas

Morgenstimmung nach 28 Tagen und einer Nacht auf See!

Hiva Oa

Hiva Oa

Atuona

Vor Anker in Atuona

Leben auf den Marquesas

Leben auf den Marquesas

 

 

 

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