Segeln in Alaska
  
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 Unter Freunden

Winter in Alaska

Vor einer knappen Stunde hat die Sonne die dicken Schneewolken besiegt, mittlerweile zeigt sich der Himmel wieder im tiefen Blau und die schwarz-graue Wolkenwand ist nur noch am westlichen Horizont auszumachen. Über den Bergspitzen im Südosten hängen noch einzelne Wolken und verwischen den Übergang der schneeverwehten Felsen zum kalten Himmel.

Ein paar Seeotter treiben auf ihren Rücken zwischen den Eisplatten und ich muss über ihre weiße Schneehaube lachen, die sie selbst allerdings kaum stört. Geschäftig klopfen und knacken sie auf ihren Muscheln herum, indem sie die Leckerei immer wieder gegen den Stein hämmern, den sie auf ihren Bäuchen liegen haben. Dabei tratschen sie miteinander, jeder in seiner eigenen Stimme, seinem eigenen Dialekt. Eine eigenwillige Mischung aus Tönen, die vom Stöhnen eines alten Großvaters bis zum Geprappel eines neugeborenen Menschenbabys reicht.

Auch an Land und der Bucht regt sich überall fröhliches Treiben. Und während Graig seinen kleinen Kutter hinter LA BELLE EPOQUE am Steg fest macht, nachdem er die täglichen Arbeit auf seiner kleinen Austerfarm nachgegangen ist, steht Jürgen an Deck, kehrt Schnee von den Solarpaneelen und schaufelt Schnee aus dem Cockpit. Langsam trottet Bowman hinter der Schneefräse den Steg entlang, nicht, dass er verpflichtet wäre, die Steganlage sauber zu halten. Nein, aber er hilft eben gerne aus, wo er kann und freut sich, es für uns und alle andern, die die öffentliche Anlage nutzen, helfen zu können. Bei uns angekommen, stellt er den Motor der Fräse ab und erzählt, was es so alles neues gibt. Ja, Clem ist zurück aus Neu Seeland, er sollte heute mit seiner Fähre STORMBIRD aus Homer ankommen. "Ihr müsst mal rüber gehen und ihn besuchen, Clem freut sich sicher, euch wieder zu sehen!". Ja, und Steve ist auch zurück, hat wohl nicht wie erhofft Arbeit gefunden, um länger im Ausland bleiben zu können.

Schnee

"Ach ja, und unser Freund Eric aus Europa hat mittlerweile Einreiseverbot in die USA. Er dürfte Probleme mit seinem Visum gehabt haben und konnte nicht beweisen, dass er so lange legal als Tourist in Alaska war. Nun hat ihn die Immigration erwischt, ihn ausgeführt und ihm obendrauf ein zehnjähriges Einreiseverbot verpasst. "Gut, dass wir uns schon lange vor unserer Reise durch die Nordwest Passage um ein verlängertes Touristenvisa für die USA gekümmert haben," denke ich bei mir. Immerhin wären derartige Sanktionen für uns mehr als nur ein Problem, wo sollten wir auch um diese Jahreszeit und an dieser Küste mit LA BELLE EPOQUE hin?! Aber gut, als Fahrtensegler weiß man ja, dass man Behörden und Auflagen in fremden Ländern nicht auf die leichte Schulter nehmen darf und sich stets rechtzeitig um die Papiere für sich und sein Schifferl kümmern muss.

Graig gesellt sich zu uns, läd uns ein, am Wochenende doch mal rüber auf die andere Seite der Cove zu seinem Haus zu kommen. "Wetherly und die Kids sind übers Wochenende auch da, kommt doch einfach mal vorbei!". Der junge Austernfarmer ist vor ein paar Jahren mit seiner Familie von der Ostküste nach Alaska gekommen. Bereits in Maine und in Neufundland haben die Beiden von der Fischerei gelebt, bis sie ihren Traum, ein wenig mehr von Nordamerika zu sehen, wahr gemacht haben und eine Reise quer durchs Land unternommen haben. Alaska hat sie sogleich in Bann genommen und der Beschluss, hier zu bleiben, viel ihnen leicht. Als junger, fleißiger Fischer viel es Graig auch nicht schwer, hier Fuß zu fassen: Er fand Arbeit auf Dorsch- und Krabbenfischern im Winter und auf Lachsfang im Sommer. Nebenbei sammelte er Kohle auf den Stränden, um damit die Menschen von Homer zu versorgen und gemeinsam mit Wetherly baute er die Austernfarm auf, während sie ein Haus in Halibut Cove bauten und ihre kleine, feine Familie gründeten. Kinder brauchen aber auch Ausbildung und so wurde auch das Haus in Homer nicht aufgegeben, die Familie pendelt nun zwischen den beiden Wohnsitzen hin und her. "Was soll ich sagen, wir haben das Glück, in den beiden schönsten Welten zu leben - in der Ruhe und Natur von Halibut Cove, und in der Gemeinschaft des freundlichen Städtchens Homer!" hat mir Wetherly einmal lachend erzählt. Recht hat sie, doch kann sie auch stolz darauf sein. Graig und Wetherly haben viel Arbeit, Einsatz und Zielstrebigkeit aufgebracht, um so leben zu können.

Drüben bei Jim´s Lodge wird ebenfalls fleißig gearbeitet. Terra fährt den Bobcat mit Schneefräse den Hügel rauf und runter, kümmert sich darum, dass Jim´s Wege wieder befahrbar werden. Nicht, dass es hier entlang der Halibut Cove irgendwo ein Auto gebe. Geschweige denn, dass Strassen zu diesem schönen Winkel der Welt führten. Nein, aber trotzdem gibt es Wege und Vehikel, mit denen durch den Wald gefahren wird. Wenn gerade kein Boot als Fortbewegungsmittel genützt wird, dann muss eben der Vierradler, das mit Schneeketten ausgestattete Golfcart oder der kleine John Deer Pritschenwagen her. Nur Diana, die ihre täglichen Runden zu Fuß dreht und jeden Stein der Insel wie kein anderer kennt, wundert sich manchmal darüber. Ihr Leben besteht eben aus Bewegung und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht durch den Schnee stapft, über die Hügel zu einem Nachbarn marschiert oder entlang der Wasserkante auf dem, von der Ebbe freigegebenen, Strand wandert.

Auch wir nutzen die wärmenden Sonnenstrahlen, packen erneut unser Großsegel aus. Wir haben uns entschieden, das alte Segel wieder auf Vordermann zu bringen, um doch noch so viele Meilen als möglich aus ihm zu bekommen. Die Näherei in Homer hat gute Arbeit geleistet, den hässlichen Riss wieder faltenfrei geflickt und das Segel an seiner Schwachtstelle mit neuem Tuch verstärkt. Doch ist damit die Arbeit nicht getan. Langsam hissen wir das Segel, überprüfen Naht für Naht und beginnen mit klammen Fingern, die Nähte von Hand nach zu bessern. Es hilft nichts, das Segel ist eben alt, hat schon etliches abgekommen und so gehen die Nähte eben langsam auf. Doch das Tuch ist noch stabil genug und die Arbeit, die Nähte neu nachzustechen, wird sich hoffentlich lohnen.

Irgendwann haben wir kein Gefühl mehr in den Fingern und viel zu bald verschwindet die Sonne hinter den Bergen. Schnell ist der Entschluss gefasst, das Segel vom Baum zu nehmen und in den Salon zu räumen. Viel zu kalt ist es draussen, um die nächsten Tage auf Deck das Segel zu nähen. Und so haben wir plötzlich abends wieder alle Hände voll zu tun. Und sind wir nicht gerade bei Jim, Clam, Diana oder einem anderen Nachbarn in der Cove eingeladen, verbringen wir nun unsere Abende am Salontisch mit den Nadeln in den Händen!

Winter

Schneetreiben in Halibut Cove

Kaum ein Tag, an dem nicht auch mal die Sonne heraus schaut!

Hailbut Cove

Nachbarhäuser in Halibut Cove

Aussicht vom Boot

Aussicht vom Boot

Halibut Cove

Einzelne Wolken hängen noch über den Bergen

Skiff

Jim leiht uns sein zweites Skiff und wir können unserem desolaten Dingi eine kleine Pause gönnen!

Winter in Stillpoint Lodge

Winter in Stillpoint Lodge

Halibut Cove

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Winter in Alaska, mit dem Segelboot in Halibut Cove

 

 

 

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